Christus erschien ihm im Traum

Andreas Drouve über den heiligen Martin von Tours. Von Thomas Steimer

Der heilige Martin von Tours, spätmittelalterliche Darstellung, Italien. Foto: IN
Der heilige Martin von Tours, spätmittelalterliche Darstellung, Italien. Foto: IN

Dank der Laternenumzüge am 11. November bleibt der heilige Martin von Tours bis in unsere, die Heiligenverehrung nicht eben begünstigende Zeit bekannt und geschätzt. Wer kennt nicht die berühmte Episode der Mantelteilung: Martin, so berichtet die Legende, sah einen frierenden Bettler und teilte spontan seinen Mantel mit ihm. In der folgenden Nacht erschien ihm Christus im Traum, bekleidet mit diesem Mantelteil, ein sprechendes Bild für das Wort Christi aus dem Matthäusevangelium (25,40): „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Das Leben und Wirken des heiligen Martin hat aber noch mehr zu bieten. Vieles davon hat der Schriftsteller und Journalist Andreas Drouve in einem kleinen Buch der Verlagsgemeinschaft topos plus – „Der heilige Martin. Patron der Armen – Vorbild der Nächstenliebe“ zusammengefasst.

Grundlage für die biografischen Angaben in Drouves Werk ist die „Vita Sancti Martini“, die Lebensbeschreibung des heiligen Martin aus der Feder seines Zeitgenossen Sulpicius Severus. Auch wenn Drouve betont, dass sie sich nicht mit heutiger Geschichtsschreibung vergleichen lässt, nimmt er diese Vita doch ernst. Dies wird auch dadurch deutlich, dass der Autor dem „Leben und Wirken des heiligen Martin“ und „Martinslegenden“ je ein eigenes Kapitel widmet. Nach verschiedenen Lebensbeschreibungen wurde Martinus im Jahr 316 (nach anderen Angaben 336) im heutigen Ungarn als Sohn einer nichtchristlichen Familie geboren. Sein Vater, der ihn nach dem Kriegsgott Mars benannt hatte, sah für ihn die Soldatenlaufbahn vor. Martin interessierte sich schon früh für den christlichen Glauben. Er war noch nicht Christ, aber bereits Taufbewerber, als es bei Amiens zu dem berühmtesten Ereignis seines Lebens – der Mantelteilung – kam. Nach seiner Taufe und der Entlassung aus dem Kriegsdienst im Jahr 356 wurde er Schüler des Bischofs Hilarius von Poitiers. Er kehrte als Glaubensbote in seine Heimat zurück, bekehrte seine Mutter und wurde von Anhängern des Arianismus vertrieben. Nach wenigen Jahren als Einsiedler in Norditalien kehrte Martin zu Hilarius zurück und empfing von ihm im Jahr 361 die Priesterweihe. Zehn Jahre später wurde er unter dem Drängen des Volkes zum Bischof von Tours gewählt. Doch auch als Bischof liebte er das zurückgezogene Leben, er gründete das Kloster Marmoutier außerhalb von Tours, wohin er sich immer wieder zurückzog. Er verband für sich persönlich Kontemplation mit Aktion und war sowohl vorbildlicher Leiter seines Bistums als auch ein großer Beter. Vor allem förderte er auch die Mission, was sich später in mancher Erzählung über spektakuläre Zerstörungen heidnischer Tempel niederschlug. Am 8. November 397 starb Martin, schon zu Lebzeiten im Ruf der Heiligkeit. Am 11. November wurde er in seiner Bischofsstadt beigesetzt.

Für die damalige Zeit, in der die Christenverfolgungen noch nicht allzu weit zurücklagen und die als Heilige fast nur Märtyrer kannte, wurde Martin zum „Märtyrer ohne Blutzeugnis“. Tours entwickelte sich dank des Martinsgrabs zu einem bedeutenden Pilgerziel. Etwa 4 000 Kirchen in Frankreich und mehr als 2 500 im übrigen Europa haben oder hatten den heiligen Martin als Patron.

In jüngster Zeit wird der heilige Martin vor allem als Vorbild für soziales Engagement dargestellt. In Schulen finden ergänzend zu den Umzügen auch caritative Aktionen statt. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart, die ebenfalls den Heiligen aus Tours als Patron hat, startete vor einigen Jahren die „Aktion Martinusmantel“, mit der Projekte zur Beschäftigung und Qualifizierung Arbeitsloser gefördert werden.

„Auf den Spuren des Heiligen in Tours“ führt uns der Autor außerdem in die alte Bischofsstadt, wo der heilige Martin zwar keine allzu große Rolle mehr spielt, aber immerhin mit einem kleinen Museum gewürdigt wird. Aus einem neu erwachten Bewusstsein für das gemeinsame europäische Kulturerbe und der ebenfalls wiederbelebten Freude am Pilgern sind in den letzten Jahren außerdem einige „Martinswege“ zwischen Ungarn und Frankreich entstanden, über die das Buch ebenfalls informiert.

Drouve beschäftigt sich auch mit dem heiligen Martin im Volksbrauch. Dieses Kapitel fällt leider etwas schwach aus. So gibt es zwischen den Laternenumzügen am Martinstag und der vom Autor zitierten Bibelstelle Matthäus 5,15 – „Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus“ – nicht nur „Verbindungslinien“, wie Drouve meint. Die Parallelstelle Lukas 11,33 wurde vielmehr nach der bis 1970 geltenden jahrhundertealten Leseordnung Jahr für Jahr am Martinstag vorgetragen.

Nach einer alten Ordnung begann am 12. November die Weihnachtsfastenzeit, sodass am Tag zuvor noch einmal kräftig gefeiert wurde – analog zu den Fastnachtsfeiern vor dem Aschermittwoch. Dies hat an und für sich nichts mit dem heiligen Martin zu tun, erklärt aber, weshalb an seinem Gedenktag Gänse geschlachtet und üppig gefeiert wurde. Offensichtlich scheinen dem Autor die diesbezüglichen Forschungen des Volkskundlers und Literaturwissenschaftlers Dietz-Rüdiger Moser nicht bekannt zu sein. Die Einbeziehung dieser Forschungen hätte dem Kapitel über die Martinsbräuche einige Ungenauigkeiten erspart. Dies schmälert aber den Gesamtwert des vorliegenden Bändchens nicht. Andreas Drouve hat mit „Der heilige Martin“ ein insgesamt sehr gutes populärwissenschaftliches Werk vorgelegt, das auf knappem Raum und in verständlicher Sprache das Wichtigste zu diesem großen Heiligen Europas darlegt. Wer mehr erfahren will, findet ein gut sortiertes Literaturverzeichnis vor.

Ergänzt um Martinslieder, -betrachtungen und -gebete lädt das Büchlein Drouves außerdem ein, sich nicht nur mit dem heiligen Martin als historische Person, sondern als Bruder im Glauben, Fürsprecher vor Gott und Vorbild eines in Wort und Tat eifrigen Verkünders des Christentums zu beschäftigen.

Andreas Drouve: Der heilige Martin: Patron der Armen – Vorbild der Nächstenliebe. topos plus Verlag, Kevelaer 2012, broschiert, 128 Seiten, ISBN-13: 978-383670-770-1, EUR 8,90