Das Leben, ein buntes Weltentheater

In „Sommer der Gaukler“ verknüpft Marcus H. Rosenmüller verschiedene Realitätsebenen und Genres. Von José García

In seinem mit dem Bayerischen Preis 2006 ausgezeichneten Spielfilmdebüt „Wer früher stirbt, ist länger tot“ zeigte Regisseur Marcus H. Rosenmüller seine Vorliebe für urbayerisches Ambiente und eine mit knochentrockenem Humor durchtränkte, unbefangene Inszenierung. Mit seinem zweiten Spielfilm „Räuber Kneißel“ (DT vom 26.08.2008) inszenierte Regisseur Rosenmüller einen historischen Stoff zwar mit komödiantischen Elementen, aber mit ebenso dramatischen Untertönen in gewisser Weise im Volkstheater-Stil. Theater und Historie vereinen sich ebenfalls in Rosenmüllers aktuellem Spielfilm „Sommer der Gaukler“. Denn in seinem Mittelpunkt steht Emanuel Schikaneder (1751–1812), der spätere Autor des Librettos für Wolfgang Amadeus Mozarts im Jahre 1791 uraufgeführte „Die Zauberflöte“.

Die Handlung in „Sommer der Gaukler“ setzt allerdings elf Jahre zuvor ein: Im Jahre 1780 macht sich die Theatertruppe von Emanuel (Max von Thun) und Eleonore Schikaneder (Lisa Maria Potthoff) in der Hoffnung auf den großen Durchbruch auf den Weg nach Salzburg, um dort vor Mozart aufzutreten. Mit einer List erreichen die Eheleute Schikaneder, dass ihr bester Darsteller Wallerschenk (Nicholas Ofczarek) verspricht, solange bei ihnen zu bleiben, bis Mozart ihn in Salzburg auf der Bühne gesehen hat. Weil den Theaterleuten jedoch die Einreise in die fürstbischöfliche Stadt verweigert wird, bleiben Schikaneder und seine Schauspieler in einem bayerischen Bergdorf nahe der österreichischen Grenze hängen. Das nach einem auf dem gleichnamigen Roman (2006) von Robert Hültner basierende, von Hültner selbst zusammen mit Klaus Wolfertstetter verfasste Drehbuch erzählt parallel zu den Auseinandersetzungen innerhalb der Theatertruppe, die wegen Geldmangels und fehlender Perspektiven bald ausbrechen, von der Revolte der Bergarbeiter unter der Führung des Revolutionärs wider Willen Georg Vester (Maxi Schafroth) gegen den ausbeuterischen Bergwerksbesitzer Franz Paccoli (Erwin Steinhauer).

Um seine Machtposition auszubauen, verspricht Paccoli dem Richter Ratold (Butz Ulrich Buse) die Hand seiner Tochter Babette (Anna Maria Sturm) unter der Bedingung, dass der Richter den schöngeistigen, als Freimaurer geltenden Baron von Playen (Fritz Karl) verhaften lässt. Allerdings denkt Babette gar nicht daran, den viel älteren Richter zu ehelichen. Denn sie hat sich inzwischen in den Anführer der Bergleute verliebt. In einem weiteren Nebenstrang verguckt sich der Kutscher der Theatertruppe Alfons (Michael Kranz) in die Wirtshausmagd Maria (Anna Brüggemann), bei der er sich freilich als Schauspieler ausgibt. Inspiriert vom Aufstand der Bergleute entwirft Schikaneder ein „Weltentheater“, das er in dem kleinen Dorf auf einer Freilichtbühne aufführen will. Als sich zur Aufführung kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart (Florian Teichtmeister) ankündigt, gerät die ganze Gemeinde in Aufruhr.

Marcus H. Rosenmüller verwebt in „Sommer der Gaukler“ nicht nur mehrere Handlungsstränge, sondern auch unterschiedliche Ebenen miteinander, etwa die der aufgeführten Theaterstücke und der Filmrealität. So beginnt Rosenmüllers Film mit Reitern in einem Wald, die eine Frau verfolgen und dann die in einem Käfig eingesperrte Agnes Bernauer in einem Gebirgsbach ertränken, was sich als in einem Theater aufgeführtes Bühnenstück herausstellt, das dann in die Handlung des eigentlichen Filmes übergeht. „Agnes Bernauer“ wird am Filmschluss wieder aufgeführt werden, aber das aus einfachen Bergleuten und Dorfbewohnern bestehende Publikum wird zwischen Fiktion und Realität nicht unterscheiden können. Dieses Wechselspiel gehört wesentlich zum Inszenierungsstil Rosenmüllers. Dazu der Regisseur selbst: „Im Fall Schikaneder ist (das Grundthema) das Wechselspiel von wirklichem Leben mit all seinen Spielregeln und dem ,Bühnenspiel‘. Bisweilen vermischen sich auch beide Ebenen, und dann ist es wichtig, bei allem Ernst des Lebens auch das Spielerische zu erkennen und daraus Kraft zu schöpfen.“

Der Wechsel zwischen den verschiedenen Realitätsebenen findet in „Sommer der Gaukler“ eine Entsprechung in der Vermischung unterschiedlicher Genres vom Sozialdrama über den Historienfilm bis zur Verwechslungskomödie. Diese Mischung gelingt jedoch nicht immer, genauso wenig wie der Erzählrhythmus, wohl deshalb, weil nach gut einer Stunde das Komödiantische ins Alberne umschlägt. So fragt sich der Zuschauer beispielsweise, ob Florian Teichtmeister eigentlich Wolfgang Amadeus Mozart oder eine überdrehte Version des Mozart-Darstellers Tom Hulce in Milos Formans „Amadeus“ (1984) spielt.

Trotz dieser Schwächen findet Marcus H. Rosenmüller gegen Ende wieder zur leichtfüßigen Inszenierung, die sein Spielfilmdebüt auszeichnete. Erneut gehören dazu eine feine Ironie und die Vorliebe für den bayerischen Zungenschlag, die der bayerische Regisseur hier mit einer aufwändigen, barocken Ausstattung und der ebenso barocken Filmmusik von Gerd Baumann verknüpft.