Das Golgatha der Priester

Vor 70 Jahren, am 29. April 1945, wurde das Konzentrationslager Dachau befreit. Viele Geistliche aus ganz Europa wurden dort gequält oder fanden den Märtyrertod. Von Stefan Meetschen

Internationales Mahnmal: Die von Nandor Glid geschaffene Skulptur in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Foto: IN
Internationales Mahnmal: Die von Nandor Glid geschaffene Skulptur in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Foto: IN

Sie werden kommen: Pilger aus Deutschland und Polen. Darunter Bischöfe, Priester und katholische Laien, um der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945 zu gedenken. Auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau wird in der Todesangst-Christi-Kapelle eine Eucharistiefeier unter der Leitung des Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz, Stanis³aw G¹decki, stattfinden, bei welcher Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, konzelebrieren wird.

Danach ist eine Kranzniederlegung am Bronzerelief „Christus im Elend“ an der Rückseite der Kapelle geplant, das an die vielen in Dachau zu Tode gemarterten Polen erinnert. Denn: Mit rund 40 000 Inhaftierten bildeten die Polen die größte Gruppe von Gefangenen im KZ Dachau. 8 332 von ihnen starben, darunter war rund jeder Zehnte ein Geistlicher: 868 Priester. Der eindeutig größte nationale Anteil von den 1 034 Priestertodesfällen im Lager, die es insgesamt gab. Weshalb man verstehen kann, dass viele Polen gegenüber der heutigen KZ-Gedenkstätte Dachau ein ganz besonderes Gefühl haben. Auch wenn es dort natürlich auch noch andere Opfergruppen gab – die polnischen Katholiken betrachten Dachau als einen wichtigen Ort des nationalen Martyriums, als „das Golgotha der Priester“, wie Pfarrer Henryk Zieliñski, Chefredakteur der Warschauer Kirchenzeitschrift „Idziemy“, gegenüber dieser Zeitung sagt.

Zieliñski gehört zu einer Delegation, die mit den Vertretern der Polnischen Bischofskonferenz nach Dachau reisen wird. Seit Wochen lässt er in seiner Zeitschrift verschiedene Historiker zu Wort kommen, um die von den Nazis systematisch verübten Gräueltaten und die Schicksale der Inhaftierten vor dem Vergessen zu bewahren. Dazu wird es nicht das erste Mal sein, dass er in Dachau ist. Regelmäßig besucht der Geistliche in seiner Freizeit mit polnischen Priestern den Erinnerungsort des Schreckens, um mit Gebeten und der Feier der heiligen Messe der Märtyrer zu gedenken – aller Märtyrer und Opfer, denn dass auch Priester aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, Holland und Belgien ihr Leben in Dachau ließen oder sich dort zumindest schwere gesundheitliche Schäden zuzogen, weiß man jenseits der Oder. Zumal der polnische Papst Johannes Paul II., der noch als Kardinal von Krakau selbst zweimal die KZ-Gedenkstätte in den 1970er Jahren besuchte, 48 der im Konzentrationslager Dachau inhaftierten Priester seliggesprochen hat. Darunter waren und sind nicht nur die Angehörigen seiner Nation.

Und doch gibt es – abgesehen vom zahlenmäßigen Anteil – einen weiteren Unterschied, der diejenigen, die aus Polen nach Dachau anreisen, keine Ruhe lässt, sie bis heute erschüttert: seliggesprochene Geistliche wie der Würzburger Priester Georg Häfner (1900–1942), der holländische Karmeliterpater Titus Brandsma (1881–1942) oder der italienische Dominikaner Giuseppe Girotti (1905–1945) kamen in das Lager, weil sie mutig Widerstand leisteten gegen die unmenschliche Ideologie des Nationalsozialismus – es waren sozusagen heroische Ausnahmegestalten unter ihren Berufskollegen; die polnischen Märtyrer-Geistlichen hingegen wurden bereits 1940 praktisch als Gruppe aus dem sogenannten „Warthegau“ inhaftiert und nach Dachau deportiert, weil sie bei den Nazis als einflussreiche Vertreter der Führungsschicht ihres besetzten Landes galten und als Symbole der Bildung und religiösen Erziehung gefürchtet wurden. Da die Nazis in ihrer ideologischen Verblendung planten, die Angehörigen der slawischen Rasse zu Arbeitssklaven zu machen und den „Warthegau“, das völkerrechtswidrig annektierte Gebiet rund um Posen, so schnell wie möglich zu germanisieren, entschieden sie, sich dieser Geistlichen zu entledigen. Als Arbeiter in der sogenannten „Plantage“, dem Kräuterfeld des Konzentrationslagers Dachau, oder eben bei medizinischen, pseudowissenschaftlichen Experimenten waren diese Priester – wie etwa der spätere Vizevorsitzende des Päpstlichen Rates für die Familie und Gründer des Instituts für Familienstudien in Warschau, Erzbischof Kazimierz Majdañski (1916–2007) – besonderen Härten, besonderer Grausamkeit ausgesetzt. Woran leider auch eine diplomatische Initiative des Vatikans, der auf Hafterleichterungen für katholische Priester in Dachau drängte, nichts ändern konnte.

Ab dem Herbst 1941 kamen die polnischen Geistlichen in den Block 28 und wurden dadurch – anders als die weiterhin im „Pfarrerblock 26“ inhaftierten deutschen Geistlichen – ein Teil des Gesamtlagers. Dadurch waren sie zusätzlichen Schikanen und Angriffen ausgesetzt, denn viele der normalen Mitgefangenen mochten die Priester in Dachau nicht, empfanden sie als privilegiert. Da es den polnischen Geistlichen schon bald nach ihrer Inhaftierung offiziell untersagt war, die heilige Messe zu zelebrieren, taten sie dies heimlich. Zum Beispiel in der Früh während der Arbeit auf der „Plantage“ – mit mobilem Altar und einem zum Kelch umfunktionierten Artilleriegeschoss. Die polnischen Priester knieten nieder und jeder Priester empfing aus der eigenen Hand, in welcher er eine Hostie hielt, den Leib des Herrn.

Dass sie bei dieser Ausübung einer verbotenen religiösen Handlung (auch das Brevier oder den Rosenkranz zu beten, war ihnen untersagt) von den Wachposten nicht entdeckt und bestraft wurden, liegt daran, dass die SS-Bewacher das ehrfürchtige Knien der Priester als Arbeitshaltung interpretierten. Doch wie gelangten die polnischen Geistlichen überhaupt an Wein und Hostien? In Polen hat man die Hilfe und die Helfer nicht vergessen. So erinnert die Historikerin Anna Stêpniak-Jagodziñska vom Institut für Nationales Gedenken (IPN) gegenüber dieser Zeitung an die deutsche Ordensfrau Imma Mack (1924–2006), die als Kandidatin der „Armen Schulschwestern“ großen Mut und Mitmenschlichkeit bewies. Von Freising aus fuhr Mack wöchentlich nach Dachau zur Plantage. Offiziell, um Gemüse zu kaufen. Tatsächlich schmuggelte sie mit ihrem Korb Messwein, Hostien und Medikamente gegen Typhus ins Lager, was den polnischen Priester-Gefangenen zugute kam. „Ich besitze zwei Briefe von Imma Mack, die an meinen Großonkel Leon Stêpniak gerichtet sind. Er war als Priester im Lager und überlebte“, berichtet Stêpniak-Jagodziñska freundlich. Mit einer anderen deutschen Helferin, die nach dem Krieg ebenfalls in einen Orden eintrat, habe sich ihr Großonkel in den 1990er Jahren sogar noch einmal wiedergesehen.

Aus Dankbarkeit für die Hilfe und lebensgefährliche Solidarität. Überhaupt überrascht es, wie ein Blick auf die erhaltenen Aufzeichnungen der inhaftierten polnischen Priester verrät, dass die Mehrheit gegenüber Deutschland und den Deutschen keine negativen Gefühle hegte, sondern im Geist der Vergebung bald schon lernte, nach vorne zu schauen und der Liebe und Versöhnung den größeren Raum zu geben. Nur eins bereitet vielen Polen, die bald nach Dachau reisen und dort bislang nur das Internationale Mahnmal von Nandor Glid leicht sehen können, Kummer: dass das Bronzerelief „Christus im Elend“ an der Rückseite der Kapelle so versteckt und verborgen ist und man in der Gedenkstätte die Spuren des polnischen Martyriums geradezu suchen muss. Ausgerechnet in der Gedenkstätte dieses Golgothas der Priester. Mit Material von KNA