Computer können für Jugendliche zur Falle werden

Zuerst schien der PC nichts weiter als ein Belästiger, eine seufzend absolvierte Lernnotwendigkeit später Jahre, Zeitverschwender allerdings auch und ein unverständlich abstürzender Stresserzeuger. Er ließ keine Zeit mehr zum Schreiben. Dann wurde voll Befremden seine Familienfeindlichkeit deutlich: Da saßen sie nun all die prächtig erblühten jugendlichen Enkel samt ihren Vätern, jeder vor seinem schwarzen Kasten, Stunden über Stunden – und dazu auch noch geradezu fasziniert – wie verschluckt die Interessen, von der Musik bis zum Sport, und vor allem: weit weg die Freude an Kommunikation.

Es folgte der Schrecken der Wirklichkeit: Bis dahin prächtig gediehene kleine Männer, die von diesem Zauberding eingesogen worden waren – eingefangen in einer neuen Sucht, ohne noch weiter die Willensmöglichkeit zu haben, dem jeweiligen Klassenziel gerecht zu werden ... die Killerfalle „counter strike“ ist eine besondere in diesem Genre. Die Internetsucht begann so harmlos – gesteuert von der berechtigten Neugier auf die noch unbekannte, aber so hoch im Kurs stehende Sache: gegoogelt mit drei Buchstaben S-E-X und einem einzigen Klick. Und den erst nur mal ab und zu wiederholt, dann einmal die Woche, dann jeden Tag, dann das Surfen nach immer schärferen Sachen: die Pornofalle – ein Scheunentor, Perversionenhölle des Missbrauchs von Kinderleibern schließlich.

Aber auch für das eigentlich ein wenig weniger angefochtene weibliche Geschlecht steht die Falle parat: Komm zu Ana, lockt sie – und wer von uns möchte nicht wenigstens so schlank sein wie eine Fernsehansagerin? Hier endlich die Lösung im Internet: hier kannst du dich einreihen – erfüllst du nur fleißig und rigoros genug die Bedingungen zum Einlass in den elitären Kreis der Surfer: durch das täglichen Hungersoll. Per 1. Klasse – als superelitär kann man dort teilhaben am zielgeraden Flug in den Hungertod. Sich in Gemeinschaft sieghafter Aussteiger tothungern – was für eine Verführung als Programm, so gekonnt eingefädelt, wie es sich nur diabolische Kompetenz ausdenken kann. Aber das alles war doch erst der Anfang, sodass mittlerweile selbst der üblichen Phalanx der Beschwichtiger zu jener Ruhe, die bekanntlich Bürgerpflicht ist, im Hals stecken blieb; denn nun geht es ihnen selbst an den Kragen. Jeder kann sich nun im Internet unversehens am Schandpfahl wiederfinden. Hast du einen Feind? Vielleicht wenigstens einen Nachbarn, der sich darüber ärgert, dass du dir ein schickes Auto über Abwrackprämie hast kaufen können, während er das verpasst hast. Muss dir, diesem Mistkerl, da nicht mal die Wahrheit gesagt werden, schön drastisch per Internet? Da lässt sich doch rasch etwas finden und erfinden – ein Gerücht nun als erwiesene Info aufgemacht, nicht wahr?

Die Schulkinder haben das längst schon erfasst, wie man da die schwarze Schafe aus der Klasse einfach totmachen kann, weggemobbt – einfach so – als Spaß. Warum nicht: Es merkt ja keiner! Es bleibt ja anonym. Aber was vielleicht dem einen oder dem anderen doch nach mehr auszusehen vermag, als wie eine Einladung zu einem harmlosen, geschmacklosem Scherz, ist längst zu einer globalen Tücke kaum auslotbarer Gefahr geworden: als ein diktatorisches Instrument zur Ausschaltung unliebsamer Personen durch anonyme Verleumdung übelster Art. Wer sich dazu eignet, kein Stillhalter zu sein in einem verschleierten Plan, wird per Internet – ruck, zuck – so ohne eine prompte rechtliche Möglichkeit zur Revision oder zum Löschen der Aussage, so verleumdet, dass niemand je weiter etwas mit dieser Person oder dieser Gruppierung zu tun haben möchte. Was geht hier vor? Ein wenig weitere Demontage christlicher Ethik nur? Abermals eine „Neue Moral“ als weltkluge Großherzigkeit, die mit Schulterklopfen und einem lässigen „Take it easy“ cool entwürdigende seelische Verletzungen zu übersehen sucht?

Wo ist Noah und seine Arche? Denn mehr Chance haben wir nicht.