Contra: Raus mit dem Nolde?

Das wahre Bild zeigen. Von Stefan Meetschen

Ausstellung "150 Jahre Emil Nolde - Meisterwerke"
Gemälde von Emil Nolde sind am 24.02.2017 im Bildersaal des Nolde-Hauses Seebüll in Neukirchen (Schleswig-Holstein) zu sehen. Am 01.03.2017 öffnet hier die bis zum 30.07.2017 zu sehende 61. Jahresausstellung unter dem Titel "150 Jahre Emil Node - Meisterwerke" . +++(c) dpa - Bild... Foto: A2836/_Carsten Rehder (dpa)

Mehr als zehn Jahre hingen sie im Büro der Bundeskanzlerin: zwei Gemälde des Malers Emil Nolde (1867–1956), den Angela Merkel, wie sie einmal in einem Interview bekannte, schon als Teenager bewundert hat – ein Paar im Garten („Verlorenes Paradies“) und eine Welle vor dunklem Hintergrund („Brecher“). Im Zuge einer aktuellen Berliner Ausstellung, die Noldes Antisemitismus und Nazi-Verbundenheit belegt und damit sein nach dem Krieg von ihm selbst kultiviertes Image als vom „Dritten Reich“ geschasster Künstler widerlegt, verzichtet die 64-Jährige zukünftig darauf, ihre Bürowände mit seiner Kunst zu schmücken. Auch andere Künstler kommen, wenn man den Berichten glauben darf, für die mächtigste Frau Deutschlands nicht in Frage. Weiße Wände, porentief rein – so möchte Frau Merkel nun ihr Land repräsentieren. Ein ehrgeiziges, ehrenwertes und trotzdem etwas entrückt wirkendes Programm, was spätestens im Sommer deutlich werden wird, wenn die Bundeskanzlerin – wie jedes Jahr, seit dem Beginn ihrer Amtszeit – den Bayreuther „Hügel“ besuchen wird, um der Musik des Antisemiten Richard Wagner (1813–1883) zu lauschen. Als wäre dieses nationale Kultur-Highlight, von dem dank der Präsenz der Medien weltweit Bilder zirkulieren, nicht repräsentativ für die deutsche Politik und Gesellschaft. Wer zu historischen Gemälden, die keine eindeutig erkennbaren Antisemitismus-Kennzeichen oder Nazisymbole aufweisen, auf Distanz geht, weil die Gesinnung des Künstlers aus einer anderen Epoche im Widerspruch zur heutigen freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung steht, die Gott sei Dank jede Form von Rassismus und Extremismus ahndet, müsste konsequenterweise eigentlich auch eine solche „Kultstätte“ boykottieren. Doch offenbar stufen Angela Merkel und ihr Beraterstab das Musikereignis (noch) als nicht anstößig ein, was angesichts der praktizierten visuellen Säuberung mit moralischem Maximalanspruch erstaunen kann. Ist die aus der historischen Distanz betrachtete falsche Gesinnung eines Musikers weniger verwerflich als die falsche Gesinnung eines Malers? Oder ist es die relativ abrupt aufgedeckte moralische Fallhöhe Noldes, die zu dem rigorosen Abwehrreflex geführt hat? Der jüdische Dirigent Daniel Barenboim hat Wagner einmal gegen die posthume Vereinnahmung durch die Nazis in Schutz genommen, was man bei Nolde als zeitweiligem Nutznießer des Hitler-Apparates sicherlich nicht so einfach machen kann, auch wenn dessen Kunst ab 1937 von den Nazis offiziell als „entartet“ eingestuft wurde.

Was sich uns Heutigen enthüllt, ist das Bild eines Künstlers, der zerrissen und fanatisch war und bei allem Talent offensichtlich nicht das richtige ethische Maß und Menschenbild fand. Ein typisch deutsches Kind seiner Zeit also, weshalb es einer modernen demokratischen Regierungschefin, die ihr Land selbstkritisch und ohne künstlich aufgesetzte Reinheitstöne zu repräsentieren gedenkt, eigentlich gut anstünde, sich weiterhin mit Bildern von ihm zu umgeben. Warum tut Merkel das nicht? Schämt sie sich ihres gebrochenen persönlichen Geschmacks? Darf die öffentliche Machtfigur nicht gutheißen, was die private Person mag? Das wäre eine tragische, wiederum sehr deutsch wirkende Spaltung.

Nein, es hilft auf Dauer nicht, die antisemitischen und diversen ideologischen Verstrickungen deutscher Künstler, aber auch deutscher Industrieller und Politiker aller Zeiten (Religionsführer wie Martin Luther nicht zu vergessen!) zu verdrängen, indem man ihre Werke ausmustert, und damit in fataler Wiederholung die totalitaristischen Mechanismen früherer Epochen im neuen Gewand wiederholt. Gerade vor den Bildern Noldes könnte Angela Merkel mit der angemessenen nationalen Demut auftreten, welche die deutsche Geschichte verlangt. Wissend, dass es perfekte Länder und Menschen nicht gibt. Und dass man zwischen Kunst und Künstler unterscheiden sollte.

 

 

Hintergrund: Ein detuscher Bilderstreit

Zurzeit ist im „Hamburger Bahnhof“ in Berlin die Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende“ zu sehen. Ein durchaus passender Titel, denn Nolde, dessen Kunst im Rahmen der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München gezeigt wurde, stand dem „Dritten Reich“ längst nicht so distanziert gegenüber, wie er selbst und seine Nachlassverwalter es nach dem Zweiten Weltkrieg gern darstellten. So weisen die Kuratoren der Berliner Ausstellung, die bis zum 15. September zu sehen ist, nach, dass der als verfemter Expressionist geltende Künstler nicht nur mit einigen Nazi-Größen gut stand, die dafür sorgten, dass er bald schon aus der mobilen „Entartete Kunst“-Ausstellung verschwand, auch weltanschaulich gab es einige unschöne Berührungspunkte mit dem NS-Regime – allen voran den Antisemitismus. Nicht nur über den jüdischen Einfluss in der deutschen Kultur ärgerte sich Emil Nolde, auch beim Weltkrieg witterte der Maler eine jüdische Verschwörung „hinter den Regierungen“.

Was der aktuellen Ausstellung in Berlin zusätzlich Aufmerksamkeit beschert, ist aber noch etwas anderes: ein Exponat der Ausstellung, das Gemälde „Brecher“ (1936), stammt aus dem Bundeskanzleramt, wo es auf Wunsch von Angela Merkel, wie auch das Nolde-Bild „Verlorenes Paradies“, seit 2006 hing. Beide Nolde-Gemälde werden zukünftig auf Veranlassung Merkels nicht mehr das Bundeskanzleramt schmücken. Die Kanzlerin zieht es, laut eines Sprechers vor, „einstweilen die weiße Wand ohne ein neues Bild anstelle der Nolde-Bilder schön zu finden und es dabei zu belassen“. Obwohl sie nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass sie die Werke Noldes, ebenso wie der frühere Kanzler Helmut Schmidt, sehr schätzt. Kein Nolde im Bundeskanzleramt – die richtige Entscheidung?