Contra: Lernen ist zutiefst individuell

Soll Homeschooling verboten bleiben? Von Andreas Thonhauser

Beginn neues Schuljahr 2017/2018 in Thüringen
ARCHIV - Ein Stundenplan liegt am 07.08.2017 auf einem Tisch eines Grundschülers der «Hans Carl von Carlowitz Grundschule» in Rabenstein bei Chemnitz (Sachsen). (zu dpa «Beginn neues Schuljahr 2017/2018 in Thüringen» vom 10.08.2017) Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa... Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild)

Eingangs sei festgehalten, dass das Wort „Heimunterricht“ eine Irreführung ist. Dass der Unterricht nämlich ausschließlich zu Hause stattfindet, stimmt für die meisten Homeschooler nicht. Vielmehr wird das gesamte Umfeld eines Kindes in den Unterricht einbezogen: von Eltern über Freunde, außenstehende Experten, Museen, technische Anlagen, Reisen, Veranstaltungen, Konzerte, Vernissagen, Sport, bis hin zu religiösem Programm.

Lernen ist eine zutiefst individuelle Sache: Während manche leichter durch Zuhören Dinge erfassen, lernen andere durch visuelle Reize. Allgemein bekannt ist das unterschiedliche Entwicklungstempo von Kindern. Während manche mit zehn Jahren komplexe mathematische Aufgaben lösen, sind andere erst zwei, drei Jahre später so weit. Wir wissen auch um die unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten von Buben und Mädchen. Natürlich gibt es da immer Ausnahmen auf beiden Seiten. Aber die Entwicklungspsychologie beschreibt klare Trends. Zusätzlich müssen wir die unterschiedlich ausgeprägte Sprachkompetenz von Schülern in Betracht ziehen. Kinder mit Migrationshintergrund brauchen selbstverständlich mehr Sprachförderung. Je individualisierter also der Unterricht gestaltet ist, je stärker die Lehrperson auf den einzelnen Schüler, seine Stärken und Schwächen eingeht, desto eher findet eine optimale Förderung statt. Deshalb sollte eine Klasse nie mehr als zwölf bis 14 Schüler haben. Eine budgettechnisch utopische Forderung.

Im außerschulischen Unterricht können Kinder ihr Tempo innerhalb eines vorgegebenen Jahreslehrplans selbst bestimmen. Jahresendprüfungen oder auch laufende Überprüfungen durch außenstehende Lehrer oder Kommissionen können leicht den Lernfortschritt evaluieren. Gerade in den ersten Schuljahren bewältigen die meisten Homeschooler die Jahresanforderungen in Deutsch und Mathematik leicht bis Weihnachten. Danach wird das Wissen der Kinder vertieft und erweitert. Während sich in einer Schulklasse normaler Größe das Lerntempo immer am schwächsten Schüler orientiert, langweilen sich die Begabteren.

Apropos Begabung: In der Schule werden oft von 50 Schulminuten nur zehn effektiv zur Stoffvermittlung genützt. Die Schüler sitzen viel Zeit einfach ab. Hingegen bleibt im außerschulischen Unterricht viel Freiraum für Sport, Musik, Museumsbesuche, Kunstunterricht, Fremdsprachenförderung, und generelle Projektarbeit, die von Programmieren mit Legobaukästen bis hin zum schematischen Nachbasteln unseres Sonnensystems reichen kann. Nicht von ungefähr sind Homeschooler an den amerikanischen Elite-Universitäten wie Harvard, Yale und Princeton begehrte Kandidaten.

Dann wäre da noch der soziale Aspekt. Im Fall der Homeschooling Familie Wunderlich wagten deutsche Gerichte, von der Gefahr von Parallelgesellschaften zu sprechen. Tatsache ist, dass Parallelgesellschaften ohnedies existieren, wie die Terroranschläge in Deutschland traurig dokumentieren, ob nun Homeschooling erlaubt ist oder nicht. Außerdem ist gerade in der Schule das soziale Umfeld unnatürlich. Nie wieder verbringen wir soviel Zeit mit Gleichaltrigen. Im Berufsleben müssen wir mit Menschen unterschiedlichen Alters auskommen – wie in einer größeren Familie eben.

Eltern müssen ebenfalls als Argument gegen den außerschulischen Unterricht herhalten. Nicht alle seien geeignet, Kinder zu unterrichten. Das stimmt natürlich. Aber das trifft ebenso auf viele Lehrer zu. Grundsätzlich darf angenommen werden, dass jene, die sich den außerschulischen Unterricht aufbürden, mit sehr viel Elan an die Sache gehen. Außerdem gewährt Homeschooling Eltern zumindest eine theoretische Freiheit gegenüber dem Staat, gerade wenn der politische Wind in eine fragwürdige ideologische Richtung bläst, wie etwa aktuell in Sachen Sexualunterricht.

Andreas Thonhauser ist Direktor für Kommunikation in Europa von ADF International.

 

 Hintergrund: Wer Kinder bilden darf

Familie Wunderlich aus Hessen hat versucht, das Recht auf Homeschooling am Europäischen Gerichtshof einzuklagen. Zuvor hatten bereits Gerichte den Eltern das Sorgerecht über ihre Kinder teils entzogen oder sie in staatliche Obhut genommen. Am 11. Januar entschied der Gerichtshof, das Vorgehen des Staates sei keine Verletzung der Rechte der Familie.

Der Unterricht zu Hause, auch homeschooling genannt, war in Deutschland bis 1938 legal. In der Geschichte galt es als ein Privileg, sich für seine Kinder einen Hauslehrer leisten zu können. Die meisten westlichen Länder erlauben private Bildung als Alternative zum Schulbesuch, weil dort nur eine Bildungspflicht besteht, jedoch kein Schulzwang. In einigen Staaten ist die Option des Homeschoolings im Rahmen der Bildungsfreiheit sogar durch die Verfassung geschützt. In Deutschland hingegen wird die Schulpflicht so restriktiv durchgesetzt, dass diese Rechtspraxis mehrfach schon international in die Kritik geriet. Anfang 2010 gab ein Gericht in Memphis, Tennessee, dem Asylantrag der deutschen fünffachen Eltern Hannelore und Uwe Romeike statt. Weil sie wegen des Heimunterrichts-Verbots Gefahr liefen, sich strafbar zu machen, waren sie 2008 in die Vereinigten Staaten geflohen. Im Schulzwang sahen sie als evangelikale Christen ihr natürliches Recht als Eltern auf Erziehung ihrer Kinder und ihr Recht auf Religionsfreiheit verletzt, was sie auch im Asylantrag vorbrachten.

Dabei sieht das Grundgesetz jedoch keine Schulpflicht vor, sondern betont vielmehr das Elternrecht (Artikel 6, Absatz 2, Satz 1). Zugleich räumt es dem Staat in Satz 2 eine Aufsichtspflicht über das öffentliche Schulwesen ein. Die meisten Eltern in den USA, die zu Hause unterrichten, tun dies aus religiösen oder moralischen Gründen. Michaela Koller