Das Raubein und der Schöngeist

Unter der Oberfläche eines Abenteuerfilmes zeigt „Der Seewolf“ das Aufeinanderprallen zweier Weltanschauungen

Die Faszination, die Naturburschen auf gewisse Intellektuelle ausüben, steht im Mittelpunkt von Jack Londons (1876–1916) Erzählung „Der Seewolf“. Der reiche, humanistisch gebildete Humphrey van Weyden gerät unbeabsichtigt auf ein Schiff namens „Ghost“, das Kapitän Wolf Larsen mit eiserner Hand steuert. Er schlägt seine Matrosen nieder, wenn er es für richtig hält. Symbolkraft für das strenge Regiment auf der „Ghost“ besitzt etwa Larsens Fähigkeit, eine rohe Kartoffel in der bloßen Hand zu zerdrücken.

Gespräche über Moral, Sozialdarwinismus und das Böse

Wolf Larsens Persönlichkeit stellt sich aber im Laufe der Zeit als viel komplexer heraus als zunächst angenommen. Denn Humphrey entdeckt in der Kapitänskajüte Literatur- und Geometriebücher, die er dort gar nicht vermutet hatte. Die Gespräche zwischen den beiden stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Sie drehen sich um Themen wie Moral, Sozialdarwinismus und das Böse.

„Der Seewolf“ wurde mehrfach verfilmt, so etwa 1941 von Michael Curtiz mit Edward G. Robinson in der Hauptrolle. In Deutschland ist vor allem der Fernseh-Vierteiler aus dem Jahre 1971 (Regie: Wolfgang Staudte) mit Raimund Harmstorf als Kapitän Wolf Larsen berühmt. Nun hat Tele München, die bereits die 1971er Miniserie produzierte, zusammen mit dem ZDF Jack Londons Roman als Zweiteiler verfilmt. Regie führt der Brite Mike Barker, der im Kino insbesondere mit der Oscar-Wilde-Adaption „Good Woman – Ein Sommer in Amalfi“ (DT vom 17.12.2005) bekannt wurde. Die Drehbuchadaption des Romans besorgte Nigel Williams. Ausgestrahlt wird der Fernsehfilm im ZDF am Sonntag, den 1. November und Mittwoch, den 4. November. In kurzen Szenen werden die Protagonisten vorgestellt: Wolf Larsen (Sebastian Koch) heuert für die Robbenjagd eine Crew für seinen Schoner „Ghost“, was sich allerdings schwierig gestaltet, weil „der Seewolf“ allgemein gefürchtet ist. Sein (in der Romanvorlage gar nicht vorhandener) Bruder Death Larsen (Tim Roth), zu dem er ein schwieriges Verhältnis unterhält, macht sich mit dem Dampfschiff „Macedonia“ ebenfalls in Richtung Japan auf. Hier fährt als Passagierin die junge Schriftstellerin Maud Brewster (Neve Campbell) mit, die in buchstäblich letzter Minute einer ungeliebten Verheiratung entkommen ist.

Es hat etwas Faustisches, das Jack London da versucht hat

Was Kapitän Death Larsen nicht weiß: Sie ist die Tochter seines verhassten Geldgebers. Zur gleichen Zeit sticht ebenfalls der Literaturkritiker Humphrey van Weyden (Stephen Campbell-Moore) auf der Fähre „Martinez“ in See.

Durch einen unglücklichen Zufall fällt Humphrey van Weyden ins Wasser und wird von der Besatzung der „Ghost“ gerettet. Der Schöngeist bittet Larsen, ihn im nächsten Hafen abzusetzen, was aber der raubeinige Kapitän verweigert. Van Weyden soll stattdessen als Schiffsjunge arbeiten, und wird dem Koch zugeteilt, der ihn nach allen Regeln der Kunst schikaniert. Der reiche, gebildete Jüngling sieht sich mit einer ihm unbekannten Welt konfrontiert, in der er sich behaupten muss.

Einer ganz anders gearteten Herausforderung sieht sich van Weyden indes gegenüber, als er herausfindet, dass Wolf Larsen nicht nur ein Tyrann („Ich gebe Befehle, und ihr müsst gehorchen“), sondern auch literarisch und philosophisch durchaus gebildet ist. Die Streitgespräche über existenzielle Fragen, die sich die beiden liefern, verknüpft die Regie mit den wechselvollen Ereignissen gekonnt. Enttäuschen die ersten Bilder von San Francisco im Jahr 1902, so wirken die Aufnahmen auf See und insbesondere die Robbenjagd sehr authentisch. Die Entscheidung, statt im Studio auf See zu drehen, macht sich im fertigen Film deutlich bezahlt.

Die ausgefeilten Dialoge, durch welche die Romanvorlage durchschimmert, lassen die von Larsen und van Weyden vertretenen, gegensätzlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen: Der Literaturkritiker repräsentiert die christlich gesinnte zivilisierte Welt, der Kapitän eine Art Sozialdarwinismus ohne jegliche Moral, nach dem nur die Härtesten ohne Rücksicht auf die Schwächeren überleben. „Es hat etwas Faustisches, das Jack London da versucht hat. Da sind diese zwei Seelen in seiner Brust“, führt dazu Hauptdarsteller Sebastian Koch aus.