Würzburg

Das ganz reale Leben?

Wer die Wirklichkeit verschweigt oder verdrängt, macht sich mitschuldig am Abbau von Demokratie und Freiheit. Für Medien, welche die Informationspflicht ernst nehmen, darf es deshalb keine Tabuthemen geben.

Fernseher und Würmer
„Wer sich zum Wurm macht, soll nicht klagen, wenn er getreten wird“, sagt Immanuel Kant. Foto: Adobe Stock

Es ist schon merkwürdig, wie aktuell ein gewisser Immanuel Kant heute zu sein scheint. Der Philosoph, der nie über sein Königsberg hinauskam, würde sich wohl wundern, wenn er heute – vor allem in Deutschland – das Maß an betreutem Denken wahrnehmen könnte. Das scheint immer beliebter zu werden. Es scheint jedenfalls so, wenn man noch glaubt, dass die Medien ihrer Aufgabe sorgsam nachkommen und die Wirklichkeit so abbilden, wie sie tatsächlich ist. Kant wäre heute ein politisch völlig unkorrekter Störenfried, wenn er ausgerechnet jetzt fordern würde: „Mensch, habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Im einstigen Land der Dichter und Denker würde er vermutlich ausmachen, dass die Sache mit der Aufklärung, die ja der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit (… ist, sein sollte), irgendwie nicht mehr ganz verstanden sein will (oder: wird????). Wer genauer hinschaut, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele daran arbeiten, den Eingang in eine selbst verschuldete Unmündigkeit zu suchen – oder sich zumindest willenlos beziehungsweise ängstlich dorthin treiben zu lassen. Ist hier vielleicht eine andere Aussage des Königsbergers zutreffend und aktuell:

Die Getretenen, die alles andere als ein Wurm sein möchten, gibt es reichlich. Manche reiben sich wohl die Augen, wenn sie mit Fakten konfrontiert werden, die offensichtlich der nun wirklich nicht ganz treuhänderisch medial angebotenen angeblichen „Wirklichkeit“ entsprechen. Ein Schelm, der im Blick auf die meisten Medien daran erinnert, dass schon Hermann Lübbe den Triumph der Gesinnung über den Verstand diagnostizierte. Medienleute hingegen, so hieß es früher einmal, seien dazu berufen, möglichst nonkonformistisch und unabhängig und gesinnungsfrei Fakten zu berichten, also gleichsam sicherzustellen, dass die beobachtete Primärwirklichkeit durch die Vermittlung des Mediums bei Informationsempfänger möglichst so ankommt, dass sie vergleichbar ist mit dem Original und entsprechend wahrgenommen werden kann.

Demoskopie unterstützt die Wahrnehmung

Genau hier scheint heute eine gigantische Pflichtverletzung markiert werden zu müssen. Offenbar gibt es eine Mehrheit in Deutschland, die sich ihres eigenen Verstandes sehr wohl bedient – sich aber nicht mehr traut, dies öffentlich und vernehmbar zu zeigen. Wer die im Mai vorgelegten Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zur Meinungsfreiheit des Instituts für Demoskopie Allensbach zur Kenntnis nimmt, muss erschrocken sein. Warum? Weil die Meinungsfreiheit rapide im Rückzug ist und massiv bedroht wird. Und das ist nicht gut, jedenfalls aus der Sicht derer, die für Aufklärung und Demokratie sind und wollen, dass auch morgen noch Freiheit möglich ist. Der Triumph der Gesinnung über den Verstand und die Vernunft aber ist eine inhumane Deformation, die eines Tages alle betreffen kann.

Einem Beitrag aus der Feder der Institutschefin, Renate Köcher, in der FAZ verdanken wir, dass die so wichtigen Zahlen nicht gänzlich ins Reich des Verschweigens und Leugnens verschwunden sind. Die sogenannten Qualitätsmedien, allen voran die Öffentlich-Rechtlichen, sahen keine journalistische Veranlassung zur Information. Lückensender und Lückenpresse hatten hier wieder einmal den „Mut zur Lücke“. Renate Köcher schrieb in ihrem Beitrag unter anderem: „Annähernd zwei Drittel der Bürger sind überzeugt, man müsse heute ‚sehr aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert‘, denn es gäbe viele ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen akzeptabel und zulässig sind.“

Bemerkenswert dabei ist näherhin: Die Mehrheit der Befragten nennen als Tabuthemen „Flüchtlinge“ (hier sind es 71 Prozent), gefolgt von „Muslime und Islam“ und „Nazizeit und Juden“. Die Menschen haben hier mehrheitlich den Eindruck, in ihrer Meinungsfreiheit stark eingeschränkt zu sein. Das gelte auch – allerdings etwas weniger deutlich – bei Themen wie „Rechtsextremismus und AfD“, „Patriotismus“ und „Homosexualität“ sowie „drittes Geschlecht“. Hingegen könne man tabufrei öffentlich diskutieren bei den Themen „Klimaschutz“, „Gleichberechtigung“, „Arbeitslosigkeit“ und „Kindererziehung“.

Patriotismus und Populismus

Auch diese Beobachtung aus dem ganz realen Leben, die nun demoskopisch unterfüttert wird, sollten sich manche zu Herz und Verstand nehmen: „Geblieben ist der Eindruck, dass die Eliten die Sorgen der Bevölkerung nicht ausreichend ernst nehmen und sogar unter Verdacht stellen.“ Es gibt, was jedem Wachen keine Überraschung mehr ist, viele Bürger, die regelrecht fürchten, rasch als „rechts“ abgestempelt zu werden. Zu Unrecht.

Und so sehen weitere Zahlen aus: Noch 1996 hielten nur 16 Prozent der Befragten das Thema „Patriotismus“ für „heikel“ in der öffentlichen Debatte. Inzwischen sind es 41 Prozent. Köcher dazu: „Auch hier ist sich die Bevölkerung jedoch nicht mehr so sicher, ob die Eliten mit ihrer überzeugten Unterstützung der europäischen Integration und in einer globalisierten Weltwirtschaft die Nation noch hochhalten. (…) Mit dem Aufkommen nationalistischer und gleichzeitig europakritischer Gruppierungen wurde Patriotismus immer mehr zu einem aufgeladenen, kontroversen Thema – auch weil Bürger zunehmend fürchten, als rechtsaußen zu gelten, wenn sie sich als Patrioten outen.“

Die Zeiten, in denen man sich selbstverständlich als deutscher Patriot und begeisterter Europäer zugleich geben konnte und hierin kein Widerspruch gegeben war, scheinen vorbei. Das aber ist mehr als eine Lappalie oder Petitesse. Es sagt etwas über den gelebten Zwiespalt zwischen eigener Identität und medial-gesellschaftlicher Einschüchterungswirklichkeit aus, was definitiv nicht gut ist für eine lebhafte und damit überlebensfähige Demokratie. Es ist zumindest eine gelbrote Karte, wenn 59 Prozent der Befragten sich nicht mehr trauen, ihre Meinung in der Öffentlichkeit frei zu äußern. Wer diese Wirklichkeit verschweigt und – aus welchen Gründen auch immer – verdrängt, macht sich mitschuldig am Abbau von Demokratie und Freiheit. Noch einmal: Die mit Zwangsgebühren satt finanzierten Öffentlich-Rechtlichen (ARD und ZDF) mit ihrem „Informationsauftrag“ informierten über diese Fakten – nicht! Gar nicht.

Den Weckruf, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und der Verantwortung endlich gerecht zu werden, muss man heute vor allem an die Medien richten. Lautstark. Deutlich. Unerschrocken. Im Dienst der Freiheit. Der Demokratie zuliebe. Es ist höchste Zeit, die – in wessen Auftrag und in welcher Abhängigkeit auch immer gepflegte – Fake-Blase zu zerstören, auf dass Medien von der längst erklommenen Kanzel wieder zur vierten (!) Gewalt im Staate werden. Jürgen Liminski spricht (vgl. i-daf-Newsletter Mai 2019) auch in diesem Zusammenhang davon, dass Ideologien und Meinungen nur noch propagiert und nicht mehr an der Wirklichkeit und Logik gemessen werden: „Das Publikum fragmentiert und lebt in seinen Echo-Kammern. Darin herrscht oft die Ächtung des Andersdenkenden.“ Und deshalb sei auch „die Meinungsfreiheit gefährdet und mit ihr die Demokratie.“

Information ohne Mutmaßung

Es ist eine – man möchte sagen – reichlich perfide Form der Dekadenz, die Arnold Gehlen zur Zeit der 68er-Revolte so kennzeichnete und die irgendwie aktuell erscheint: „Wenn die Gaukler, Dilettanten, die leichtfüßigen Intellektuellen sich vordrängen, wenn der Wind allgemeiner Hanswursterei sich erhebt, dann lockern sich auch die uralten Institutionen und strengen professionellen Körperschaften: das Recht wird elastisch, die Kunst nervös, die Religion sentimental.“

1987 erschien ein Buch von Elisabeth Noelle-Neumann und Heinz Maier-Leibnitz, das einen keineswegs veralteten Titel trägt: Zweifel am Verstand - Das Irrationale als die neue Moral. Renate Köcher schrieb in ihrem Vorwort damals: „Nur durch eine Zurückdrängung der Ideologie kann die Versöhnung von Fakten und Wertvorstellungen gelingen.“ Diese Zurückdrängung der Ideologie beginnt heute wohl auch dort, wo man vergleichbare Verbrechen vergleichbar behandelt und gleichermaßen verantwortungsbewusst unter Verzicht auf Mutmaßungen berichtet und informiert.

Jeder Freiheitsverlust beginnt mit der Lüge. Aber: Mord ist Mord. Verbrechen ist Verbrechen. Egal, ob man den oder die Täter mag oder nicht. Und jedes Verbrechen verdient eine Strafe. Vergleichbare Verbrechen verdienen vergleichbare Strafen. Denn: Aus einer sanktionslosen und schrankenlosen Demokratie wird allzu schnell ein funktionsloses und unfreies System. Die Zerstörung der Freiheit beginnt im Kopf, wo aus Freiheit Feigheit wird, die sich in Diktatur zeigt. Diktatoren, welcher Art auch immer, sind letztlich nichts als primitive Feiglinge.

Wer selbst ein Wurm ist, will, dass auch andere sich zum Wurm machen (lassen), um getreten werden zu können. Wenn wir herauswollen aus der selbstgezimmerten Falle des „Triumphs der Gesinnung über die Urteilskraft“ (Lübbe), dann brauchen wir dringend den Mut, uns unseres eigenen Verstandes wieder zu bedienen, also selbst zu denken und nach reif(lich)er Überlegung frei zu reden.

Wer Angriffe auf die Meinungsfreiheit beklagt, gerät in eine fiese Ecke und scheint untragbar zu werden. Doch die störenden Fakten belegen: Diese Sorge im Dienst einer wachen Demokratie ist mehr als berechtigt.