Christliche Caritas nur für Würdige?

Wie im Mittelalter den Armen und Kranken geholfen wurde, und wie die Reformen in der Fürsorge zum modernen Wohlfahrtsstaat führten. Von Urs Buhlmann

Als markantes Beispiel für die caritative Armenpflege im ausgehenden Mittelalter kann noch heute das Hôtel-Dieu in Beaune im Burgund besichtigt werden. Foto: IN
Als markantes Beispiel für die caritative Armenpflege im ausgehenden Mittelalter kann noch heute das Hôtel-Dieu in Beaun... Foto: IN

Caritas, so hört man aus berufenem Mund, sei eine „Lebensäußerung“ der Kirche Christi. Das ist einer dieser eher verunklarenden Theologen-Begriffe, die Verwendung finden, wenn man – so scheint es jedenfalls – nicht genau weiß, wovon man spricht. Man kann es einmal so versuchen: Wer sagt: „Ich habe Hunger“, lebt – noch jedenfalls – und äußert sich dazu – eine Lebensäußerung also. Wer dem so Klagenden dann hilft, vollzieht dadurch einen Akt christlicher Liebe, wenn er aus christlichem Antrieb handelt, und beendet die Not – jedenfalls bis auf weiteres.

Funktioniert so Caritas? Wie war das in den ersten Jahrhunderten der Kirche, was waren das für Arme, denen man helfen konnte – gab es vielleicht auch Arme, die man keinesfalls unterstützen sollte? Das sind Fragen, denen sich der Trierer Kirchenhistoriker Bernhard Schneider in einem sehr materialreichen Band zur christlichen Armenfürsorge widmet, Frucht eines 2012 ausgelaufenen Sonderforschungsbereiches an seiner Universität zu „Fremdheit und Armut“. Dieser beschäftigte sich allerdings nur mit der Zeit von der ausgehenden Antike bis zum Ende des Mittelalters – so dass man sich zum fast fünfhundertseitigen Buch dereinst einmal einen vermutlich ähnlich dickleibigen Folgeband vorstellen muss. Bereits 1884 hatte Georg Ratzinger in der ersten umfassenden katholischen Geschichte der „kirchlichen Armenpflege“ die schwer zu widerlegende These aufgestellt: „Der Stand der Armuth, die Art und Weise der Behandlung der Armen durch die Reichen bilden den Prüfstein für die religiös-sittliche Bildung und Weltanschauung eines Zeitalters.“ Der Autor nennt Benedikt XVI., der mit „Deus Caritas est“ von 2015 die erste Caritas-Enzyklika überhaupt vorgelegt hat, zitiert Heinrich Böll, der sich pointiert zum „Vorrang einer durch liebende Zuwendung zu Armen und Bedürftigen gekennzeichneten christlichen Kultur“ geäußert habe, erwähnt aber bemerkenswerterweise nicht die leidenschaftlichen Appelle von Papst Franziskus zu diesem Thema. Fast schon selbstverständlich ist bei der biblischen Herleitung die Feststellung, dass sich ein spezifisch christliches Ethos „material-inhaltlich kaum ausweisen lasse“, mithin die „Nächstenliebe“ auch schon von den Juden geübt wurde. Das Neue Testament habe jedenfalls „keine konsistente Armutstheologie oder eine einheitlich klare Lehre der sozialen Hilfe“ vorgelegt. Doch könnte man hinzufügen, dass die erste Seligpreisung (bei Lukas wie bei Matthäus) den Armen gilt, denen das Himmelreich gehöre. Wenn auch die frühchristlichen Gemeinden eine breite Anhängerschaft in den unteren Gesellschaftsschichten fanden, möchte der Autor doch festhalten: „Eine ,Unterschichtenreligion‘ war das frühe Christentum dennoch nicht einfach. Nicht zuletzt die Apostelgeschichte vermittelt den Eindruck, das Christentum habe auch Anhänger unter den Reichen gefunden.“ Das Christentum richtete sich also an alle, musste allen eine Antwort geben – und manchen noch ein Brot und ein Bett in der Not dazu. Diese Liebe untereinander und nach außen machte so viel Eindruck, dass selbst heidnische römische Kaiser begannen, über Armenfürsorge-Modelle nachzudenken, um der neuen Religion mit ihren eigenen Mitteln das Wasser abzugraben.

Zu den interessanten Entwicklungen im frühen Mittelalter gehört die Übertragung des „Christus Medicus“-Motivs auf die Heiligen, nämlich insofern, als „der aufgrund seiner durch asketische Leistungen mit besonderer Kraft ausgestattete Gottesmann (vir Dei) oder sein weiblichen Pendant, die Dienerin Gottes (famula Dei), als Wundertäter so sehr in den Vordergrund (rückt), dass Christus als eigentlicher Heilsmittler auch bei solchen Wundern kaum in den Blick“ kam. Schon in karolingischer Zeit setzt dann im Bettlerwesen eine Differenzierung zwischen „fremden“ und „angestammten“, zwischen „arbeitswilligen“ und „betrügerischen“ Bettlern ein – ein unerschöpfliches Thema, das uns bis zum heutigen Tag beschäftigt. Es fehlte in der Theologie aber nie an Stimmen, die genau vor dieser Unterscheidung warnten und dazu aufforderten, ausnahmslos jedem zu geben. Das Hochmittelalter, das 11. und 12. Jahrhundert, sah ein bemerkenswertes Bevölkerungswachstum und eine erhöhte Mobilität, vor allem in Richtung der nun wichtiger werdenden Städte. Es verstärkte sich so die Gruppe der städtischen pauperes, aus den Unselbstständigen und schwächsten Gliedern der Stadtbevölkerung, zu denen als neues Phänomen die fahrenden Scholaren traten, die ebenfalls bedürftig waren. Zu dieser gelebten Armut trat schließlich die gelobte Armut: Unter ausdrücklicher Rückbesinnung auf die Lebensweise Jesu und seiner Jünger wird unter dem Schlagwort „vita apostolica“ von den Dienern der Kirche ein Leben in Bedürfnislosigkeit und im Dienst der Verkündigung gefordert: Die neuen Bettelorden machen ernst damit und auch die alten Orden reformieren sich intern entsprechend. Zugleich entsteht mit den Hospitalitern, den heutigen Maltesern, die sich aus einem Krankenhaus und Hospiz für Jerusalem-Pilger in der Mitte des 11. Jahrhunderts heraus entwickeln, zum ersten Mal ein neuer, spezialisierter Orden mit dem Charisma der Krankenbetreuung. Der Autor macht auch auf eine da und dort verklärte – doch theologisch unterfütterte – Sicht auf Krankheit und Not aufmerksam, die einen näher und besser zu Jesus führen könnten. Eine zweischneidige, jedenfalls nicht unproblematische Haltung, weil sie dazu verleiten kann, die Ursachen der Not nicht mehr in geeigneter Weise anzugehen.

So wie nun einerseits eine Art Professionalisierung, eine bessere Organisation und in der Krankenfürsorge auch vermehrt neue Heilungsmöglichkeiten Einzug hielten, differenzierten sich ebenso auch die Bedürftigen in verschiedene Gruppen. Neben den Ärmsten der Armen, die allein durch die Hilfe anderer existieren konnten, gab es auch den Trend der „Verpfündnerung“ bei denjenigen, die wenigstens ein kleines Vermögen hatten. Das überantworteten sie einer meist kirchlichen, später auch städtischen Institution, einem Stiftungs-Hospital etwa, um dort Aufnahme und Versorgung im Alter zu finden. Wer sich heutzutage in ein Wohnstift einkauft, tut letztlich nichts anderes.

Das späte Mittelalter ist gekennzeichnet durch eine Reihe von Krisen: Eine in Schüben verlaufende Klimaverschlechterung mit häufigen Missernten, dramatische Seuchen wie die seit 1348 immer wieder auftretenden Pestzüge in ganz Europa, die schwierige politische Lage mit dem Großen Abendländischen Schisma und dem Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England – all das sorgte dafür, dass kirchlichen und staatlichen Helfern die Arbeit nicht ausging. Vermehrt wurde aber darüber nachgedacht, wem zu helfen war und warum. Der Autor weiß auch von der Tendenz zu berichten, „Armut und Bettel zunehmend als problematisch darzustellen“. Das 15. Jahrhundert kannte den Begriff des „starken Bettlers“, der eigentlich arbeiten könnte, es aber nicht tat. Man erfand moralisch-theologische Kategorien, die diese Kategorie von Hilfesuchenden von der Mildtätigkeit ausschließen sollten, während die „guten Hausarmen“ dagegen profitieren durften. Sie kannte man als arbeitssame Mitbürger, die wegen Alter oder Krankheit nun bedürftig geworden waren. Erstmals werden in der zeitgenössischen Literatur, auch in Bereichen der Theologie, die Bettelorden als Institution kritisiert.

Die Argumente dafür klingen schon wie in der ordensfeindlichen Zeit der Aufklärung: Die Klöster seien eine Last für die Städte, ihre Insassen könnten genauso von ihrer Hände Arbeit leben wie andere auch. Doch war das Mittelalter insgesamt immer noch eine fromme Zeit: „Das Gericht Gottes, in dem Arme als Ankläger wie als Fürsprecher auftraten“, war dank der Predigten noch in den Ohren und stand wegen der ja zumeist von der Kirche in Auftrag gegebenen Kunst jedermann vor Augen. Zu Recht hebt der Autor am Ende seiner detaillierten und reichhaltig belegten Untersuchung hervor, dass der ständige Ruf nach Reformen, nach Verbesserung des Systems der Armen und Krankenfürsorge, der sich in diesen Jahrhunderten vor der Neuzeit überall nachweisen lässt, am Ende dem modernen Wohlfahrtsstaat den Weg gebahnt hat.

Bernhard Schneider: Christliche Armenfürsorge – Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Verlag Herder, Freiburg/Brsg., 2017, 480 Seiten, ISBN 978-3-451-30518-4, EUR 29,99