Das Star Wars-Evangelium

Herz ist Trumpf – nicht nur in Geschichten und Dramen, auch im wahren Leben. Doch man muss auch wagen, es in die Hand zu nehmen. Von Ingo Langner

Star Wars in Malaysia
Die „kleine Herde“ der eingefleischten „Star Wars“-Fans rückt auch gern schon mal mit Insignien der „Macht“ ins Kino. Die Menschen lieben eben die klassischen Mythen. Foto: dpa
Star Wars in Malaysia
Die „kleine Herde“ der eingefleischten „Star Wars“-Fans rückt auch gern schon mal mit Insignien der „Macht“ ins Kino. Di... Foto: dpa

Es geschieht im „Zweiten Akt“. Dort nämlich führt uns Heinrich von Kleist auf das „Schlachtfeld bei Fehrbellin“ und lässt Prinz von Homburg im nach ihm benannten Schauspiel sagen: „Auf, Kottwitz, folg mir! Auf! Laß Fanfare blasen!“. Worauf ihn der Obrist pflichtschuldigst an den kurfürstlichen Befehl erinnert, „daß wir auf Order warten sollen“ und Eigenmächtigkeit nicht erlaubt sei. Hier nun geschieht das unerwartet Ungeheuerliche. Statt sich zu fügen überwindet Homburg alle Regeln, die das Schema F von ihm verlangt, sagt: „Auf Ord'r! Ei, Kottwitz! Reitest du so langsam? Hast du sie noch vom Herzen nicht empfangen?“, sprengt mit dem nun auch vom eigenen Herzen mitgerissenen Kottwitz und seinen Truppen ins Getümmel und gewinnt die Schlacht.

Das Herz also. Wieder einmal und wie unzählige Male in Kunst und Leben zuvor wird dies Organ genannt, wenn Menschen anderen Menschen glaubhaft machen wollen, was mit kühlem Kopf nicht greifbar ist. Wenn es also um die Lösung für Probleme geht, die William Shakespeare seinen Hamlet so formulieren lässt: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“ Warum die deutschen Übersetzer Shakespeares „philosophy“ zur sprichwörtlich gewordenen „Schulweisheit“ gemacht haben, mag nicht nur für Philologen interessant sein. Hamlet jedenfalls spricht von den Dingen zwischen Himmel und Erde, die sich einer philosophischen Schule entziehen, die es für unmöglich hält, dass ihm der Geist seines ermordeten Vaters nachts erscheint und Rache von ihm fordert. Und in der Tat, Geister jedweder Art gehören für neuzeitliches Denken der Welt der Voraufklärung an, und dieses Denken hat, wir wissen es nur zu genau, mit ihren technischen Errungenschaften nicht bloß die Toten mausetot gemacht, sondern auch gleich alles andere mit abgeräumt, das sich nicht ins materialistische Raster fügen will. In diesen Weltensphären zählt nämlich nur, was sich wägen oder messen lässt. Gleichviel, ob es sich um Dampfmaschinen, Autos oder Algorithmen handelt. Dort kann es auch keinen Zweifel am Tode Gottes geben, und wo kein Gott mehr ist, da sind auch alle Engelscharen überflüssig, und ein postumes Jenseits ohnehin. Doch immer, wenn es nur noch auf das krude Hier und Jetzt ankommt, sind Menschen aufgetaucht, deren Herzen anders schlagen. Einer von ihnen ist der 1944 in Kalifornien geborene George Lucas. Der Produzent, Autor und Regisseur hat es nicht nur geschafft, mit seinen Filmen ein Milliardenvermögen zu erwirtschaften, er hat jenseits vom Mammon eine fiktionale Welt kreiert, die all jene Elemente wieder zusammenfügt, die ein kalter Rationalismus meinte für immer abgeräumt zu haben. Womit wir hier speziell eine von Lucas realisierte Serie von Filmen meinen, die als „Star Wars-Saga“ seit vierzig Jahren weltweit ein Millionenpublikum in ihren Bann zieht und deren „Episode VIII“ seit Mitte Dezember auch in den deutschen Kinos zu sehen ist.

Wer über die dort vielfältig vorhandenen bizarren Figuren und irreal anmutenden technischen Tricks hinausdenkt, wird in „Star Wars“ ein Erzählkonzept erkennen, das von den Mysterienspielen des Mittelalters inspiriert ist. Weil es für Gott keinen Unterschied der Zeiten gibt, ragt auch dort die Zukunft schon in die Gegenwart hinein, und auch dort sind, wie uns Erich Auerbach in seiner „Mimesis“ mitteilt, „alle Ereignisse des Weltgeschehens grundsätzlich mitenthalten, und alle Höhen- und Tiefenlagen menschlichen Verhaltens sowie alle Höhen- und Tiefenlagen seines stilistischen Ausdrucks haben darin ihre moralisch wie ästhetisch wohlbegründete Daseinsberechtigung; so dass kein Grund für eine Trennung des Erhabenen vom Niedrig-Alltäglichen besteht, welche ja in Christi Leben und Leiden selbst unlösbar verbunden vorliegen.“

„Star Wars“ begann 1977 mit dem „Krieg der Sterne“, wurde 1980 mit „Das Imperium schlägt zurück“ fortgesetzt und schien 1983 mit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ schon an ein Ende gekommen zu sein. Weil jedoch im Filmgeschäft nichts so erfolgreich ist wie der Erfolg, begann man in den Jahren von 1999 bis 2005 damit, in einer sogenannten Prequel-Trilogie all das rückblendenhaft zu erzählen, was vor der ersten Episode geschehen war. Wozu vor allem gehörte, die Entwicklungsgeschichte der Haupthelden genealogisch aufzuschlüsseln und plausibel zu machen, wie und warum aus Gut Böse werden kann. Denn genau darum dreht sich in „Star Wars“ schlussendlich alles.

In dieser Saga rast man nicht nur mit Lichtgeschwindigkeit durchs All, dort kann auch der Wechsel von der guten zur dunklen Seite „der Macht“ in einem Wimpernschlag geschehen. Dieses Muster ist uns aus der Bibel bekannt. In der Genesis braucht es nur eine Schlange und sechs Sätze bis zum Sündenfall des Menschen, und im Neuen Testament ist es ein auf die Wange gehauchter Kuss, mit dem Judas Jesus verrät.

Vieles von dem, was in „Stars Wars“ Realität annimmt, ist unter „Schulweisen“ verpönt. Doch innerhalb eines Universums, in dem Telepathie und Teleportation makroskopischer Objekte selbstverständlich eingesetzt werden, sind die Grundmuster dennoch die uralten geblieben. In vielen Mythen, Märchen und Legenden spielen Liebe und Verrat die entscheidende Rolle, und zu allen Zeiten ist der Konflikt zwischen Vater und Sohn die Quelle großen Unheils. So auch in der „Star Wars-Saga“, die in den letzten beiden jüngsten Episoden VII und VIII ins Eschatologische zielt.

In „Das Erwachen der Macht“ scheint das Böse allmächtig geworden zu sein, und in „Die letzten Jedi“ gibt es am Ende des Films nur noch eine Handvoll Rebellen, die in letzter Sekunde der dunklen Seite entkommen können. Als selbst einer der mutigsten Widerständler fragt, ob eine so kleine Schar überhaupt eine Chance gegen das Böse hat, erhält er zur Antwort: „Wir haben alles was wir brauchen.“

Dieser Satz könnte auch dem Kurienkardinal Walter Brandmüller gefallen, der Ende Oktober in einem Zeitungsinterview auf die Frage, was er zu denen sage, die von der Kirche verlangen, sich in einer modernen Welt grundlegend zu ändern, weil sie sonst dem Untergang geweiht sei, so antwortet: „Im Evangelium ist nicht der gloriose Triumph des Glaubens und der Kirche prognostiziert, sondern der große Abfall. Da brauche ich nicht einmal die Apokalypse des Johannes aufzuschlagen, da genügen die vier Evangelien. Und entscheidend ist, dass die Kirche als solche nicht untergeht. ,Fürchte dich nicht, du kleine Herde‘, sagt Christus, ,denn euer Vater hat beschlossen, auch das Reich zu geben.‘ Das sind Dinge, die wir mit aller Klarheit erkennen und sagen müssen. Und dieses ständige verkrampfte Bemühen, ja keinen Anstoß zu erregen, bei allen lieb Kind zu sein, ist mit dem Evangelium, mit der Existenz des Christen in dieser Welt schlechterdings nicht vereinbar.“

Diese Worte mögen auch allen jenen ein Trost sein, die sich kurz vor dem Weihnachtsfest angstvoll fragen, was aus dem Christentum in einem Europa werden soll, das sich zumindest in seinen westlichen Ländern mehrheitlich vom christlichen Glauben abgewandt und der dunklen Seite des Unglaubens oder nicht-christlichen Religionen zugewandt hat. Das Herz eines Christen sollte sich von diesem Abfall nicht erschüttern lassen. Denn „Seid gewiss“ , hat uns der Auferstandene verheißen, „Ich bin bei auch alle Tage bis zum Ende der Welt“.