Das System der einen Welt

Facebook geht an die Börse und kommerzialisiert das Sozialleben. Von Clemens Mann

Mark Zuckerberg, der Guru des sozialen Lebens, wird mit dem Börsengang seines Unternehmens weitere Milliarden Dollar einspielen. Foto: IN
Mark Zuckerberg, der Guru des sozialen Lebens, wird mit dem Börsengang seines Unternehmens weitere Milliarden Dollar ein... Foto: IN

Die Gerüchteküche um den Börsengang des Internetgiganten Facebook brodelt gewaltig: Gleich mehrere, teils widersprüchliche Berichten über das Interesse institutioneller Anleger an den Aktien des größten Social Networks weltweit tickerten am Wochenende in den Nachrichtenagenturen. Erst dämpfte die Finanznachrichtenagentur Bloomberg mit der Meldung, Großinvestoren zeigten wenig Begeisterung für die Aktie, die Erwartungen. Später hieß es beim US-Nachrichtensender CNBC, der Börsengang sei so überzeichnet, dass Facebook sogar die anvisierte Preisspanne von 28 bis 35 Dollar pro Aktie anheben könnte. Von einem mangelnden Interesse von Fonds und Banken keine Spur.

Wie hoch der Ausgabepreis der Aktien letztlich liegen wird, entscheidet sich wohl am Donnerstag. Fest steht schon jetzt, dass mit Facebook am Freitag ein Gigant der Internetwelt das Parkett der Börsen betritt. Es wird der mit weitem Abstand größte Börsengang eines Internetunternehmens weltweit sein. Über 11,8 Milliarden Dollar will Facebook mit seinem Börsengang einnehmen – wenn die Preise für die Aktionen unverändert bleiben. Das Unternehmen des Gründers Mark Zuckerberg, der für einige Jahre auf der Harvard University studierte, soll dann einen Wert von etwa 96 Milliarden Dollar haben. Facebook katapultiert sich auf einen Schlag unter die 60 teuersten Unternehmen weltweit – und Zuckerberg zum Multimilliardär. Zum Vergleich: Die deutschen Schwergewichte Siemens, der Softwareproduzent SAP, der Chemiekonzern BASF und Volkswagen wäre jeder für sich allein deutlich weniger wert als das US-Unternehmen.

Ob Facebook allerdings wirklich seine knapp 100 Milliarden Dollar wert ist, bezweifeln Experten. Der erfolgreiche Staranleger Warren Buffet, der als Orakel für die gesamte Branche gilt, warnte vor dem Kauf der Aktie. Der Wert des Unternehmens sei sehr schwer festzustellen. Börsenexperten zweifeln auch daran, ob das Unternehmen mit Hauptsitz im kalifornischen Mountain View seine Unternehmensziele einhalten kann. Die Wachstumsaussichten sind für die Börsianer ein entscheidendes Kriterium für einen Kauf. Zurückgehende Gewinne im ersten Quartal und ein langsameres Wachstum beim Umsatz geben ihnen recht. Als schwere Last dürfte sich auch das fehlende Konzept bei mobilen Endgeräten erweisen. Smartphones und Tablet-PCs sind äußerst beliebt. Von 901 Millionen Mitgliedern von Facebook nutzen inzwischen 488 Millionen das Netzwerk von mobilen Geräten aus. Tendenz steigend. Das Problem: Facebook generiert einen Großteil seiner Einkünfte mit Werbung. Diese ist allerdings auf den klassischen PC zugeschnitten. Bisher sehen Nutzer des Netzwerkes auf Smartphones und Tablets keine Werbung. Und auch die Erlöse aus dem Werbegeschäft auf mobilen Geräten sind deutlich niedriger. In seinem Börsenprospekt räumt das Unternehmen ein, dass dieser Trend hin zu mobilen Geräten weiter die Geschäftszahlen belasten könnten.

Um den Hype um das Netzwerk nicht in einer Blase platzen zu lassen, muss die Unternehmensleitung um Zuckerberg seine Geschäftszahlen steigern. Und allein mit steigenden Nutzerzahlen dürften die Erwartungen nicht zu befriedigen sein. Facebook muss den Gewinn des Netzwerks je einzelnem Nutzer – derzeit macht Facebook pro Nutzer etwa 1,2 Dollar – steigern. Wohin das führt, dürfte klar sein: Die Kommerzialisierung des Soziallebens von Hunderten von Millionen Menschen auf dem gesamten Globus wird weitergehen und ungeahnte Ausmaße erreichen. Das heißt mehr Werbung, die aufgrund der von Nutzern preisgegebenen und ausgelesenen Daten, genauer auf die Nutzer zugeschnitten ist. Empfehlungen von Freunden für Freunde gelten als besonders wirksame Werbung. Gerade hier stagniert aber die Entwicklung. Es heißt aber auch, dass Facebook mehr Unternehmen den Zugang zu seinem Netzwerk und seinem Datenschatz ermöglichen wird. Erst kürzlich kündigte Zuckerberg die Gründung einer eigenen App-Plattform für Facebook an, die Ergänzungen für das Netzwerk bieten sollen. Mit Apps von Drittanbietern und den daraus resultierenden Partnergeschäften generiert das Unternehmen einen nicht unerheblichen Anteil an seinem Umsatz. Facebook hat dafür extra eine eigene Währung eingeführt, die für Mini-Transaktionen für Spiele genutzt werden kann. Problematisch dabei: Mit jeder Anwendung, die User auf dem Netzwerk bestätigen, erhalten die Macher des kleinen Programms Informationen über die Nutzer. Änderungen in den Datenschutzbestimmungen werden die Nutzer des Netzwerkes deshalb auch in Zukunft weiter begleiten. Der Druck auf das Netzwerk, gewinnbringend zu sein, wächst mit den Investorenerwartungen. Die Datenschutzbestimmungen dürften da nur hinderlich sein.