Das Christentum ist mehr als Psychologie

„Nirvana oder Himmel“ – Ein Abend in der katholischen Akademie in München machte deutlich, wie wichtig die Scheidung der Geister ist. Von Alexander Riebel

Barocker Himmel im Deckenfresko der Anastasia-Kapelle im Kloster Benediktbeuern (Detail). Foto: IN
Barocker Himmel im Deckenfresko der Anastasia-Kapelle im Kloster Benediktbeuern (Detail). Foto: IN

Je mehr der Buddhismus in der Gesellschaft an Akzeptanz gewinnt, desto wichtiger wird die Frage, wie er sich vom Christentum unterscheidet. Dieser Aufgabe hat sich wieder die Katholische Akademie in München in ihrer Reihe „Buddhismus und Christentum – Grundpositionen im Diskurs“ zugewandt. Am Dienstagabend war „Nirvana oder Himmel“ das Thema; die beiden Vortragenden waren Professor Thomas Marschler, der 1996 zum Priester geweiht wurde und seit 2007 Professor für Dogmatik an der Universität Augsburg ist sowie Michael von Brück, evangelischer Theologe und Professor am Lehrstuhl für Religionswissenschaft an der LMU München, auch Zen-und Yogalehrer.

Von Brück durfte als erster vortragen. Auch wenn man den Buddhismus als Philosophie oder als Wertesystem ritueller Formen ausgelegt habe, sei doch das Nirvana kein definierter Begriff, sondern übersteige alle Definitionen als Nicht-Begriff – das mache seine Transzendenz aus. Nirvana, so führte von Brück aus, heißt „Verwehen“ oder Auslöschen der Begierde nach dem Sein. Dieses Auslöschen sei das Ende des Ich-Wahns, das Ich als unabhängige Existenz anzusehen. Vielmehr sei das Ich nur ein Teil der Welt und stehe mit allem anderen in Zusammenhang und sei daher nicht substanziell in sich bestehend. Auch nicht das Sein selbst, wie es im Christentum gedacht wird, behauptet der Buddhismus. Leider hat sich in München hieraus keine Diskussion ergeben, denn dass alles mitein-ander zusammenhängt, war auch den Europäern immer schon klar. Nur will es der Buddhismus nicht bei letzten Gründen belassen, die im Abendland immer geltend gemacht worden sind, sondern er will diese durch Meditation übersteigen. Dadurch lösen sich natürlich alle Definitionen auf, in dem auf eine andere Bewusstseinsstufe übergegangen wird, aber die Antwort darauf, warum das eine gültige Methode ist, bleibt der Buddhismus schuldig.

Von Brück sieht in der Aufgabe jeglicher Substanzphilosophie und des Festhaltens am Seinsgedanken, auf den sich die „Begierde“ oder Sehnsucht richte, die Vermeidung von Enttäuschung, aus der Hass entstehen könnte. Wer an nichts „anhafte“, sich also an nichts binde, habe die leid-verursachenden Gründe beseitigt. Damit ist das Nirvana für Brück ausdrücklich eine Sache des Bewusstseins, das man nur verstehen könne, wenn man es erreicht habe. Das unterscheidet den Buddhismus vom Christentum. Denn das Nirvana ist nach Brück nichts Metaphysisches, sondern im Hier und jetzt erreichbar. Buddhismus sei Psychologie.

Damit war eines der Kernthemen es Abends erreicht. Denn die Gottesschau sei auf Erden nicht erreichbar, wie Thomas Marschler ausführte. Das bleibt den Auferstandenen vorbehalten, die bei Gott seien; dann aber ganz real und nicht als Bewusstseinszustand, wie das Nirvana im Buddhismus. Von Brück beschrieb diesen Zustand des Nirvana als ein anderes Bewusstsein dieser Welt, ein Blick wie durch einen staubfreien Spiegel als reines Bewusstsein. Hier sieht auch von Brück einen Unterschied zur christlichen Transzendenz, für die das Absolute erst künftig schaubar sei. Der Buddhismus sei „nicht spekulativ und asketisch über die Welt erhaben“, meinte er, sondern das Sein selbst werde zeitlich verstanden und nicht unabhängig von der Zeit. Von dieser Bewusstseinslehre ist das Christentum jedoch völlig verschieden, wie Marschler in seinem Vortrag sehr deutlich machte.

„Wozu sind wir auf Erden? Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben und ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen“; hiermit bezog sich Marschler auf die Worte, wie sie häufig in alten Katechismen vorkommen. Der Himmel sei das Ziel christlichen Lebens, im Angesicht der Ewigkeit bei Gott zu sein. „Himmel und Erde“ seien die beiden entscheidenden Teile des alttestamentlichen Weltbildes. Waren in vorexilischer Zeit des Alten Testaments die Bilder gelungenen Daseins noch auf die irdische Lebenszeit gerichtet, so weitete sich der Blick nach dem Exil über die Grenze des Todes hinaus. Die transzendente Heilserwartung ist immer deutlicher geworden. Dabei entwickelte sich nach Marschler auch zunehmend die Hoffnung auf das Ankommen bei Gott zu einem „Beim-Herrn-Sein“, in der „nicht mehr endenden Gemeinschaft mit Christus“. Die christologische Vermittlung der Gottesschau hat das Johannesevangelium formuliert: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18). Die unmittelbare Gottesschau ist gleich nach dem Tod möglich, Gottes Wesen biete sich den Seelen „unverhüllt, klar und offen“, heißt es in der Apostolischen Konstitution von Papst Benedikt XII. aus dem Jahr 1336, der „wichtigsten lehramtlichen Aussage zur Eschatologie im ganzen Mittelalter“, wie Marschler erläuterte. Die Möglichkeit der Visio Gottes gründet in seiner Gnade. 1339 hat Benedikt XII. seine Aussagen dahin erweitert, dass unter den Seligen „aufgrund der Verschiedenheit der Verdienste der eine vollkommener als der andere“ Gott schauen kann; es gebe also Abstufungen in der Möglichkeit der Visio. Damit sind nach Marschler die wichtigsten kirchlichen Lehraussagen über den Himmel benannt, wozu auch gehöre, dass Christus und Maria bereits mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden seien. Aus der Eschatologie von Georg Ratzinger zitierte Marschler, um auf die Proportionalität von individueller und sozialer Vollendung der Aufnahme des Menschen in die trinitarische Gemeinschaft Gottes hinzuweisen: „Der Himmel kennt keine Isolierung; er ist die offene Gemeinschaft der Heiligen und so auch die Erfüllung alles menschlichen Miteinander, die nicht Konkurrenz zu, sondern Konsequenz aus dem reinen Geöffnetsein für Gottes Angesicht ist.“

Schließlich war es Marschler wichtig hervorzuheben, dass sich der christliche Himmelsglaube nicht nur auf die Vorläufigkeit der Welt bezieht, sondern vor allem deren „hohe Würde unterstreicht. Denn der Glaube an die kommende Welt soll zugleich zum Handeln in dieser Welt motivieren und zu Frieden und Gerechtigkeit führen. So vermag christliche Eschatologie „zuweilen überraschend konkrete gesellschaftspolitische Relevanz zu entfalten“.

In der anschließenden Diskussion ging es zunächst um das Thema Zeit in der Religion. Zeit hält von Brück für das Konstitutive in der buddhistischen Welterfahrung. Der Buddhismus vertrete ein Weltbildung ohne Anfang und Ende, aber mit vielen parallelen Universen nebeneinander. Der Buddhismus kennt ja keine Schöpfung, weil Buddha kein Schöpfergott ist. Der Zustand des Nirvana sei zeitlos, enthalte aber alle Zeiterfahrung. Im Christentum spielt die Zeit eine ganz andere Rolle. Für Marschler ist sie das Signum der geschöpflichen Welt, Vollendung sei hingegen die Anteilnahme an der Zeitlosigkeit. Auch die Ethik kam zur Sprache. Denn von Brück verglich das ruhige Bewusstsein des Nirvana mit einem Pilzmyzel, mit dem alle einzelnen Pilze verbunden seien. Daher nannte er es oberflächlich, nur Individuen sehen zu wollen und nicht ihren Einheitsgrund. Marschler wandte ein, dem Pilzmyzel mache es nichts aus, wenn ein Pilz fehle und setzte die christliche Auffassung der Teilhabe der Geschöpfe am Absoluten dagegen. Die Bedeutung endlichen Seins im Hinblick auf Gott dürfe nicht unterschlagen werden. Auch mit von Brücks Hinweis, die Grundlage aller Religionen sei Sehnsucht, unterstrich er seine Auffassung, die Bewusstseinslehre des Buddhismus sei eine rein psychologische. Ein reales Offenbarungsgeschehen kann ein Buddhist gar nicht denken, weil er keinen Begriff des Seins hat. Marschler sprach darum auch ganz richtig das „Unstete der Nirvanaerfahrung“ an. Von Brück aber konnte nur die „Konzentration auf das Jetzt“ empfehlen, „über Vorheriges und Künftiges wissen wir nichts“. Aber kann, wer keine Zukunfts- oder Heilserwartung hat, ein sinnvolles Leben führen?

Die Tagung in München zeigte einmal mehr, wohin der Verzicht auf Metaphysik zugunsten einer Leere ohne Sein, die sich dem Augenblick des Jetzt verschreibt, führt. Transzendenz nur als innerweltliches Geschehen einer Bewusstseinserfahrung aufzufassen wird weder der Frage nach dem Absoluten gerecht, noch den ethischen Anforderungen, vor die Menschen täglich gestellt sind.