Das Menetekel von Tschernobyl

Vor 30 Jahren ereignete sich die bis heute größte Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Hat die Menschheit daraus gelernt? Von Tobias Klein

Tschernobyl, April 2016: Ein über 100 Meter hoher und 30 000 Tonnen schwerer Bogen aus rostfreiem Stahl soll ab 2017 für 100 Jahre über dem explodierten Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl stehen. Foto: Andreas Stein/dpa
Tschernobyl, April 2016: Ein über 100 Meter hoher und 30 000 Tonnen schwerer Bogen aus rostfreiem Stahl soll ab 2017 für... Foto: Andreas Stein/dpa

Am 26. April 1986 führte im Atomkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat die außer Kontrolle geratene Simulation eines Störfalls zur Explosion eines Reaktors, bei der mehrere Trilliarden Becquerel radioaktiver Substanzen freigesetzt wurden. Tausende Quadratmeter landwirtschaftlicher Nutzfläche sowie Waldgebiete wurden dauerhaft radioaktiv verseucht, eine erhöhte Strahlenbelastung war in nahezu ganz Europa messbar. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde WHO starben mindestens 4 000 Menschen an den unmittelbaren Folgen des Unglücks und 4 000 weitere an Spätfolgen. Dies war der erste Unfall in einer zivilen Nuklearanlage, der auf der „Internationalen Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse“ (INES) in die Kategorie 7 („katastrophaler Unfall“) eingeordnet wurde; der bis dahin international aufsehenerregendste Atomunfall im Kraftwerk Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania im Jahr 1979 war lediglich ein Unfall der Kategorie 5 („ernster Unfall“) gewesen.

Die Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe auf das kollektive Bewusstsein waren gerade auch in (West-)Deutschland gravierend. Nachdem die Angst vor einem Atomkrieg, die erst wenige Jahre zuvor im Zusammenhang mit dem NATO-Doppelbeschluss erneut virulent geworden war, durch die Abrüstungsinitiativen des neuen KPdSU-Generalsekretärs Gorbatschow tendenziell nachgelassen hatte, verlagerte sich die Angst vor der tödlichen Wirkung von Radioaktivität nun verstärkt auf die zivile Nutzung der Kernenergie – ein Paradigmenwechsel, der sich bis in die Kinderzimmer hinein auswirkte: So veröffentlichte die Kinder- und Jugendbuchautorin Gudrun Pausewang, die erst 1983 mit „Die letzten Kinder von Schewenborn“ einen Roman über die Folgen eines nuklearen Krieges vorgelegt hatte, 1987 den Roman „Die Wolke“, der das Szenario eines Reaktorunfalls in Deutschland behandelt. Trotz der durch Tschernobyl ausgelösten massiven Anti-Atomkraft-Stimmung in der Bevölkerung blieben einschneidende umwelt- oder energiepolitische Konsequenzen jedoch vorerst weitgehend aus; in der Bundesrepublik wurden bis 1989 sogar noch sechs neue Atomkraftwerke in Betrieb genommen. Auch die Reaktionen seitens der Kirche ergaben ein uneinheitliches Bild. Während der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Kölner Erzbischof Kardinal Höffner, der bereits seit 1980 vor den Risiken der Kernenergie gewarnt hatte, öffentlich für einen Atomausstieg und die Förderung erneuerbarer Energien plädierte, reagierten andere Kirchenvertreter zurückhaltend. Die Angst vor den Risiken moderner Technologien dürfe nicht zu einer „Absage an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt“ führen, urteilte etwa der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Wetter.

Derweil wurde ebendiese Fortschrittsskepsis jedoch durch weitere von Menschen verursachte Umweltkatastrophen erneut angeheizt. Am 1. November 1986 brannte in Schweizerhalle eine Lagerhalle des Chemiekonzerns Sandoz ab; das abfließende Löschwasser verursachte eine gravierende Verschmutzung des Rheins, die, wie sich später herausstellte, von der benachbarten Chemiefirma Ciba-Geigi genutzt wurde, um die illegale Entsorgung von 400 Litern eines hochgiftigen Pflanzenschutzmittels im Rhein zu verschleiern. Die eingeleiteten Chemikalien färbten das Wasser des Rheins rot und verursachten ein massives Fischsterben – ein Szenario, das durchaus apokalyptische Assoziationen wecken konnte. Am 24. März 1989 löste die Havarie des Öltankers „Exxon Valdez“ vor Alaska eine Ölpest aus, die mehr als 2 000 Kilometer Küste verseuchte und zum Verenden von hunderttausenden Fischen, Seevögeln und anderen Tieren führte. Als im Zuge des Golfkriegs von 1991 irakische Truppen in Kuwait Ölquellen in Brand setzten und knapp eine Milliarde Liter Rohöl in den Persischen Golf einleiteten, wurde darin eine neue Art der „ökologischen Kriegführung“ gesehen, von der man fürchtete, sie könnte Schule machen.

Zweifellos haben diese und andere aufsehenerregende Katastrophen wesentlich zu einer Sensibilisierung für die Gefährdung des Ökosystems der Erde durch den Menschen beigetragen. Als Meilenstein für die Bemühungen um eine globale ökologische Wende gilt die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung im Jahr 1992 in Rio de Janeiro, die Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ als „wirklich prophetisch“ würdigt, gleichzeitig aber kritisiert, dass „die getroffenen Vereinbarungen nur ein geringes Maß an praktischer Umsetzung“ erfahren hätten (LS 167). Nachfolgende internationale Umweltgipfel wie jene von Kyoto 1997 oder Cancún 2010 erbrachten meist vergleichsweise enttäuschende Ergebnisse. Gleichwohl lässt sich feststellen, dass sich in der Weltöffentlichkeit seit den 1990er Jahren ein vertieftes ökologisches Problembewusstsein etabliert hat, das sich nicht allein auf spektakuläre Katastrophenfälle konzentriert, sondern zunehmend auch längerfristige und komplexere Faktoren wie den schleichenden Prozess der globalen Erwärmung, Ressourcenknappheit und den Verlust biologischer Vielfalt durch Artensterben in den Blick nimmt.

Auch die katholische Kirche hat sich seither verstärkt zu ökologischen Fragen geäußert. So bezeichnete der damalige vatikanische Untersekretär für die Beziehungen mit den Staaten und heutige Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in einer Ansprache vor der UN-Generalversammlung am 25. September 2007 den Umweltschutz als „moralischen Imperativ“; Papst Benedikt XVI. mahnte am 09. Juni 2011 in einer Ansprache an die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Botschafter, es sei „notwendig, unseren Umgang mit der Natur völlig neu zu überdenken“. Charakteristisch für die Stellungnahmen von Kirchenvertretern zu ökologischen Fragen ist die Betonung der Verantwortung jedes Einzelnen für die Umwelt sowie die Feststellung, die Lösung der globalen Umweltprobleme könne nicht allein auf technokratischem Wege gesucht werden. Papst Benedikt XVI. unterstrich mehrfach, unter anderem bei seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011, die Bedeutung einer „Ökologie des Menschen“: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann.“ Dieser Gedanke prägt auch die Umweltenzyklika „Laudato si‘“ von Papst Franziskus, die in besonderem Maße die ethischen und spirituellen Aspekte des Verhältnisses von Mensch und Umwelt hervorhebt und in der es heißt: „Die Gewalt des von der Sünde verletzten menschlichen Herzens wird auch in den Krankheitssymptomen deutlich, die wir im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Lebewesen bemerken“ (LS 2). Dieser Fokus auf die Verantwortung jedes Einzelnen für einen sorgsamen Umgang mit der Umwelt erscheint umso gebotener, als „kleine“, „alltägliche“ Umweltschädigungen durch Emissionen, die Produktion von Müll und die Verschwendung von Ressourcen das Ökosystem in der Summe wohl stärker und nachhaltiger belasten als einzelne aufsehenerregende Katastrophen. Indessen bewirkte der Nuklearunfall im japanischen Kraftwerk Fukushima-Daiichi vom 11. bis 16. März 2011 – auch dieser ein „katastrophaler Unfall“ der INES-Kategorie 7, ausgelöst durch ein Seebeben vor der Küste der Region Tohoku – eine Rückkehr des Katastrophenparadigmas in die umweltpolitische Debatte.

In welchem Maße Fukushima in der öffentlichen Wahrnehmung das Tschernobyl-Trauma wachrief, ist nicht zuletzt daran ablesbar, dass die durch dieses Reaktorunglück verursachten Schäden an Mensch und Umwelt, die tatsächlich weit hinter jenen von Tschernobyl 1986 zurückblieben, in den Medien vielfach grotesk übertrieben wurden. Nicht wenige Berichte – darunter auch ein Beitrag von Radio Vatikan zum fünften Jahrestag des Unglücks – erwecken den Eindruck, die rund 18 500 Todesopfer des Tohoku-Seebebens seien sämtlich durch die Reaktorkatastrophe von Fukushima verursacht worden. Es ist bezeichnend, dass die Politik aus dem Unfall von Fukushima Konsequenzen zog, die nach Tschernobyl noch ausgeblieben waren: Die Lehre aus Fukushima schien zu lauten, dass katastrophale Unfälle im Bereich der Nuklearenergie trotz verbesserter Sicherheitsvorkehrungen auch in Zukunft nicht auszuschließen sein würden.

So wurde in Deutschland der seit 2002 geplante Atomausstieg, der erst 2010 wieder verschoben worden war, in Folge des Fukushima-Unfalls erheblich beschleunigt – eine Maßnahme, die kaum auf Widerspruch stieß, obwohl der Verzicht auf Kernenergie die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verstärkt und somit in einem heiklen Spannungsverhältnis zum Anliegen des Klimaschutzes steht. Man könnte durchaus kritisch anmerken, dass der unmittelbare Eindruck der Katastrophe sich in diesem Fall als mächtiger erwiesen hat als ganzheitliche ökologische Konzepte. Die Auswirkungen spektakulärer Umweltkatastrophen und -skandale auf das ökologische Bewusstsein der Öffentlichkeit erscheinen somit zwiespältig.

Während sie einerseits zweifellos dazu beitragen können, die Verletzlichkeit des Ökosystems auf dramatische Weise deutlich zu machen, bergen sie andererseits die Gefahr, dass die Schuld an Umweltproblemen – und damit auch die Pflicht zur Abhilfe – vor allem bei Regierungen und großen Konzernen gesucht wird, statt dass die Konsequenzen des eigenen alltäglichen Konsumverhaltens kritisch hinterfragt würden. Demgegenüber fordert Papst Franziskus in „Laudato si‘“ Nr. 8 – unter Berufung auf mehrere Ansprachen des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I. –, „dass jeder Einzelne die eigene Weise, dem Planeten zu schaden, bereut, denn ,insofern wir alle kleine ökologische Schäden verursachen‘, sind wir aufgerufen, ,unseren kleineren oder größeren Beitrag zur Verunstaltung und Zerstörung der Schöpfung‘ anzuerkennen. […] Denn ,ein Verbrechen gegen die Natur zu begehen, ist eine Sünde gegen uns selbst und eine Sünde gegen Gott.‘“