Würzburg

Das Christliche des 20. Juli

Tat der Gesinnung oder militärische Notwendigkeit? In seiner neuen Stauffenberg-Biografie zeichnet Thomas Karlauf ein neues Bild vom Attentat auf Adolf Hitler. Das Buch wirft Fragen auf.

Filmszene aus "Stauffenberg"
Hitler bei der Lagebesprechung: Szenenfoto der deutschen Stauffenberg-Verfilmung mit Sebastian Koch und Udo Schenk in den Hauptrollen. Foto: WDR

Der bevorstehende 75. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 wird ohne Zweifel stark beeinflusst von Thomas Karlaufs kürzlich erschienener Biografie „Stauffenberg – Porträt eines Attentäters“ (Blessing) – einer teilweise sehr kritischen Sicht auf den Verschwörer Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Dieser sei, so Karlaufs These, keinesfalls der Gesinnungstäter gewesen, wie es auf Gedenkfeiern zum 20. Juli immer wieder heraufbeschworen werde. Stauffenberg habe das Attentat nicht in einem Aufstand des Gewissens gegen die Brutalität der Judenvernichtung begangen – zu den Pogromen gäbe es keine einzige Aussage Stauffenbergs, „die quellenkritischer Prüfung“ standhielte –, sondern lediglich aus einer militärischen Notwendigkeit heraus. Die drohende Niederlage Hitlers hätte den deutschen Führungsanspruch in Europa, an den Stauffenberg unbeirrt geglaubt habe, auf lange Zeit beschädigt, ja verunmöglicht.

Das Attentat auf Hitler sollte in erster Linie den Ruf des Militärs wiederherstellen. Stauffenberg sei zudem aufgrund seiner adeligen Erziehung von einem dezidiert elitär-undemokratischen Selbstbewusstsein durchdrungen gewesen. Der vorherrschende Offiziersgeist habe diese antiliberale und antirepublikanische Gesinnung noch gesteigert. Stauffenberg habe „die Grundideen des Nationalsozialismus zum größten Teil bejaht“, wie sein Bruder Berthold es in den Tagen nach dem 20. Juli 1944 vor der Gestapo formuliert hat. Die Fehlentwicklung habe für den Bruder Claus darin bestanden, dass man „das Ressentiment des Kleinbürgers geweckt“ und überall „kleine Leute an die Spitze“ gelassen habe.

Von George zur Tat gebracht?

Der Wille zum Attentat selbst ist nach Karlauf zudem maßgeblich auf die Vorstellungswelt des Dichters Stefan George, dessen Jüngerkreis Stauffenberg bereits sechzehnjährig angehörte, zurückzuführen – eine Welt, in der ein Gedicht nicht einfach nur ein Poem, sondern immer auch eine Handlungsanleitung war. Stauffenberg sei durch Georges Vermächtnis zu einem mehr oder weniger ästhetisch-symbolischen Fanal, zu einer nahezu zweckfreien, da letztlich dramaturgischen Tat verführt worden. Schon in seinem Standardwerk „Stefan George. Die Entdeckung des Charisma“ (von 2007) hat Thomas Karlauf geschrieben: „Am Ende des Weges stand ein Täter, der damit rechnen musste, dass seine Tat nur noch symbolischen Charakter haben würde.“

Stauffenberg hat – nach Karlauf – zwar objektiv das moralisch Richtige getan, aber aus fragwürdigen militärischen und nationalistischen Gründen. Mit der Tat der Männer des 20. Juli hat eine kleine Gruppe aus Militär und Adel lediglich gewissermaßen jenen „Pakt“ aufgekündigt, den diese Kreise in großer Mehrheit bei der Machtergreifung mit Hitler eingegangen waren.

Die Konsequenzen aus dieser Neubewertung, wenn sie denn stimmte, wären folgenschwer, weil insbesondere Claus Stauffenberg dann ganz ohne Zweifel im heutigen demokratischen Deutschland nicht mehr zum Vorbild taugte. „Wir kennen den 20. Juli in- und auswendig, aber den Attentäter kennen wir letztlich nicht“, so Thomas Karlauf. Der 20. Juli sei insofern „ein deutsches Missverständnis“.

Keine Widerstandskämpfer der ersten Stunde

Man wird das Werk Karlaufs – eines ausgewiesenen Historikers, George-Kenners und engen Vertrauten Helmut Schmidts – nicht so ohne weiteres zur Seite schieben können, zumal vieles in seinem Buch so neu nicht ist. Die anfängliche Hitler-Gefolgschaft nicht weniger Männer des 20. Juli wird heute zum Beispiel auch in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendlerblock keinesfalls verschwiegen. Anders als der Umsturzversuch nahelegt, waren die Männer des 20. Juli nie eine homogene Gruppe. Dagegen spricht schon die Beteiligung ehemaliger Sozialdemokraten wie Julius Leber, Wilhelm Leuschner, Carlo Mierendorff und Theodor Haubach. Es gab NS-Gegner der ersten Stunde, wie Helmuth Graf James von Moltke, aber auch Männer, die, wie der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt schreibt, zu den „Vollzugsorganen der Vernichtungspolitik“ gezählt werden müssen.

Dennoch sind dem Werk Karlaufs von namhafter Seite methodische Fehler vorgeworfen worden. Der Autor ziehe – so der Vorwurf – Quellen und Literatur selektiv heran. Wenn Karlauf beispielsweise behauptet, Stauffenberg sei erst spät zum Regimegegner geworden, muss man feststellen, dass die Quellenlage in dieser Frage sehr dünn ist, da Stauffenbergs Witwe Nina entsprechende Zeugnisse nach dem 20. Juli 1944 weitgehend vernichtet hat. Auch Stauffenbergs Enkelin Sophie von Bechtolsheim, die mit ihrem Essay „Stauffenberg. Mein Großvater war kein Attentäter“ (Herder) – wie schon der Titel des Büchleins deutlich macht – eine explizite Gegenschrift zu Karlaufs Werk veröffentlicht hat, bleibt hier eher vage. Ihre Großmutter Nina habe „schon länger“ eine zunehmende innere Distanz ihres Mannes zum Regime wahrgenommen, so beispielsweise im Herbst 1938 unter dem Eindruck der „Sudetenkrise“. Stauffenbergs Haltung zur nationalsozialistischen Ideologie sei anfangs „beobachtend und abwartend“ gewesen. „Zum expliziten Gegner Hitlers wurde er erst später.“

Stauffenbergs Sprache: Entgleist oder unsensibel?

Bechtolsheim zitiert auch jenen berüchtigten Brief, den ihr Großvater 1939 vom Feldzug in Polen an seine Frau geschrieben hat und in dem er von der dortigen Bevölkerung meint, es gebe „unglaublichen Pöbel“, „viele Juden“ und „Mischvolk“, das sich nur „unter der Knute“ wohlfühle. Die Enkelin empfindet diese Wortwahl als „tatsächlich abscheulich“. Wenn sie diese Entgleisung aber allein mit einer mangelnden Sprachsensibilität der damaligen Generation erklären – natürlich nicht entschuldigen – möchte, überzeugt das weniger.

Natürlich war Claus Stauffenberg kein Intellektueller wie Dietrich Bonhoeffer, der das Regime von Anbeginn durchschaute, aber auch kein Georg Elser, der in großer Einsamkeit sein Attentat bereits vor dem Krieg plante, um denselben zu verhindern – zu einer Zeit, als die Massen Hitler noch geradezu uneingeschränkt zujubelten. Aber ist Stauffenberg nicht gerade dafür zu bewundern, dass er sich von den Determinanten seiner Herkunft und Vergangenheit lösen konnte, um schließlich doch zur Überzeugung zu gelangen, dass Hitlers Regime gestürzt werden musste?

Denn Stauffenberg wollte sicher nicht nur ein pathetisches Zeichen setzen. Denn auch der relativ späte Zeitpunkt des Attentats im fünften Kriegsjahr hätte noch viel Morden und Sterben beendet. Und wenn Karlauf auch viel Kritik an Stauffenbergs Doppelfunktion als Attentäter und Organisator des Staatsstreichs an sich übt, kann selbstverständlich nicht geleugnet werden, dass von den Männern des 20. Juli eine neugeordnete Nachkriegsgesellschaft geplant war.

Karlauf lässt die zivile Verflechtung des Widerstands unbeachtet

Für dieses Ziel riskierte Claus Stauffenberg sein Leben und wurde er schließlich erschossen, fielen etwa 200 Mitverschwörer und andere Widerstandskämpfer der Nazi-Justiz zum Opfer. Karlauf beleuchtet, und das ist wahrscheinlich der größte Makel seines Buches, den militärischen Widerstand des 20. Juli überwiegend unabhängig vom bürgerlich-zivilen Widerstand. Wer das tut, wird aber den Motiven der Verschwörer nicht gerecht und verzerrt so den deutschen Widerstand.

Insofern verkennt Karlauf auch den christlichen Hintergrund Claus Stauffenbergs und vieler Hitlergegner. Zwar sagte Claus Stauffenbergs Bruder Berthold nach dem Attentat vor der Gestapo: „Wir sind nicht das, was man im eigentlichen Sinne gläubige Katholiken nennt. (…) Mein Bruder und ich sind der Meinung, dass aus dem Christentum kaum noch etwas Schöpferisches kommt.“ Freilich könnte es sich hierbei auch um eine Schutzbehauptung gehandelt haben. Bechtolsheim beschreibt ihren Großvater als Katholiken.

Einiges spricht dafür, dass Claus Stauffenbergs Entscheidung, ein Attentat auf Hitler zu verüben, während seines Lazarettaufenthalts nach einer schweren Kriegsverwundung im Afrikafeldzug um Ostern 1943 gefallen ist. In dieser Zeit dürfte er auch eine existenzielle Bekehrung oder Vertiefung seines Glaubens erfahren haben. Einige Tage vor dem Attentat besuchte Stauffenberg die Rosenkranz-Basilika in Berlin. Wir wissen auch von einer Unterredung mit dem Berliner Bischof Konrad von Preysing, wenn auch nie bekannt wurde, was dort im Einzelnen besprochen wurde, vielleicht die moralische Legitimität des „Tyrannenmords“ im 20. Jahrhundert.

Stauffenberg und der Kreisauer Kreis

Wichtiger ist, dass die Verschwörer des 20. Juli in engem Kontakt mit dem sogenannten Kreisauer Kreis standen. Dieser bestand aus mehr als 20 Aktiven und ebenso vielen Sympathisanten und vereinte Sozialdemokraten und Konservative sowie Angehörige beider großen Konfessionen. Gemeinsam war ihnen die ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus. Zentrum des Kreises waren Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg, Beide waren bekennende Christen.

Der Kontakt zum militärischen Widerstand war dem Kreisauer Kreis wichtig, da man sich hier den Sturz des Regimes erhoffte, allerdings nicht durch die Tötung Hitlers, sondern durch dessen Gefangennahme. Dieser sollte sich für seine Verbrechen vor Gericht verantworten müssen. Als die Realisierung dieses Plans immer aussichtsloser erschien, schlossen sich auch Mitglieder des Kreisauer Kreises, unter ihnen Julius Leber und Peter Yorck, der Verschwörung um Claus Schenk von Stauffenberg an. Moltke lehnte ein solches Attentat ab, da er eine neue Dolchstoßlegende fürchtete.

Ein Schwerpunkt der Kreisauer war die Aussöhnung mit den östlichen und westlichen Nachbarn. Dem Programm der Neuordnung Deutschlands nach Hitler lag ein dezidiert christliches Menschenbild zugrunde. Der neue Staat sollte entsprechend der christlichen Soziallehre subsidiär aufgebaut werden, die Menschenrechte waren von zentraler Bedeutung. Es bestanden Kontakte zu Vertretern der Kirchen. Es sei hier nur der Jesuit Alfred Delp genannt.

Kirchenfunktionäre kannten die Pläne

Ausdrücklich ist auch der Berliner Widerstandskreis um Carl Goerdeler zu nennen. Über ihn bekam der selige Nikolaus Groß Kontakt zu den Verschwörern des 20. Juli. Groß hielt Kontakt zu KAB-Sekretären und anderen Arbeiterführern, die zur Absicherung des Umsturzes und der danach anstehenden gesellschaftlichen Neuordnung bereitstehen sollten. Groß selbst war offensichtlich für das Amt des Polizeipräsidenten der Preußischen Rheinprovinz vorgesehen. Was für den 20. Juli 1944 geplant war, wusste er wohl sehr genau. „In den nächsten Tagen wird etwas geschehen, was die Weltgeschichte verändern wird“, sagte er am 19. Juli zu einem befreundeten Diözesanpräses. Am 12. August 1944 wurde Groß verhaftet, am 23. Januar 1945 hingerichtet.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Verschwörer des 20. Juli sicher nicht so ausnahmslos christlich motiviert waren wie beispielsweise die „Weiße Rose“. Freilich stimmt auch, was Prälat Wolfgang Knaufft in seiner Rede „Der ,20. Juli‘ mit und ohne Christen“ (am 19. Juli 2002 in der Berliner St.-Matthäus-Kirche) so formuliert hat: „Die überwiegende Mehrheit dieser Männer stand – das darf man ohne Übertreibung sagen – in der Tradition christlicher Grundüberzeugungen, selbst wenn bei nicht wenigen die kirchliche Bindung schwach oder überhaupt nicht vorhanden war. In jedem Fall: Sie unterschieden sich von jenen Millionen getaufter Christen, die damals mit und ohne Gewissenserforschung glaubten, den Weg des geringsten Widerstandes einschlagen zu sollen oder zu müssen.“