Clever aber skandalös

Die jüngste „Erfolgsmeldung“ US-amerikanischer Wissenschaftler hält gleich zwei Botschaften parat. Eine gute und eine schlechte. Die gute: Ethisch forschen steht auch bei denen hoch im Kurs, die sich um Ethik eigentlich nicht scheren. Ihr Motiv: So soll der Aktienkurs steigen. Die schlechte: Um dieses Ziel zu erreichen, ist manchem jedes Mittel recht.

Wenn Forscher, die für börsennotierte Unternehmen arbeiten, plötzlich „ethisch einwandfreie“ Erfolge vermelden, mahnt nicht bloß die Sprichwort gewordene „Mutter der Porzellankiste“ zur Vorsicht. Und weil dieser Typ Forscher mindestens so sehr Kaufmann wie Wissenschaftler ist, lassen sich solche Meldungen gar nicht vorsichtig genug zur Kenntnis nehmen. Bei der US-amerikanischen Biotech-Firma ACT ist eine solche Vorsicht sogar ganz besonders angebracht.

„Sehr geschickt verpackte heiße Luft“

Bereits im Sommer des vergangenen Jahres hatte ACT-Chef Robert Lanza – ACT steht für Advanced Cell Technology – mit einer Publikation in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ für Aufsehen gesorgt. In der Publikation erweckten Lanza und sein Team den Eindruck, sie hätten 16 menschlichen Embryonen jeweils eine Zelle entnommen, ohne die Embryonen dabei zu zerstören. Aus den gewonnenen Blastomeren seien anschließend zwei Stammzelllinien etabliert worden. Später musste „Nature“ widerrufen und einräumen, dass die Embryonen doch zerstört worden seien. Lanzas deutscher Kollege Hans Schöler hatte die Publikation sogar als „sehr geschickt verpackte heiße Luft“ bezeichnet und nach der Durchsicht der Arbeit behauptet: die „Embryonen seien völlig zerlegt worden“.

Nun behaupten Lanza und seine Co-Autoren in einer weiteren Arbeit, die am Donnerstag in der ebenfalls renommierten Fachzeitschrift „Stem Cell“ veröffentlicht wurde, erneut aus menschlichen Embryonen embryonale Stammzellen gewonnen, ohne dabei Embryonen getötet zu haben. Oder genauer: In rund 85 Prozent seien die Embryonen mit dem Leben davongekommen. Doch auch diesmal sind Zweifel angebracht.

Denn wie die Forscher darlegen – von denen fünf zudem für ein nicht minder dubioses Unternehmen namens „StemLifeline“ arbeiten – seien die Zellen, aus denen die Forscher anschließend die Stammzellen gewonnen haben, den Embryonen im Acht- beziehungsweise Zehn-Zellstadium entnommen worden. Nach herrschender Lehrmeinung ist jedoch jede Zelle eines Embryos mindestens bis zum Ende des Acht-Zell-Stadiums totipotent. Das heißt: Jede dieser Zellen kann sich theoretisch zu einem vollständigen Embryo entwickeln. Wie lange die einzelnen Zellen eines Embryos Totipotenz besitzen, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Einzelne Forscher nehmen an, dass auch noch 16-zellige Embryonen totipotent seien. Weil aus totipotenten Zellen theoretisch – und bei der eineiigen Zwillingsbildung auch tatsächlich – ein eigenständiger Mensch entstehen kann beziehungsweise entsteht, stellt das deutsche Embryonenschutzgesetz jede totipotente Zelle dem Embryo gleich und schützt sie vor Missbrauch genauso wie den Embryo, dem sie entnommen wurde.

Und weil Lanza und sein Team die den menschlichen Embryonen entnommenen Zellen anschließend im Labor mit Hilfe eines Proteins zu Blastozysten weiterentwickelten, bevor sie ihnen die embryonalen Stammzellen entnahmen, spricht sehr viel dafür, dass alle diese Zellen noch Totipotenz besessen haben. Mit anderen Worten: In diesem Fall hätten die Forscher einen Zwilling des angeblich überlebenden Embryos gezüchtet und diesen dann bei der Entnahme der Stammzellen getötet. Das wäre ganz schön clever, aber eben ziemlich skandalös.

Vorsicht ist jedoch auch bei der Behauptung geboten, 85 Prozent der Embryonen, die von den Forschern um jeweils eine Zelle erleichtert wurden, hätten die Prozedur unbeschadet überstanden. Dieser Nachweis ist in Wahrheit überhaupt nicht erbracht worden. Denn nach Durchführung der Biopsie haben die Forscher die Embryonen kurzerhand eingefroren.

Um wirklich nachweisen zu können, dass diejenigen Embryonen, die noch eingefroren werden konnten, die Biopsie auch tatsächlich unbeschadet überstanden haben, wäre es erforderlich, diese einer Frau in die Gebärmutter einzupflanzen und abzuwarten, ob sich der Embryo normal entwickelt. Das ist jedoch von den Forschern weder gewollt noch in irgendeiner Weise realistisch.

Welche Frau, die sich gegen viel Geld künstlich befruchten lässt und die Strapazen einer Hormontherapie mit nachfolgender Eizellspende auf sich nimmt, sollte bereit sein, sich anschließend einen Embryo einsetzen zu lassen, der das Risiko birgt, bei einer Biopsie nachhaltig beschädigt worden zu sein? Allenfalls diejenigen, die auch zu einer in Deutschland ebenfalls verbotenen Präimplantationsdiagnostik (PID) bereit wären. Bei der PID geschieht nämlich genau das: Es werden menschlichen Embryonen totipotente Zellen entnommen und einem Gen-Check unterzogen.

Der Embryonenverbrauch wäre enorm

Doch selbst wenn sich alle hier vorgebrachten Einwände am Ende in Luft auflösen ließen, wäre der Embryonenverbrauch dennoch enorm. Da nämlich für die Etablierung einer einzigen Stammzelllinie heute zehn bis zwölf Embryonen verbraucht werden, würden bei einer Fehlerquote von 15 Prozent auch dann massenhaft Embryonen sterben müssen, wenn die entnommenen Zellen nicht totipotent wären, und 85 Prozent der Embryonen die Biopsie tatsächlich unbeschadet überstehen würden. Daher ist auch die neueste „Erfolgsmeldung“ von Lanza eine einzige Mogelpackung. Nur ihr genaues Ausmaß lässt sich derzeit nicht beziffern. Dem Aktienkurs von ACT hat die neue Finte von Robert Lanza allerdings nur wenig genützt. Er stieg nach monatelangem Abwärtstrend gestern von 0,15 US-Dollar lediglich auf 0,19 US-Dollar.