„Das Böse hat keine Zukunft“

Wie wird der Islam menschenrechtsfähig?, fragten Experten an der Hochschule Heiligenkreuz. Von Stephan Baier

Bilder gegen den Krieg: Anja Niedringhaus
Menschlichkeit ist das erste Opfer des Krieges. Dieses Foto der ermordeten Fotografin Anja Niedringhaus zeigt eine irakische Mutter, die ihr Kind am Stadtrand von Basra trägt, als sie aus der südirakischen Stadt flieht.dpa Foto: Foto:
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Menschlichkeit ist das erste Opfer des Krieges. Dieses Foto der ermordeten Fotografin Anja Niedringhaus zeigt eine iraki... Foto: Foto:

Was der chaldäische Patriarch von Babylon, Kardinal Louis Raphael Sako, an Hoffnung und Zuversicht zu bieten hat, wurzelt im Glauben: „Das Böse hat keine Zukunft. Das Gute ist langsamer, aber es bleibt in Ewigkeit.“ Die Fakten und Erfahrungen, von denen Patriarch Sako am Samstag bei einer Fachtagung an der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“ breit berichtete, verführen jedoch eher zu Resignation und Verbitterung: Etwa eine Million Christen hätten den Irak verlassen, weniger als eine halbe Million sei geblieben. Der sogenannte „Islamische Staat“ habe Christen vor die Alternative gestellt, entweder zum Islam zu konvertieren, eine Schutzsteuer zu zahlen oder getötet zu werden. „Für uns ist es wie ein Wunder, dass kein Christ zum Islam konvertierte“, sagte Sako.

„Religion wird zur Waffe gemacht“, so der Patriarch. Die Einstellung der islamischen Extremisten sei in der heutigen, multiethnischen und multireligiösen Zeit einfach nicht praktikabel. Aber: „Radikale Muslime können sich auf den Koran berufen, wenn sie Nichtgläubige hassen, vertreiben oder zur Annahme des Islam zwingen.“ Auch für die islamischen Obrigkeiten sei es dringlich, den Extremismus, der sich in den zurückliegenden Jahrzehnten ausbreitete, loszuwerden. „Sie sprechen von Toleranz, praktizieren sie aber nicht“, wirft Sako islamischen Autoritäten vor. Viele Imame würden in ihren Moscheen Hass schüren. Sako forderte in Heiligenkreuz, eine Exegese für den Koran zu entwickeln, Lehrpläne zu etablieren, die Menschen zu wahren Verehrern Gottes werden lassen und damit freiheitliche Gesellschaften ermöglichen.

Auf Fragen aus dem Auditorium erklärte das Oberhaupt der chaldäischen Katholiken, dass viele Muslime durch die Glaubensarmut und den Mangel an Moral im Westen irritiert seien. Das löse in der islamischen Welt Angst und Aggression aus. „Wir müssen sie lieben“, meinte der Patriarch auf eine betont islamkritische Frage. Und weiter: „Ich sage ihnen, sie müssen aus der Erfahrung der Christen lernen. Wenn die Muslime ihren Islam nicht erneuern, hat er keine Zukunft.“

Für einen nicht-fundamentalistischen, sondern weltoffenen Islam plädierte im Kaisersaal des Zisterzienserklosters die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Sie kritisierte, dass in ihrem Heimatland Iran wie in Saudi-Arabien die Religion politische Macht hat. So könne in Saudi-Arabien jeder bestraft werden, der die Pflichtgebete nicht einhält, im Iran gebe es Peitschenhiebe bei Verstößen gegen den Ramadan. Die Scharia werde je nach den Intentionen des Staates ausgelegt, und zwar als einzig mögliche Auslegung: „Die Scharia wird so gedeutet, wie es dem Staat passt.“

Ebadi kritisierte, dass die Bahai im Iran nicht anerkannt sind, dass es für Christen und Zoroastrier diskriminierende Gesetzesbestimmungen gibt, dass Apostasie, also der Abfall vom Islam, bis heute mit Hinrichtung geahndet werden kann. 300 Personen seien im Iran derzeit wegen ihres Übertritts zum Christentum im Gefängnis.

Die Juristin, die vor der Revolution Khomeinis 1979 als erste Richterin des Iran den Senat des Teheraner Stadtgerichts präsidierte und heute im Exil in London lebt, fragte: „Ist der Islam überhaupt menschenrechtsfähig?“ Ihre eigene Antwort fiel positiv aus. Allerdings brauche der Islam heute eine Renaissance, wie sie das Christentum nach dem Mittelalter hatte. Alle Regelungen, die die Beziehung zwischen der Einzelperson und ihrem Schöpfer betreffen, seien „nicht Sache des Staates“. Ebadi weiter: „Wir können die Gesellschaft heute nicht mit einem Regelwerk regieren, das 14 Jahrhunderte alt ist.“ Bis hierher folgte ihr das Publikum aufmerksam und interessiert.

Unruhe kam im Saal auf, als die Friedensnobelpreisträgerin forderte, man dürfe Terrorakte Einzelner nicht dem Islam zuschreiben. Begründung: Man verurteile auch nicht den Buddhismus dafür, dass in Myanmar Buddhisten Muslime ermorden und vertreiben. „Was im Gazastreifen stattfindet, schreiben wir nicht dem Judentum zu.“ Nicht konsensfähig schien im Auditorium ihre These: „Der Islam wird missbraucht. Es gibt keinen Unterschied zwischen den Religionen, sondern zwischen den Anhängern von Religionen.“ Eine Besucherin schrie dazwischen: „Wir haben heute die größte Christenverfolgung seit tausend Jahren, und Sie behaupten, das habe nichts mit dem Koran zu tun.“ – Sagte es, ging und knallte die Türe hinter sich zu.

Andere verstanden es, ihren Einspruch mit mehr Manieren zu präsentieren. Die Versuche der Friedensnobelpreisträgerin, den Islam für menschenrechtskompatibel zu erklären, waren allerdings kein Versuch, die Extremisten zu entschuldigen, sondern eine inner-islamische Alternative zu entwickeln. Zu einer solchen wird es jedoch mehr brauchen als den Verweis auf Menschenrechtsverletzungen von Gläubigen anderer Religionen oder die These, dass Christus – im Gegensatz zu Moses und Mohammed – nur nicht lang genug lebte, um zum Gesetzgeber einer Gemeinschaft zu werden. Ebadis heutiges Ringen um eine Modernisierung des Islam mag seine argumentativen Schwächen haben, knüpft aber zweifellos an ihrer eigenen Lebenserfahrung an: „Wir waren schon vor 1979 Muslime, aber der Islam war damals keine politische Macht.“

Zu den Höhepunkten der Heiligenkreuzer Fachtagung zählte die erfahrungsdichte Analyse des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Serge Brammertz. Die politische Unterstützung für das internationale Gericht sei heute geringer als in den 1990er Jahren, meinte der belgische Jurist. Große Länder würden dem Gerichtshof die Anerkennung verweigern, der Multilateralismus sei einem neuen Egoismus gewichen, die Bereitschaft zu gemeinsamer Problemlösung schwinde.

Für den Völkermord in Ruanda und die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien habe der Weltsicherheitsrat ein internationales Tribunal geschaffen, doch im Fall Syriens sei dies stets am Veto mindestens einer Macht im UN-Sicherheitsrat gescheitert. „Niemand zählt mehr die Opfer“, so Brammertz, der bedauerte, dass internationale Strafverfolgung heute mehr Ausnahme als Regelfall sei.

Im Krieg muss auch die Wahrheit leiden

Internationale Strafverfolgung wird offenbar immer schwieriger: Wegen der begrenzten Kooperation der Weltmächte wie der betroffenen Regierungen, wegen der geringen Befugnisse der internationalen Ermittler und der parteilichen Sicht von Bevölkerungen. Wo internationale Ermittler an nationale Gesetze gebunden und auf die Hilfe der nationalen Politiker wie der öffentlichen Meinung angewiesen sind, sind die Hürden zu objektiver Aufklärung und Strafverfolgung hoch. Brammertz berichtete etwa, dass in Srebrenica noch immer jedes Jahr neue Leichen gefunden werden, dass der Zugang zu Tatorten eingeschränkt sei, dass trotz Millionen Seiten an Beweismaterial Kriegsverbrecher als Volkshelden gefeiert würden. Die „Verherrlichung verurteilter Kriegsverbrecher“ gibt es nicht nur auf dem Balkan, wo Brammertz insbesondere Serbien und der bosnischen Serbenrepublik schwere Vorwürfe machte. Seine ernüchterte Bilanz lautete: „Im Krieg ist immer die Menschlichkeit das erste Opfer, und die Wahrheit das zweite.“