Das ABC des Menschseins

Dass der Mensch die Trennung der Kategorien von Innen- und Außenwelt dank der Erfindung der Schrift erkennen konnte, war lange eine unbewiesene These. Jetzt haben Hirnforscher den Beweis erbracht. Von André Stiefenhofer

Die Zeiten, da man sich auf Einflüsterungen durch Zeus berufen konnte, sind vorbei. Heute dient der antike Göttervater neben anderen antiken Göttern als Museumsstück. Foto: dpa
Die Zeiten, da man sich auf Einflüsterungen durch Zeus berufen konnte, sind vorbei. Heute dient der antike Göttervater n... Foto: dpa

Es war der katholische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan, der in den 1960er Jahren erstmals die These aufstellte, der Mensch sei erst seit der Erfindung des Alphabets in der Lage, seine inneren Erfahrungen von der Außenwelt zu trennen. Vorher spiegelten die Äußerungen des Menschen sein Innenleben exakt wieder – eine Offenheit, die für Menschen in Stammesverbünden existenziell wichtig war, um Konflikte rechtzeitig erkennen und unblutig austragen zu können. Diese Ur-Gesellschaften überlieferten ihr Wissen rein mündlich und das bedeutete: Persönlich, direkt, mit allen Sinnen. Der Schüler wurde vom Lehrer totalitär mit in seine Gedankenwelt genommen und übernahm alles eins zu eins. Erst durch das phonetische Alphabet wurde es möglich, gelernte Gedanken niederzuschreiben, neu zu ordnen und abstrakte Thesen wissenschaftlich genau zu formulieren. Die Geburt des Alphabets war damit die Geburtsstunde der Wissenschaft, wie wir sie heute kennen.

Salopp gesagt wurden erstmals „Herz und Hirn“ getrennt und es entstanden zwei Disziplinen, die vorher eins waren: Die „Anthropologie“, die Lehre vom Menschen, und die „Ontologie“, die Lehre vom Sein. Schon bisher gab es einige Anhaltspunkte dafür, dass diese These McLuhans stimmen könnte. Denn da es die philosophischen Kategorien „Innenwelt“ und „Außenwelt“ auch schon zu vorschriftlicher Zeit gegeben hatte, mussten sich unsere Vorfahren mangels Erkenntnis zur Artikulation mit der „Externalisierung innerer Vorgänge“ behelfen, sprich: Die innere Stimme, die von der gesellschaftlich erwünschten Handlung abriet, war nicht die Innenwelt, sondern der sprechende Baum, die Muse, das Seelentier, oder Zeus persönlich. McLuhan bemerkte, dass die antiken Götter in der noch rein mündlich überlieferten Illias des Homer alle widerstrebenden inneren Regungen der menschlichen Helden in ihrem Handeln widerspiegeln. Die Götter sind sozusagen die „Sündenböcke“ der Helden. Sozial unerwünschte Entscheidungen konnten auf angebliche Befehle oder Taten höherer Wesen abgewälzt werden. McLuhan behauptet darüber hinaus, dass diese „Externalisierung“ ab den ersten schriftlich überlieferten Werken abnimmt. Das wäre in etwa ab Platon der Fall. Ein Indiz dafür sieht er darin, dass die Helden der griechischen Tragödie zutiefst gespaltene Menschen sind, die an der Schwelle eines technologischen Durchbruchs stehen – man denke nur an Ödipus oder Antigone. Die Schrift besiegelte zivilisatorisch die endgültige Trennung von Innenwelt und Außenwelt und vollführte damit einen Quantensprung in der Menschheitsgeschichte. Der Mensch fokussierte sich, er erkannte sich selbst, wurde „introspektiv“ und entwickelte damit erste Grundzüge von Wissenschaft.

Nach McLuhans These ist das der entscheidende Schritt des Menschen vom Kollektivwesen zum selbstbestimmten Individuum. Das Menschenbild, wie wir es heute kennen, wird geboren. Wenn das wahr ist, hat das auch enorme Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Kirche. Denn das Evangelium ist in diesem Fall die einzige Heilige Schrift, die unter diesen neuen „individualistischen“ Bedingungen entstanden ist. Sowohl das Alte Testament, als auch der viel später entstandene Koran sind in ideogrammatischen (aus Bildern zusammengesetzten) Schriftzeichen verfasst und nur das Neue Testament nutzt die revolutionäre Technologie des phonetischen Alphabets (= ein Zeichen, ein Laut).

Für McLuhan ist das kein Zufall, sondern Vorsehung: Gottes Sohn wird in eine Zeit geboren, in der die althergebrachten Stammesstrukturen aufbrechen und sich der Fokus auf den einzelnen Menschen verschiebt. Die junge Kirche hat eine individualistische Botschaft im Geiste der modernen Technologie zu bieten: „Nicht Du musst sterben für die Sünden Deines Stamms, Gott ist für Dich Mensch geworden, gestorben und auferstanden – nun sei ein freier Mensch und erfülle seine Gesetze aus Liebe, anstatt ihnen aus Angst zu gehorchen!“

So einleuchtend diese These McLuhans auch ist, lange wurde sie nicht bewiesen. Erst in diesem Jahr kam nun der Durchbruch durch die argentinischen Hirnforscher Mariano Sigman und Guillermo Cecchi. Sie wollten, wie Sigman im Rahmen der „TED Talks“ (www.TED.com) erklärt, eine Methode entwickeln, mit der Schizophrenie-Patienten auf Heilungserfolge hin getestet werden können und erbrachten dabei „en passant“ den Beweis für McLuhans Annahme. Sigman und Cecchi untersuchten antike Texte vor und nach der Erfindung des Alphabets durch eine ausgefeilte Inhaltsanalyse, bei der sie gezielt nach Worten wie „Selbst“, „Schuld“, „Verstand“, „Gefühl“ oder „Gedanke“ suchten – introspektive Worte, die auf die Wahrnehmung und Reflexion der eigenen Innenwelt schließen lassen. Das Ergebnis war eindeutig: Sind introspektive Worte in der Illias und Odyssee nur sehr spärlich vorhanden, so ist ab Platon plötzlich ein exponentieller Anstieg zu beobachten, der sich schon bei seinem Schüler Aristoteles erneut verdoppelt. Ähnliches bringt eine Analyse der jüdisch-christlichen Tradition zutage. Hier explodiert die Introspektive nach einer sehr langsamen Zunahme im Alten Testament exponentiell im Neuen Testament. Im Unterschied zur griechischen Antike flacht diese Exponentialkurve nach den Schriften des Evangeliums aber wieder ab, so dass der heilige Kirchenlehrer Augustinus im Mittel etwa genauso introspektiv schreibt wie der heilige Paulus.

Eine bessere Bestätigung all seiner Annahmen hätte sich McLuhan nicht wünschen können: Sigman und Cecchi beweisen nicht nur, dass sich der Mensch seit Erfindung der Schrift ganz allgemein stärker nach innen wandte und damit die Trennung von Innenwelt und Außenwelt bewusst vollziehen konnte. Sie beweisen auch, dass das Evangelium einen „Urknall der Introspektive“ in der religiösen Welt auslöste, der im Gegensatz zur Philosophiegeschichte nicht endlos exponentiell verlief, sondern einen Maßstab setzte, an dem sich spätere Schreiber nur noch orientierten, ihn aber nicht übertrafen.

Die Menschwerdung Gottes setzte einen unübertrefflichen Maßstab für das religiöse Menschenbild, das seitdem mit der Tradition der Kirche durch die Zeit getragen wird. Die mit der Menschwerdung zu Zeiten des Alphabets verbundene göttliche Vorsehung, die McLuhan am Werk sah, können und wollen Sigman und Cecchi natürlich nicht beweisen. Dank ihrer Erkenntnisse sind seine Vermutungen in diese Richtung für den Gläubigen nun aber leichter nachvollziehbar.