Das Ende der Gleichheit

He Jiankui wird kein Einzelfall bleiben – Keine vier Wochen, nachdem die Welt sich entsetzt über das Humanexperiment des Chinesen zeigten, haben Forscher in den USA ein ähnliches Experiment angekündigt. Von Stefan Rehder

Genome sequencing.
Genome sequencing. The deciphering of the DNA code, write the sequence of nucleotide bases. Foto: (194191125)

Keine drei Wochen ist es her. Da verstieß die „scientific community“ den chinesischen Biophysiker He Jiankui aus ihrer Mitte. „He Jiankui hat eindeutig eine rote Linie überschritten, vor allem weil er bei seiner Forschung die Sorgen der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft in Bezug auf die Editierung menschlicher Keimbahnen ignoriert hat“, erklärte etwa Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und eine der beiden Mütter jener Technologie, mit der He experimentiert hatte. Im Erbgut zweier im Labor erzeugter Mädchen. Hes Ziel: Die beiden irgendwann im Herbst zur Welt gekommenen Mädchen sollten die ersten genetisch verbesserten Menschen sein, die gegen das humane Immundefizienz-Virus (HIV) immun waren. Made in China, edited by He Jiankui.

Welchen Erfolg Hes Humanexperimente hatten, beziehungsweise welche Schäden Lulu und Nana dabei womöglich davontrugen, weiß außer He selbst bisher wohl niemand so genau. Falls doch, dann werden diese Erkenntnisse – zumindest bislang – unter Verschluss gehalten.

Was andere Forscher offenbar keineswegs daran hindert, nun – da das Tabu gebrochen ist –, völlig ungeniert auf Hes Pfaden zu wandeln. Und das nicht etwa in China oder irgendeinem anderen Land, in dem das Konzept fundamentaler Rechte, die sich aus der Würde des Menschen ableiten lassen, keine große Tradition besitzt, sondern in den USA. Und auch hier nicht in irgendeinem zwielichtigen Labor einer schlecht beleumundeten Biotech-Firma, sondern an der ehrwürdigen Harvard University in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts.

Dort nämlich plant der gebürtige Österreicher Werner Neuhausser, menschliche Keimzellen, oder genauer, Spermien genetisch verändern. Gemeinsam mit seinem Kollegen Denis Vaughan will der Reproduktionsmediziner in den Spermien ein Gen verändern, das mit Alzheimer assoziiert wird. Eine Mutation dieses Gen (ApoE4) wird mit einen stark erhöhten Risiko für Morbus Alzheimer in Verbindung gebracht. Zugleich wird Trägern dieser Mutante jedoch ein deutlich reduziertes Risiko für die Ausbildung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachgesagt.

Wie Antonio Regalado in der aktuellen Ausgabe des „MIT Technology Review“ schreibt, wollten Neuhausser und Vaughan vorerst nicht an menschlichen Embryonen forschen. Stattdessen wollten die Forscher zunächst mit Spermien trainieren, die ihnen von „Boston IVF“, einem Netzwerk von Fruchtbarkeitskliniken, zur Verfügung gestellt würden. „MIT Technology Review“ ist ein 1899 gegründetes populärwissenschaftliches Magazin, das ursprünglich als Zeitschrift für die Absolventen des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) herausgegeben wurde. Seit dem Relaunch im Jahr 1998 gilt das Magazin jedoch als die führende Zeitschrift, die über neuartige Technologien berichtet. Nicht über irgendwelche, sondern über solche, die die Macht besitzen, ganze Gesellschaften und das Leben der Menschheit umzukrempeln.

Mit ihnen beschäftigt sich auch das kürzlich im Droemer-Knaur Verlag erschienene Sachbuch „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Verlag Droemer, München 2018, 306 Seiten, 19,99 EUR). Das flott geschriebene, leicht lesbare Buch behandelt neben der Digitalen Revolution und der Zukunft Künstlicher Intelligenz auch das Genom-Editing und die Synthetische Biologie. Was es von allen anderen Büchern unterscheidet, die derzeit zu diesen Themen erhältlich sind, ist seine besondere Perspektive. Denn sein Autor, Benedikt Herles, ist weder Forscher noch Wissenschaftsfunktionär, sondern ein Start-up-Investor. Als Risikokapitalgeber unterstützt er junge Gründerteams und ihre Unternehmen und erlebt so den technologischen Fortschritt und den gesellschaftlichen Wandel an vorderster Front.

Die digitale Revolution sei nur „eine Bühne der Zeitenwende“, die wir gerade erleben. Die andere sei „die Mikrobiologie“. „Wie in der Entwicklung von Soft- und Hardware“, lasse sich auch „in der medizinischen Forschung“ der letzten Jahrzehnte „eine expotenzielle Beschleunigung beobachten“. Verglichen mit „den Früchten der IT-Industrie“ seien „die organischen Innovationen und Entdeckungen sogar noch revolutionärer“ und „ihre Konsequenzen noch radikaler“, vermerkt Herles.

Und was der Ökonom in „Zukunftsblind“ über das Sequenzieren von Genomen, ihre Manipulation mit Werkzeugen wie CRISPR/Cas9 oder ihre Modifikation im Rahmen der Synthetischen Biologie zusammenträgt, verdient ebenso wie die Schlüsse, die er daraus zieht, Beachtung. Eine Kostprobe: „Das Lesen und Analysieren von Erbgut ist nur der erste Schritt, Manipulation ist der nächste. Unter ,Gen-Editing‘, versteht man molekularbiologische Verfahren, die eine gezielte Veränderung der Doppelhelix ermöglichen. Darunter fällt auch CRISPR/Cas9 – ein komplizierter Name für eine Innovation, die den Verlauf der Geschichte verändern wird.“

Was für die einen ein „Instrument zur Perfektion der Schöpfung“ sei, stelle „für andere das Ende aller Menschlichkeit“ dar. „Letztlich handelt es sich um eine Art ,Suche und Ersetze‘ für Gene. So wie sich in einen Textverarbeitungsprogramm einzelne Wörter finden und automatisch ändern lassen, so können Mikrobiologen mithilfe von CRISPR/Cas9 sehr einfach einzelne Stellen im DNA-Strang aufspüren und modifizieren. Diese Technologie macht somit aus Erbinformationen einen mikrobiologischen Legokasten. (...) Auch wenn es vor CRISPR/Cas9 Verfahren zur Manipulation von Erbmaterial gab – die neue Wunderwaffe der Biologen ist deutlich vielseitiger, einfacher, genauer und vor allem kostengünstiger als alles, was zuvor existierte. Wissenschaftler können die nötigen Zutaten für den Einsatz der Genschere fertig bestellen. Komplettkosten: 30 Dollar.“ „Um Gott zu spielen, braucht es kaum noch finanziellen Einsatz“, analysiert Herles.

An der Harvard University sollen die Spermien übrigens nicht mit CRISPR/Cas9 selbst, sondern mit einer Modifikation der Genscheren-Technologie verändert werden. Bei dem sogenannten „Basen-Editing“ wird der DNA-Doppelstrang gar nicht mehr durchtrennt. Stattdessen wird eine chemische Reaktion ausgelöst, die kleine DNA-Bausteine, sogenannte Nukleotide, durch den Austausch von Basen modifizieren sollen. Den ersten „Basen-Editor“ stellte vor rund zwei Jahren ein Team um David Liu, einen weiteren Harvard-Forscher, vor. Aus technischer Sicht spricht für das Verfahren, dass es, anders als CRISPR/Cas9, in den bearbeiteten Zellen keine Kollateralschäden verursachen soll. Andererseits gilt es – zumindest bislang – als deutlich weniger effizient als CRISPR/Cas9. Außerdem ist sein Einsatz limitiert. Mit ihm ließen sich nur sogenannte Punktmutationen korrigieren.

Entscheidend ist: Die Versuche, mit denen Neuhausser und Vaughan demnächst in Harvard beginnen wollen, zeigen, dass das Genom-Editing – mit welcher Methode auch immer – bisher eben keineswegs bloß zur Heilung von Krankheiten, sondern zur Verbesserung von Menschen eingesetzt werden soll. „In Zukunft werden die Menschen in Kliniken gehen, ihr Genom testen lassen und das gesündeste Baby mitnehmen, das sie erhalten können“, zitiert Regalado Neuhausser, der sich überzeugt davon zeigt, dass sich das „gesamte Gebiet“ der Reproduktionsmedizin „von der Fruchtbarkeit zur Krankheitsprophylaxe“ bewegen werde.

Einen Trend, den auch Herles nicht ausschließen will. Im Gegenteil. „Im schlimmsten Fall“ drohe „die Spaltung der Spezies Mensch in eine natürliche und eine behandelte Art“. „Was, wenn eine genetisch optimierte Oberschicht bald einem unbehandelten Prekariat gegenübersteht?“, fragt der Start-up-Investor, nur um die Antwort gleich darauf selbst zu geben. „Es wäre die biologische Unumkehrbarkeit der Ungleichheit. Kapitalismus und Biologie würden untrennbar verschmelzen.“

Dass Neuhausser und Vaughan vorerst „nur“ mit Spermien experimentieren wollen, ist kein Grund zur Entwarnung. Denn laut Regalado ist Neuhausser bereits in China vorstellig geworden, um die Möglichkeit auszuloten, dort auch mit menschlichen Embryonen zu experimentieren. In den USA sind solche Eingriffe zwar nicht verboten. Aber immerhin hat die US-Regierung – schon unter der Präsidentschaft von George W. Bush – Forschern den Geldhahn für Experimente zugedreht, bei denen menschliche Embryonen verbraucht werden. Die „National Institutes of Health“ (NIH) „unterstützen den Einsatz des Gen-Editings bei menschlichen Embryonen“ nicht, twitterte denn auch NIH-Direktor Francis Collins auf dem Höhepunkt der Kontroverse um Hes Humanexperimente.

Und obwohl die NIH in den USA der mit Abstand größte Förderer der Forschung mit öffentlichen Mitteln sind, zeigt Neuhaussers Verhalten, dass die Keimbahningenieure auf diese längst nicht mehr angewiesen sind – jedenfalls nicht in jedem Fall. Zumindest nicht in Harvard. Mehr noch: Der Fall zeigt exemplarisch, wie rasant und skrupellos die Forscher ihre Projekte vorantreiben. Zeigt sich die Weltgemeinschaft weiterhin unfähig, dem einen Riegel vorzuschieben, wird Clive Staples Lewis (1898–1963) wieder einmal Recht behalten. Bereits 1943 schrieb der irische Literaturwissenschaftler und große christliche Denker in „Die Abschaffung des Menschen“: „Die Macht des Menschen, aus sich zu machen, was ihm beliebt“, bedeute in Wirklichkeit, „die Macht einiger weniger, aus anderen zu machen, was ihnen beliebt“.