Das Christentum als Taxifahrer-Problem

Die Krise Europas bietet die Chance, sich mit den Wurzeln vertraut zu machen und sie aus neuer Perspektive zu sehen Von Benedikt Asshoff

Taxi in Köln
Ziel erreicht und Schluss? Europa braucht weiterhin das Christentum. Foto: dpa
Taxi in Köln
Ziel erreicht und Schluss? Europa braucht weiterhin das Christentum. Foto: dpa

Europa steckt in einer Krise. Deutschland ebenfalls. Es ist schwer zu leugnen, dass unsere Gesellschaft sich in einem Vakuum befindet, das wie eine Umbruchphase wirkt. Werte, Identifikation und Identitäten scheinen durch den postmodernen Relativismus fluide und, ja, sich gänzlich aufzulösen. Die Gesellschaft verändert sich. Radikalisierung, Rechte wie Linke oder auch religiöse Extremisten gewinnen an Anhängern hinzu. Diskutieren ist oftmals nicht mehr möglich, unsere Gesellschaft scheint sich zu spalten. Fehlt uns eine gemeinsame Basis oder haben wir sie längst vergessen?

Der Begriff christliches Abendland, wurde früher oft benutzt, um vom Westen zu sprechen. Doch wird dieser heute sogar von einem deutschen Kardinal in Frage gestellt. Man scheint sich dafür zu schämen.

Die Frage geht tief, denn was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, ist essenziell. Und ohne eine gemeinsame Grundlage haben wir ein Problem.

Niall Fergusen, ein Professor für neuere Geschichte in Harvard, argumentiert auf die drängenden Fragen der Krise von Seiten der verfallenden Institutionen und Ökonomien. Anreize für die Gesellschaft würden von Institutionen geschaffen werden und die jeweilige Kultur nur die Normen setzen. Das Argument scheint in sich stimmig zu sein, halten doch auch direkt nach Kriegen oder durch Kriege erzwungene Demokratien erstaunlich stand. Es stellt sich die Frage, wie lange Institutionen über die Jahre ausreichen, um zu genügen? In unserer Gesellschaft gibt es nicht wenige Menschen, die an der Demokratie zu zweifeln scheinen.

Samuel P. Huntington sieht im genauen Gegenteil, den Kulturen, den Schlüssel. Diese sind Identitätsquellen, die das System braucht. Sie müssen in der heutigen Zeit durch neue Quellen ersetzt werden, da die alten nicht mehr tragen, um stabile Gesellschaften und moralische Klarheit zu schaffen. Menschen „können erst dann ihr Eigeninteresse klären und rational verfolgen, wenn sie sich selbst definiert haben. Interessenpolitik setzt Identität voraus“. Dies scheint meiner Meinung nach schon etwas näher den Kern zu treffen.

In seinem Essay „Scheitert Europa?“ (2014) bezeichnete Joschka Fischer einst die Situation in Europa als eine politische Krise, nicht als eine kulturelle oder gesellschaftliche. Es sei eine Entscheidungssituation – voran oder zurück. Anbrechende Renationalisierungstendenzen zeigen die Gefahr auf und machen klar, um was es geht. Dabei steht meiner Meinung nach, was sich in der Flüchtlingskrise herauskristallisiert hat, auf dem Spiel: Demokratie, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit – eben alles, was den Westen ausmacht. Aber woher kommen diese Werte, oder besser gesagt, warum haben diese sich ausgerechnet bei uns ausgebreitet?

Die Wurzeln Europas sind meiner Meinung nach streng mit der Geschichte des Westens verbunden. Zu dieser Geschichte fällt den meisten wahrscheinlich die griechische und römische Antike oder die Aufklärung ein.

Aber woher kommen unsere Ursprünge überhaupt? Denn wer die Wurzel und den Stamm kennt weiß, warum welche Früchte wachsen und warum nicht, wenn man diese abtrennt. Manfred Lütz ist einigen dieser Fragen nachgegangen. Er verweist facettenreich auf das Christentum. Dies würden sich die allerwenigsten heutzutage mehr trauen. Zitiert werden dabei nicht wenige hochrangige Wissenschaftler. So beschreibt Orlando Patterson, ein Soziologe aus Harvard, dass „das Christentum die erste und einzige Weltreligion [war und ist], die zum höchsten religiösen Ziel die Freiheit erklärte“. Tilman Nagel, ein Islamwissenschaftler, kommt ebenfalls zu Wort: „Dass das Christentum eine condition sine qua non der Entstehung des säkularen Staates und der Menschenrechte gewesen ist.“

Aber waren es nicht die Griechen, die ebenfalls von Gleichheit gesprochen haben? Ja, aber diese war nicht praktisch, sondern nur theoretisch. So war es völlig normal Sklaven zu halten. Auch bei den Römern gab es kein Konzept von politischer oder juristischer Gleichheit.

„Halt, Stop!“, rufen schon die Ersten, „wir haben die Freiheit der Aufklärung zu verdanken.“ Dabei vergessen aber viele, dass die Aufklärung auch Opfer forderte. Der Staat wurde die neue Religion für die Aufklärer und Revolutionäre. Aus Toleranz und Humanität wurde Tötung und Verfolgung der Andersdenkenden. Der Boden aber, auf dem die Aufklärung wuchs, war ein „Resultat jenes Prozesses, den das Christentum selber in Gang gesetzt“ hatte. Klöster leisteten Überragendes für Kultur, Kunst und Zivilisation. Die geistigen Quellen, aus denen die Aufklärung zehrte, wurden durch die Klöster überliefert. Christlicher Boden bereitete die Nährstoffe für unsere Werte.

Deshalb warne ich vor einem logischen Trugschluss, den die meisten begehen. In der Logik gibt es ein sogenanntes Taxifahrer-Problem. Wenn man mit einer Prämisse zu einem erwünschten Ergebnis kommt, wie wenn man mit einem Taxi am Ziel angelangt ist, darf man das Taxi wie die Prämisse nicht einfach verleugnen. Wir können nicht das Taxi „Christentum“, mit dem wir zum heutigen Stand unserer Kultur kamen, einfach wegschicken. Einfach die Ursache abtun, ohne dass dies für uns Folgen hätte, ist leichtsinnig und irrational. Denn die Folgen daran sehen wir genau in der heutigen Zeit, wenn wir plötzlich keine gemeinsame Wertebasis mehr haben und Wahrheit durch die Postmoderne relativ und fluide geworden ist.

Es war eben nicht Immanuel Kant, der die universalen Menschenrechte begründete. Für dieses Recht musste man sich nach ihm erst qualifizieren. Nietzsche erkannte dem Christentum die Erfindung des Mitleids an. Besonders drastisch drückt es Böckenförde, ein ehemaliger Bundesverfassungsrichter, aus: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

Gerade jetzt in dieser Krise besteht die Chance, uns wieder neu mit unseren Wurzeln vertraut zu machen und sie vielleicht aus einer ganz neuen Perspektive kennenzulernen. Erst eine Idee, eine gemeinsame Vision und geteilte Werte helfen uns dabei, gemeinsam auf etwas zuzugehen. Für die Krise gesprochen, durch etwas hindurchzugehen. Denn auch Huntington erkennt, dass Systeme und althergebrachte Identitätsquellen nicht mehr funktionieren. Fragen nach Zweck und Sinn des Lebens sind solche, die sich Menschen immer noch stellen – Vernunft reicht den Menschen nicht aus.

Deshalb muss diesem Appell an die Gesellschaft auch ein Appell an die Kirchen folgen: Wenn die religiösen Bedürfnisse, die durch die Modernisierung entstehen, nicht von traditionellem Glauben erfüllt wird, flüchtet die Gesellschaft zu „emotional befriedigenderen religiösen Importen“.

Ferguson warnt in seinem Buch vor diesem Zusammenhang, den ich versucht habe zu skizzieren. Er bezeichnet dies als Rosinenpicken der christlich-jüdischen Kultur, dass man all das Unheil wie Kreuzzüge und Hexenverbrennung außen vor lasse. An dieser Stelle soll keine Idealisierung stattfinden. Aber alle Zweifler und Sucher seien verwiesen an das Buch von Manfred Lütz: „Skandal der Skandale: Die Geheime Geschichte des Christentums“.