Das Wissen von Kulturen sollte Frieden stiften

Die Meister der Farbfotografie vor dem Ersten Weltkrieg hofften noch auf eine weltverändernde Kraft der Bilder. Von Sylvia Brück

Die frühe Fotografie hat auch die traditionelle Familie dokumentiert: Paris, eine Familie in der Rue du Pot de fer, 24. Juni 1914. Foto: LVR
Die frühe Fotografie hat auch die traditionelle Familie dokumentiert: Paris, eine Familie in der Rue du Pot de fer, 24. ... Foto: LVR

Der Professor für Fotochemie an der Berliner Technischen Universität, Adolf Miethe (1862–1927), entdeckte im Frühjahr 1902 die Dreifarbenfotografie. Bereits 1873 experimentierte sein Vorgänger Hermann Wilhelm Vogel mit der Sensibilisierung der Farbe Grün auf fotografischen Platten und Filmen. Diese waren jedoch sehr stark blauempfindlich und konnten andere Farben nicht wahrnehmen. Der Durchbruch gelang Miethe gemeinsam mit seinem Assistenten Arthur Traube: Sie fügten der fotografischen Schicht schließlich jene Farbstoffe bei, die alle Farben farbwertrichtig registrieren konnten.

Miethe machte noch eine weitere Entdeckung: wenn jeweils eine Aufnahme durch einen roten, grünen und blauen Filter gemacht wurde, konnten die drei Bilder als Farbbild in Projektion oder Druck wieder zusammengesetzt werden. Dieses Verfahren war im Gegensatz zum Autochrom-Verfahren bestens für Verlagswerke geeignet. Im Auftrag des Kaiserhauses erstellte Miethe für die Weltausstellung 1904 in St. Louis (Missouri, USA) eine Vorführung deutscher Landschaften. Mit dem Stollwerck-Schokoladen-Bilderalbum entstand der erste gedruckte fotografische Farbbildband der Welt.

Einige wenige Buchpublikationen Miethes sind erhalten geblieben und waren kürzlich in der Ausstellung „Die Welt um 1914. Farbfotografie vor dem Großen Krieg“ im Martin-Gropius-Bau Berlin zu sehen. Ein Band zur Ausstellung trägt nun die Ergebnisse zusammen. Damit wird an gleich drei große Unternehmungen mit der damals neuen Technik der Farbfotografie erinnert. Mit „Les Archives de la planete“ schuf der jüdische Bankier und Philantrop Albert Kahn (1860–1940) einen unermesslichen Schatz an Erinnerungen an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, gebannt auf Foto und Film. Als feste Fotografen und Filmemacher arbeiten Léon Busy, Auguste Léon und Stéphane Passet und zeitweise Jules Gervais-Courtellemont und Marguerite Mespoulet für das „Les Archives de la planete“. Das Archiv besteht aus mehr als 72 000 farbigen Diapositiven/Autochromplatten, Schwarz-Weiß-Aufnahmen und über 100 Stunden Film. Es ist auch deshalb so einzigartig, da es mit den Augen der Vergangenheit betrachtet werden muss. Hundert Jahre später gängige, vertraute Motive wie etwa das Taj Mahal, die Chinesische Mauer, der Suez-Kanal oder auch Alltagsgegenstände fremder Kulturen waren seinerzeit noch unbekannt und fremdes Terrain. Etwa 2 200 Bildern sind noch verfügbar seit ihrer Entstehung vor 100 Jahren.

Der Humanist Kahn glaubte an die aufklärerische und weltverändernde Kraft der Bilder – davon zeugt auch der Arte France Film von 2006 „Albert Kahn, Banker und Pazifist“ von Mehdi Lallaoui. Der Regisseur hat für diesem 52 Minuten dauernden Film Tausende von Autochromplatten und circa 200 Kilometer Filmmaterial gesichtet, das in der Foundation Kahn in Boulonge-Billancort aufbewahrt wird. Die Vision des Pariser Mäzens Albert Kahn war es, nichts Geringeres als die Vielfalt der Kulturen der Welt zu dokumentieren und damit zugleich an die Völkerverständigung zu appellieren. Im Vorwort des Ausstellungskataloges heißt es treffend: „Dies geschah in dem heute noch aktuellen Glauben, Wissen voneinander fördere den Frieden und die Kenntnis der Kulturen der Welt lasse auch uns selbst zu weltoffeneren, ja ,besseren‘ Menschen werden.“

Ab 1909 schickte Albert Kahn von Paris aus bis zu vier Fotografen und Filmkameramänner gleichzeitig in alle Teile der Welt und vergab auch Reisestipendien für junge Wissenschaftler, zu denen erstmals 1905 auch Frauen zulassen worden. Aus den Reiseberichten der Stipendiaten ging der Debattierclub La Société/Le Cercle Autour du Monde hervor. Fotografiert wurde mittels des Autochrom-Verfahrens der Gebrüder Lumiere. Das Verfahren der Autochrom-Farbrasterplatte basierte auf einer Schwarz-Weiß-Emulsion, welche über Farbpigmente in orange, grün und violett auf der Basis aus Kartoffelstärke und Ruß gegossen wurde. Das entstandene Diapositiv konnte projiziert oder auch als Vorlage für einen Drei- oder Vierfarbdruck benutzt werden. Die Brüder Auguste Marie und Louis Jean Lumiere schufen in Lyon bis zu den Farbfilmen der 1930er Jahren den Weltstandard für Farbfotografie.

In einem dritten Teil sind Farbfotografien von Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii (1863–1944) zu sehen. Prokudin-Gorskii, Inhaber eines St. Petersburger Studios, hospitierte 1902 als Assistent Adolf Miethes. Er schuf mehr als 2 500 Bilder im Auftrag des zaristischen Russlands und Zarenreichs von 1909 bis 1915. Die ungewohnte Farbästhetik beeindruckte den Regenten Nikolaus II. „Schon nach dem allerersten Bild, als ich das zustimmende Flüstern des Zaren hörte, war ich mir sicher, dass ich Erfolg haben würde.“ Ziel war es, die Aufnahmen in großen Stückzahlen zu produzieren und sie als Projektionen im Schulunterricht einzusetzen. Neben Landschaften, historischen und religiösen Stätten, Architektur und technische Entwicklung sollten aber auch Menschen in ihrem unmittelbaren, alltäglichen Lebensumfeld abgelichtet werde. Aufgrund der langen Belichtungszeiten mussten die Protagonisten oft sekundenlang bewegungslos verharren. So wirken die um 1911 in der Provinz Perm/Sibirien gemachte Aufnahme einer Bäuerin beim Flachsbrechen oder im gleichen Jahr das Porträt eines Höheren Beamten in Buchara/Turkestan aufgrund der farblichen Brillanz wie gemalt oder nachkoloriert. Gewünscht waren unpolitische Bilder unter Ausblendung wirtschaftlicher und sozialer Probleme. Auch Gorskii war, genau wie Kahn und seine „Operateure“, zu dieser Zeit nach Ausbruch des Krieges im Jahr 1914 gezwungen, für das Militär zu arbeiten.

Der wohltuende Unterschied des Katalogs zu üblichen Ausstellungskatalogen besteht darin, dass die gezeigten Fotografien im Anhang beschrieben und interpretiert werden. Als Beispiel sei ein Bild von Stéphane Passet aus China genannt: Junger Infanteriesoldat in der Uniform des neuen Armeekorps. 26. Mai 1913. Zu sehen ist ein junger Infanteriesoldat in der Uniform des neuen Armeekorps. Ein schmalbrüstiger, schlaksiger junger Mann mit hängenden Schultern, überlangen Gliedmaßen und großen, schmalen Händen mit langen Fingern, den Blick gesenkt, die Lippen sind fest aufeinandergepresst. Hier die Bilderläuterung Christoph Antweilers: „Der junge Infanteriesoldat scheint nicht zu wissen, welchen Sinn seine neue Armeekorpsuniform oder gar seine Tätigkeit hat. Als Vision können wir uns vorstellen, dass der Frieden in Form tropisch wuchernder Vegetation schon Teile der militärischen Kriegsfestung erobert hat. Auch direkt neben dem Soldaten sind bereits Pflanzen zu sehen. So interpretiert, kann dies Bild als eines der stärksten pazifistischen Bilder des Panoptikums gelten. Wir können Kahns Projekt als mediale Utopie in Vorkriegszeiten verstehen.“

Christoph Antweiler: 1914 – Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg. Herausgegeben vom LVR-LandesMuseum Bonn, 144 Seiten, ISBN-13: 978- 3775736442, EUR 24,80