Das Evangelium der Tiere

Zwei französische Priester schreiben die Geschichte des Evangeliums neu – als Comic-Trilogie, in der ausschließlich Tiere die handelnden Personen sind. Nun ist der dritte Band erschienen. Von Maximilian Lutz

Stark überzeichnet, und doch geht es um den Kern des Christentums: Der blaue Hase soll die christliche Botschaft verbreiten. Foto: Editions béatitude EdB
Stark überzeichnet, und doch geht es um den Kern des Christentums: Der blaue Hase soll die christliche Botschaft verbrei... Foto: Editions béatitude EdB

Wer von sich behauptet, das Evangelium in- und auswendig und in all seinen Facetten zu kennen – unter überzeugten Katholiken dürften das sicher nicht wenige sein – könnte nun eines Besseren belehrt werden. Die Geschichte von Jesu Leben, Wirken und Leiden in Form eines Comics? Ausschließlich mit Tieren als Hauptpersonen? In dieser Form sind wohl die wenigsten mit der Botschaft Christi in Berührung gekommen.

Klingt bestenfalls nach Kitsch, schlimmstenfalls nach einem recht respektlosen Umgang mit dem Fundament des christlichen Glaubens. Dass weder das eine noch das andere zutrifft, dafür sorgen die Autoren mit den Pseudonymen „Coolus“ und „Birus“, zwei französische Priester aus der Diözese Perpignan im Süden Frankreichs. Ihre dreibändige Comic-Reihe „Ein Abenteuer mit dem blauen Hasen“ erzählt die Geschichte des Evangeliums – von der Geburt Jesu bis zu dessen Tod und darüber hinaus. Die Zeichnungen stammen von Illustrator Elvine. Nun ist der dritte Band „Skandal in Jerusalem“ erschienen.

Wie gut die Reihe beim Publikum ankommt, zeigt die Tatsache, dass dieser abschließende Band heute sogar mit dem internationalen Preis für christliche Comics 2019 ausgezeichnet wird. Die Auszeichnung wird im Rahmen des 46. Internationalen Comic-Festival von Angouleme (FIBD) vergeben. Der französischen Zeitung „La Croix“ zufolge lobte die Jury vor allem den „ausgefallenen Humor“, aber auch die Dynamik des Albums.

Was erwartet den Leser, wenn er die Hardcover-Buchdeckel des 48 Seiten umfassenden Bandes aufschlägt? Kurzgefasst: ein tierisches Spektakel. Tatsächlich sind alle Personen aus den Evangelien durch Tiere ersetzt worden. Allein an Jesus selbst trauen sich die Autoren nicht heran: Er behält seine menschliche Gestalt. Nicht einmal das Gesicht des Messias zeigen die Illustrationen.

Temporeich und spielerisch erzählt der Band vom Leben und Wirken Jesu. Die Autoren haben eine Zielgruppe im Visier, die erste Berührungen mit der biblischen Geschichte macht. Dabei wissen sie mit einer großen Portion Humor zu überzeugen: Da sind zum einen die Anspielungen auf zahlreiche existierende Werke aus Film und Fiktion. Beispielsweise wird ein unter Cineasten legendärer Satz aus dem Weltraum-Epos „Star Wars“ zitiert. Und zwar von Petrus, in Gestalt eines bärenartigen Tieres, als er seinen Herrn zum zweiten Mal verleugnet. Er sei kein Anhänger Jesu, sagt der Bär zu einer Wache am Eingang zum Palast des Hohepriesters Kajaphas. „Ich bin dein Vater.“

Das ist nur ein Beispiel für die zahlreichen humoristischen Elemente des Comics, der vor Anachronismen nur so strotzt: Zwei weitere Anhänger Jesu, ein Strauß und ein Pinguin, zücken erst einmal ihr Smartphone, um ein Selfie zu schießen, als Jesus in Jerusalem einzieht. Vor lauter Weihrauch-Dunst können sie jedoch kaum etwas erkennen. Später wird der Strauß – einer der Emmaus-Jünger, denen sich Jesus nach seiner Auferstehung zeigt – geblitzt, weil er derart schnell nach Jerusalem zurücksprintet, um von der Auferstehung zu berichten.

Aber auch die Wahl der Tiere, um die biblischen Charaktere zu ersetzen, ist von den Autoren sehr durchdacht. So hat Jesus in dem Comic im wahrsten Sinne des Wortes einen Maulwurf in den eigenen Reihen. Denn Judas, der seinen Herrn verrät und so maßgeblich für dessen Kreuzestod mitverantwortlich ist, wird tatsächlich als Maulwurf dargestellt. Der titelgebende blaue Hase allerdings kommt in diesem Band nur selten vor. Ihm obliegt es aber, den christlichen Glauben in die Welt hinauszutragen und zu verbreiten.

Was dem Comic mit größter Bravour gelingt, findet sich erst gegen Ende: Auf den letzten Seiten lassen sich die Hohepriester, die an Jesu Verurteilung beteiligt waren, alle möglichen Geschichten einfallen, um zu verhindern, dass sich seine Botschaft verbreitet. Dabei nehmen sie viele der Vorurteile und Zweifel vorweg, mit denen das Christentum im Laufe der Geschichte bis heute zu kämpfen hat: Man müsse sich zwischen Wissenschaft und Religion entscheiden; Jesus habe nie existiert; Jesus habe ein Kind mit Maria Magdalena gezeugt; wenn Gott existiert, warum geschieht dann so viel Unglück… „Skandal in Jerusalem“ ist bunt, schräg und völlig überdreht. Aber genau darin liegt die Stärke des Comics. Die Geschichte des Evangeliums wird auf eine Weise erzählt, wie sie so wohl nie zuvor zu finden war. Und hinter all dem Humor und dem Farbenfeuerwerk steckt immer noch die christliche Kernbotschaft, die insbesondere einem jungen Publikum spielerisch nähergebracht wird.

„Skandal in Jerusalem“, Editions béatitude EdB, 2018, 48 Seiten, ISBN: 979–10-306-0193-0, EUR 13,90