Das Leben ist eine Komödie der Kunst

„Midnight in Paris“ ist der beste Woody Allen-Film seit langem. Von José García

Garcias Filmtipp: „Midnight in Paris“ - Filmszene
Wegen seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams, zweite von rechts) muss Gil (Owen Wilson, rechts) den pedantischen Kunstkenner Paul (Michael Sheen) ertragen. Foto: Concorde

Als voriges Jahr an dieser Stelle (DT vom 02.12.2010) Woody Allens 2010er Jahrgang „Ich sehe den Mann deiner Träume“ besprochen wurde, beklagte der Rezensent, der Zuschauer habe wie so oft zuletzt den Eindruck, dass der Regie-Altmeister lediglich altbekannte Versatzstücke neu zusammensetze. Im nun anlaufenden 42. Spielfilm des New Yorker Regisseurs dürfte zwar dem Kinobesucher einiges ebenfalls bekannt vorkommen. Dennoch: Wie zuletzt etwa in „Macht Point“ (2005) ist es Woody Allen erneut gelungen, daraus ein eigenständiges Kunstwerk zu schaffen. „Midnight in Paris“, der im Mai die 64. Internationalen Filmfestspiele in Cannes eröffnete, ist der beste Woody Allen-Film seit langem.

Bereits die Eröffnungssequenz erinnert stark an den Anfang von „Manhattan“ (1979): Untermalt von George Gershwins „Rapsody in Blue“ bildete damals Woody Allen eine Schwarzweiß-Collage von Manhattan ab, während die Hauptfigur verschiedene Fassungen des ersten Kapitels seines Buchs diktiert, die in den Satz münden: „New York war seine Stadt und würde es immer sein.“ Der Prolog zu „Midnight in Paris“ nimmt sich ebenfalls wie eine Liebeserklärung an eine Stadt aus. Zwar ist die etwa dreiminütige Bilderfolge in Farbe fotografiert, zwar bleibt die Musikuntermalung – hätte Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ allzu offensichtlich gewirkt? – aus. Die Hommage an Paris, freilich an das Paris der (amerikanischen) Touristen, steht jedoch der Huldigung an Manhattan in nichts nach. Ein weiteres Detail verstärkt sogar diesen Eindruck: Die letzten Bilder zeigen Paris im Regen – nie sei Paris schöner. Der Regen, der in der Schlussszene von „Midnight in Paris“ wiederkehren wird, ermöglicht einen verklärenden Blick auf die Stadt.

Der „Amerikaner in Paris“ Gil Pender (Owen Wilson) weist ebenfalls Züge einer typischen Woody Allen-Figur auf: Obwohl er offenbar recht erfolgreich Hollywood-Drehbücher schreibt und damit nicht schlecht verdient, füllt ihn die Traumfabrikarbeit nicht aus. Er möchte endlich ein „richtiges“ Buch schreiben. Das Manuskript hat er nun im Gepäck, da er mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) und deren Eltern die Stadt besucht, in der er als Student bereits eine glückliche Zeit verbrachte. Könnte er nicht einfach in Paris bleiben und sich wie seine Idole F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und Gertrude Stein in dieser wunderbaren Stadt der Schriftstellerei widmen? Allzu gerne hätte der hoffnungslose Romantiker und Stadtneurotiker im Paris der zwanziger Jahre gelebt und sich bei seinen großen Vorbildern Rat geholt.

Damit bringt er seine Verlobte allerdings eher auf die Palme. Inez möchte in Paris vor allem einkaufen, Restaurants besuchen und tanzen. Dem Regen kann sie als echte Kalifornierin ohnehin nichts abgewinnen. Statt mit Gil über die mitternächtlichen Straßen zu schlendern und einer vergangenen Epoche nachzuhängen, hört sie lieber den besserwisserischen Erklärungen des Kunst- und Weinkenners Paul (Michael Sheen) zu, der sich – wieder eine typische Allen-Figur – als snobistischer Pseudointellektueller entpuppt, der keine Gelegenheit auslässt, seine Frau Carol (Nina Arianda) zu korrigieren.

Bereits in „Alle Sagen: I Love You“ (1996) war für Woody Allen in Paris etwas Magie im Spiel, so etwa als Goldie Hawn beim Tanzen an der Seine über der Luft schwebte – an genau derselben Stelle, in der im Filmplakat zu „Midnight in Paris“ Gil spaziert. Durchbrach Woody Allen in „The Purple Rose of Cairo“ (1985) die Scheidewand zwischen Realität und filmischer Fiktion, indem sich eine Kinozuschauerin in eine von der Leinwand heruntergestiegene Filmfigur verliebte, so verknallt sich Gil in Adriana (Marion Cotillard), die Muse von Picasso, Braque und Modigliani.

Die wunderbaren Bilder des Kameramanns Darius Khondji tauchen die in der Vergangenheit angesiedelten Bilder in ein goldenes Licht, während in den Einstellungen der Gegenwart naturalistische Töne vorherrschen. Sie ordnen sich freilich einer zwischen spielerisch und verspielt anzusiedelnden Inszenierung unter, die einem Drehbuch mit einem wunderbaren Gefühl für Rhythmus entspringt. Wie kaum ein zweiter Woody Allen-Film der letzten zwei Jahrzehnte setzt das Drehbuch die witzigen Dialoge wohldosiert ein, weil es sie in den Dienst des Handlungsfortgangs stellt. Die bei aller Wunderlichkeit doch noch zurückgenommene Charakterzeichnung insbesondere der männlichen Figuren verdankt sich einer Schauspielführung, die Owen Wilson und Michael Sheen zu Höchstleistungen herausfordert. Obwohl „Midnight in Paris“ ganz andere, weil durch und durch komödiantische, Töne anschlägt als die melancholische Stimmung von „The Purple Rose of Cairo“, loten beide Woody Allen-Filme das Verhältnis zwischen Kunst und Leben aus. „Midnight in Paris“ variiert das „The Purple of Cairo“-Bonmot „Die wirklichen Menschen wollen, dass ihr Leben eine Fiktion ist, und die erfundenen, dass ihr Leben Realität wird“ auf überaus originelle Weise. Den nostalgischen Blick auf ein vermeintliches Goldenes Zeitalter stellt Allens durchaus moralische Erzählung als Wirklichkeitsflucht bloß: Wer seine Gegenwart, sein Leben nicht bewältigt, findet sich in keiner von ihm auch noch so verklärten Vergangenheit zurecht.