Das Kreuz des Papstes am Nordpol

Eine schwere Prüfung – Die Expedition von Umberto Nobile mit seinem Luftschiff „Italia“

Seit Ende August dieses Jahres sucht eine Expedition der norwegischen Marine und Küstenwache in der Arktis nach den sterblichen Überresten des Polarforschers Roald Amundsen (1872–1928). Vor 81 Jahren war der Norweger bei einem Flugzeugabsturz nahe der Küste Spitzbergens ums Leben gekommen. Amundsen hatte sich mit einem Wasserflugzeug den Rettungsmannschaften angeschlossen, die dem im Mai 1928 unweit des Nordpols verunglückten Luftschiff „Italia“ des italienischen Generals und Forschers Umberto Nobile (1885–1978) zu Hilfe kommen wollten. Mehr als 1 500 Männer mit 16 Schiffen und 21 Flugzeugen waren damals bei der Suche nach Nobile und seiner Mannschaft im Einsatz gewesen.

Nach seiner ersten erfolgreichen Überquerung des Nordpols im Jahre 1926 hatte Umberto Nobile für das Frühjahr 1928 eine erneute Expedition geplant. Das für die Expedition gebaute Luftschiff war eine Eigenkonstruktion des Italieners; es besaß eine Länge von 104 Meter, war 18,50 Meter breit und wies eine Höhe von 19,60 Meter auf. Drei Maybach-Motoren zu je 245 PS trieben das Schiff an, das eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 120 Stundenkilometern erreichen konnte. Hatte Nobiles erster Flug durch Messungen der elektrischen Leitfähigkeit der Luft zur Erforschung des Polarlichts entscheidend beigetragen, so waren auch diesmal wissenschaftliche Untersuchungen geplant, und zwar in beträchtlichem Umfang. Doch die Expedition hatte noch eine weitere Mission, die heute fast in Vergessenheit geraten ist: Sie führte ein vom Papst geweihtes Kreuz mit, das am Nordpol aufgerichtet werden sollte.

Pater Giuseppe Gianfranceschi (1875–1934), Jesuit, Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, erster Direktor von Radio Vatikan und Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, begleitete im Namen des Papstes die Nordpolexpedition. Da der Heilige Stuhl zu diesem Zeitpunkt noch über keine offiziellen Beziehungen zu Italien verfügte, fuhr Gianfranceschi nominell als Kaplan des Versorgungsschiffes „Citta di Milano“ mit, das einen Großteil der Expeditionsmitglieder und die benötigte Ausrüstung nach King's Bay (Kongsford) auf Spitzbergen brachte, wo ein provisorischer Hangar für das Luftschiff gebaut worden war. Seinem Tagebuch hatte der Geistliche anvertraut: „Wer weiß, vielleicht kann man auch das Luftschiff verlassen, vielleicht auch das göttliche Opfer auf dem Scheitel der Erde darbringen. Ich stelle mir schon vor, welche große Freude es sein muss, die heilige Hostie am Pol der Welt zu weihen und mit frosterstarrten Händen zu erheben. In Anbetracht der außergewöhnlichen Umstände, in denen ich mich befinden würde, hat mir der Heilige Vater vor der Abreise ausgedehnte Vollmachten verliehen. Während wir auf Spitzbergen warten, bereite ich die Gebete vor, die die Aufstellung des Kreuzes begleiten sollen. Es ist eine neue einzigartige Liturgie, für die eine neue Formel nötig war.“

Doch es sollte anders kommen. Am Vorabend des Polarfluges erfuhr Pater Gianfranceschi, dass er nicht mitfliegen würde. General Nobile erklärte dem Jesuiten, es sei unmöglich, ihn im Luftschiff mitzunehmen. Gianfranceschi vereinbarte mit Nobile, die Aufstellung des Kreuzes wenigstens aus der Ferne mit einer liturgischen Handlung zu begleiten; der General versprach, ihn genau in dem Augenblick zu verständigen, in dem das päpstliche Kreuz feierlich aufgerichtet werde. Am Mittwoch, dem 23. Mai, kurz nach Mitternacht, begab sich die ganze Besatzung in den Hangar. Erst gegen halb drei schien alles bereit zu sein, aber im letzten Augenblick stellte sich heraus, dass noch etwas zu reparieren war. Um vier Uhr wurde das Luftschiff dann endlich aus der Halle gezogen. Vor der zum Abflug bereiten „Italia“ sprach der Geistliche einige Reisegebete und erteilte den Segen. Um halb fünf gab General Nobile den Befehl „Loslassen“. P. Gianfranceschi kehrte an Bord der „Citta di Milano“ zurück und las die heilige Messe für die Luftreise, und zwar in der Kabine, weil auf dem Deck kein Platz war.

Am 24. Mai, um ein Uhr, wurde er in die Funkstation des Schiffes gerufen, wo er die Mitteilung vorfand: „P. Gianfranceschi S.J.: Wir sind eine halbe Stunde über dem Pol. Um 1.30 Uhr lasse ich das Kreuz fallen – Nobile“. Der Priester setzte sofort ein Telegramm an den Papst auf: „Seine Heiligkeit Pius XI., Rom: In diesem Augenblick 1.30 Uhr pflanzt General Nobile auf dem Pol das von Eurer Heiligkeit geweihte Kreuz auf, Banner, Wahrzeichen, Triumph des Reiches Christi über alle Völker – G.“ Dann ging Gianfranceschi auf die Kommandobrücke, um die vorbereiteten Gebete zu sprechen. Kommandant Romagna sagte, dass er bedauere, ihm keine Leute zur Assistenz beigeben zu können. „So ging ich alleine, legte die Stola an und bat die Engel, mir zu assistieren und meine Gebete zu überbringen. Punkt 1.30 Uhr begann ich nach dem Pol gewandt, meine Gebete. Später las ich die Messe nach der Meinung: Ausbreitung des Reiches Christi über die ganze Welt“, notierte er in seinem Tagebuch.

Später berichtete General Nobile selbst, wie die feierliche Zeremonie am Nordpol vor sich gegangen war: „Als wir von King's Bay abflogen, stießen wir auf widrigen Wind, aber an der Küste von Grönland fanden wir dann schönes Wetter vor und flogen mit dem Wind von achtern dem Pol entgegen. Eine halbe Stunde vom Pol stießen wir auf eine Nebelbank. Es schien, als wolle der Pol sein Geheimnis nicht preisgeben, es war wie eine Schranke. Trotzdem flogen wir weiter, kamen an und blieben zwei Stunden über dem Pol. Da telegraphierte ich, dass ich Punkt 1.30 Uhr das Kreuz hinablassen würde. Mehr konnten wir nicht tun. Gleichwohl war es eine schöne Feier. Ich rief alle zusammen, einer nach dem anderen küssten wir das Kreuz, dann ließen wir es an einem Tau herab, damit es aufrecht bleibe. Leider hinderte uns der Nebel, es mit den Blicken zu verfolgen.“

Der Papst sandte ein Telegramm nach Spitzbergen: „Hocherfreut über die freudige Nachricht der Vollendung des glorreichen Unternehmens und dem Allmächtigen dankend, dass durch die Tat des Generals Nobile und seiner mutigen Gefährten mit Hilfe der göttlichen Vorsehung das Zeichen der Erlösung die dortigen unerforschten Gebiete heiligt, als glückliches Vorzeichen immer neuer Errungenschaften des Glaubens und der Wissenschaft, erteilt Seine Heiligkeit nochmals väterlich den Apostolischen Segen – Kardinal Gasparri.“ Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass sich eine Katastrophe anbahnte. Auf ihrer Rückfahrt geriet die „Italia“ in eine Schlechtwetterfront. Am Morgen des 25. Mai verlor das Schiff rapide an Höhe. Es schlug auf dem Eis auf, sodass die Gondel augenblicklich abriss. Sechs Mann der Besatzung befanden sich im Kielgerüst und bei den Motoren, sie trieben mit der führungslosen Schiffshülle weg. Von da ab verlor sich ihre Spur.

Die restlichen zehn Besatzungsmitglieder blieben auf dem Packeis zurück: einer tot, vier verletzt, darunter Umberto Nobile. Gänzlich unversehrt blieb der Hund des Generals, der mit an Bord gewesen war. Die Überlebenden verfügten über ein Zelt, eine bestimmte Menge an Proviant, einen Revolver der Marke Colt mit 100 Patronen – und als wichtigste Gegenstände über Navigationsinstrumente und einen funktionstüchtigen Kurzwellensender mit einer Reichweite von über 400 Seemeilen.

Ein zu schönes Schauspiel

Mit dem Revolver konnten durch den Abschuss eines Eisbären die Proviantvorräte erheblich aufgestockt werden. Radioamateure empfingen die SOS-Signale, die dann eine gezielte Suche nach den Gestrandeten ermöglichten. Ein kleines schwedisches Flugzeug, eine Fokker, erreichte als erstes die Absturzstelle; es sollte innerhalb von zwei Tagen alle Überlebenden ausfliegen. Zunächst wurde der verletzte Nobile an Bord genommen und zur schwedischen Hilfsbasis geflogen, um von dort aus die Rettungsaktion zu koordinieren. Doch schon der zweite Flug der Schweden scheiterte, sodass man die Hilfsmaßnahmen aus der Luft einstellte. Erst 49 Tage nach dem Absturz der „Italia“ wurden die restlichen Mannschaftsmitglieder von dem sowjetischen Eisbrecher „Krassin“ geborgen.

Zu dem tragischen Unglück findet sich in P. Gianfranceschis Aufzeichnungen der Kommentar: „Das Kreuz des Papstes auf dem Pol der Erde war ein zu schönes Schauspiel, als dass die Hölle nicht trachten würde, sich zu rächen. Und sie rächte sich. Doch die starken Träger des Kreuzes Christi wussten auch die Schmerzen Christi zu tragen. Die Zurückgekehrten sagten mir, der Heilige Vater habe ihnen die Prüfung vorausgesagt. ,Wie immer‘, hatte er gesagt, ,wird das Kreuz schwer zu tragen sein‘. Doch jetzt war das Kreuz dort, wie der Papst es gewollt hatte, ,ad orbis terrae verticem consecrandum‘: so hatte er auf ein Pergament schreiben lassen, das in einem Behältnis im oberen Teil des Kreuzes eingeschlossen war. Das Kreuz, das der Stellvertreter Christi geweiht und die ,Italia‘ im Fluge über Länder und Meere getragen hatte, stand jetzt auf dem Pol wie ein Szepter, um die Erde dem Reiche Christi zu weihen.“