Christen in die Politik

Um politisch erfolgreich zu sein, bedarf es Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Machtwillen und bisweilen Skrupellosigkeit. Viele Christen schrecken deshalb vor politischem Engagement zurück. Sie konzentrieren sich auf das Evangelium und halten sich von der Welt und ihren Problemen fern. Das könnte ein Fehler sein. Von Klaus Kelle

Sie sind hier noch nicht vertreten? Im Bundestag sind noch Plätze frei, damit sich Christen stärker engagieren können. Foto: dpa
Sie sind hier noch nicht vertreten? Im Bundestag sind noch Plätze frei, damit sich Christen stärker engagieren können. Foto: dpa

In Stuttgart finden derzeit regelmäßig sogenannte „Demonstrationen für alle“ statt. Sie bündeln den Unmut vieler Eltern in Baden-Württemberg über den „Bildungsplan“ der rot-grünen Landesregierung, mit dem eine massive Frühsexualisierung von Schulkindern und eine Umgestaltung des gesamten öffentlichen Lebens im Sinne einer Pseudowissenschaft namens Gender-Mainstreaming vorangetrieben werden sollen. Unter den zuletzt 2 400 Demonstranten finden sich sichtbar sowohl katholische Christen als auch Freikirchler. Doch bei den Evangelikalen im Südwesten gibt es auch unüberhörbar Stimmen, die empfehlen, man sollte sich aus dem politischen Alltagsgeschäft heraushalten, frei nach dem Motto „Dieser Staat geht eh den Bach hinunter…“. Ein stärkeres Engagement von Christen aus dem pietistisch geprägten Württemberg könnte der Bewegung gegen den „Bildungsplan“ im Ländle allerdings allein zahlenmäßig den entscheidenden Schwung bringen. Das Ergebnis der Diskussion ist noch offen.

Ebenfalls aus dem evangelikalen Lager speisen sich die beiden christlichen Kleinparteien PBC (Partei bibeltreuer Christen) und AUF (Partei für Arbeit, Umwelt und Familie), die sich erst kürzlich zum „Bündnis C“ zusammengeschlossen haben. Dass dies den entscheidenden Durchbruch beim Wähler bringen könnte, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden, war doch die AUF-Gründung 2008 durch unzufriedene Ex-PBCler organisiert worden. Hintergrund war seinerzeit der gescheiterte Versuch, gemeinsam mit den Resten der kleinen, katholischen „Deutschen Zentrumspartei“ eine gemeinsame christliche Kraft für Deutschland zu formieren. Doch es zeigte sich, dass auch in Kreisen politisch engagierter Christen Egoismen spürbar sind, die eine Spaltung des christlichen Lagers wohl auf Dauer zementieren. Eine Spaltung in Erfolglosigkeit, wenn man von einer Handvoll kommunaler Mandate absieht.

Dabei stützt sich insbesondere das „Zentrum“ auf eine große Tradition. Der politische Katholizismus in Deutschland fand seinen parlamentarischen Ursprung 1848 in der Deutschen Nationalversammlung, die sich in der Frankfurter Paulskirche versammelte, und in der sich ein sogenannter „Katholischer Klub“ konstituierte. Es handelte sich dabei nicht um eine Fraktion, sondern zunächst um eine lose interfraktionelle Gruppe katholischer Politiker unter Führung des preußischen Generalleutnants Joseph von Radowitz, die kirchliche Rechte gegenüber dem autoritären Staat und dem Liberalismus verteidigen wollten. Vier Jahre später bildete sich im Preußischen Landtag erstmals eine katholische Fraktion, die nur bis 1867 bestand, aber als Vorläufer des „Zentrums“ durchaus Geschichte schrieb. Die Gründung der neuen Partei erfolgte dann praktisch am 13. Dezember 1870, als sich 48 Abgeordnete unter Führung von Karl Friedrich von Savigny zu einer Fraktion im Preußischen Landtag zusammenschlossen.

Bis zum Ende der Weimarer Republik und dem Beginn der Hitler-Barbarei 1933 gehörte die Zentrumspartei zu den wichtigsten politischen Kräften in Deutschland, die herausragende politische Persönlichkeiten hervorbrachte, mehrfach Teil von Regierungen war und eine beachtliche programmatische Entwicklung leistete. Was charakterisiert eine christliche Partei – diese Frage, die auch heutzutage in Deutschland für viele Diskussionen sorgt, beschäftigte das „Zentrum“ ununterbrochen, gab es doch einen starken Flügel, der sich um die Not der Industriearbeiterschaft und eine stärkere Demokratisierung des Landes bemühte, während andere die Partei als monarchistische Kraft verstanden, die der Benachteiligung von Katholiken etwa bei der Besetzung von öffentlichen Ämtern entgegentreten sollte. Bauern, Handwerker, Kleinbürger und eben auch Arbeiter fanden in der Partei ihre Heimat.

Mit dem Ende von Nazi-Diktatur und Krieg wurde alles anders. 1945 und 1946 traten die Christlich-Demokratische Union (CDU) und in Bayern die Christlich-Soziale Union (CSU) auf den Plan und machten als überkonfessionelle Sammlungsbewegungen das „Zentrum“ überflüssig. Bis heute ist diese Union die prägende politische Kraft in der Bundesrepublik, die sich selbst nicht als „christliche Partei“, sondern als „Partei auf christlichem Wertefundament“ versteht und positioniert. Und genau das sorgt bei vielen Christen im Land für Verdruss. Müsste eine C-Partei nicht viel klarer kirchliche Positionen vertreten, so fragen sie. Müsste nicht der Lebensschutz ganz vorn anstehen, also das Verbot von Abtreibungen, PID und Sterbehilfe? Müssten diese Parteien nicht jedem Versuch entschieden entgegentreten, christliche Symbole und Feste aus dem Alltag zu verbannen? Müssten diese Parteien nicht auch argumentativen Widerstand gegen den an Relevanz in Deutschland gewinnenden Islam und seinen Moschee-Neubauten als ihrem sichtbarem Ausdruck leisten? All das passiert nicht, und wahrscheinlich kann es das auch nicht, will die Union als „Volkspartei der Mitte“ weiter breiten Rückhalt in der Gesellschaft behalten. Das Christentum ist in diesem Land auf dem Rückzug, gemessen an Mitgliedern, gemessen an Gottesdienstbesuchern und vor allem gemessen an seiner gesellschaftlichen Relevanz. Insofern wäre zu wünschen, dass mehr Christen mit ihren Grundüberzeugungen politisch wirken. Aber wie und in welcher Partei? Viele Christen haben den Glauben an eine Rückkehr der Unionsparteien zu ihren Ursprüngen verloren. Andere fordern: „Bestrafen wir die Partei, indem wir eintreten.“

Im Evangelium finden sich übrigens keine eindeutigen Hinweise darauf, dass Jesus Christus zum gesellschaftlichen Engagement in der Welt aufruft. Im Gegenteil, als man ihm die listige Frage stellt, ob Christen Steuern zahlen sollten, sagte er nach Matthäus-Evangelium: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Ist das nicht ein klarer Hinweis, dass er von seinen Anhängern die Konzentration auf den wahren Glauben erwartet, und nicht Einmischung in die Angelegenheiten des Staates? Gibt es nicht auf der anderen Seite das Gebot der Nächstenliebe? Wie kann man lieben und Gewalt verabscheuen und gleichzeitig all dem Unrecht zuschauen, das jeden Tag passiert? Will Christus wirklich, dass wir uns abwenden, wenn es um die Frage geht, was mit den Flüchtlingen passiert, die Europa auf verrosteten Schiffen erreichen? Sollen wir uns nicht den jährlich mehr als 100 000 Abtreibungen in Deutschland stellen? Und wie schützt man die Alten und die Behinderten, ihre Würde und letztlich ihr Leben? In einer modernen demokratischen Gesellschaft fallen diese Entscheidungen in der Politik. Wer etwas verändern und Fehlentwicklungen stoppen will, kommt um Engagement nicht herum, wobei das nicht nur parteipolitisches Engagement, sondern auch gesellschaftliche Aktivität mit einschließt, sei es in praktischer Hilfe für Menschen in Not, sei es in Bürgerinitiativen und sei es bei Demonstrationen wie in Stuttgart.

Die Frage, wie weit der Christ gehen darf, der politisch wirken will, hat die katholische Weltkirche besonders in den 1970er und 1980er Jahren beschäftigt, ja erschüttert. In Lateinamerika bekannten sich damals zunehmend Geistliche und hohe Würdenträger der Kirche zur sogenannten Befreiungstheologie. Ausgehend von brasilianischen Basisgemeinden und ermutigt durch das Zweite Vatikanische Konzil begehrten Vertreter der Kirche gegen die diktatorischen Regime Südamerikas auf und stritten für die Rechte von Slumbewohnern und Hilfsarbeitern auf ein menschenwürdiges Leben.

Während ein Teil der Kirche auf Seiten der zumeist antikommunistischen Machthaber stand, unterstützte ein anderer Teil aktiv die Befreiungsbewegungen auf dem Kontinent. Angetrieben von Maria Lobpreis „Er stößt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lukas, 1, 53) und theologisch zunehmend fundiert begründet, stellten sich die Befreiungstheologen radikal auf die Seite der Verfolgten. So schrieb der brasilianische Bischof Luíz Carlos Eccel: „Wer die Befreiungstheologie ablehnt, lehnt auch Jesus Christus ab, denn jede Theologie ist entweder befreiend oder sie ist keine Theologie.“ Evangelische Theologen und Gemeinden in Südamerika schlossen sich dieser Sichtweise an.

Aus dem Vatikan kam Gegenwind. Insbesondere der Chef der Glaubenskongregation und spätere Papst Benedikt XVI., Kardinal Josef Ratzinger, trat den Befreiungstheologen entgegen. Eine rein soziologische Sicht der Kirche verfehle ihr eigentliches Ziel, nämlich den Menschen die Wahrheit Jesu Christi begreiflich zu machen. Wer den oftmals gewalttätigen Widerstand gegen Regime unterstütze, mache sich zum Handlanger der Diktatoren von morgen. Papst Johannes Paul II. entzog Befreiungstheologen die Lehr- und Redeerlaubnis, was der CDU-Politiker und einstige Jesuitenschüler Heiner Geißler auf dessen Antikommunismus zurückführt. Und tatsächlich, als es in den 1980er Jahren im kommunistischen Machtbereich zu brodeln begann und als die Werftarbeiter in Danzig mit Kreuzen und Bildern „ihres Papstes“ aufbegehrten, war Johannes Paul II. bereit, sich in die aktive Politik einzumischen und seinen Landsleuten neben geistlicher Begleitung auch Geld und andere nützliche Dinge zur Verfügung zu stellen.

Eine Studie des Exzellenz-Clusters der Universität Münster kam vergangenes Jahr zu dem erstaunlichen Ergebnis, das Christen sich überdurchschnittlich stark in gesellschaftlichen Debatten engagieren und klare Standpunkte vertreten. Die beiden mit Abstand größten Bereiche politischen Engagements von Christen in Deutschland waren dabei der Lebensschutz und die Flüchtlingspolitik. Allerdings erbrachte die gleiche Studie auch ein eher niederschmetterndes Ergebnis. Zwar beteiligten sich viele aktive Kirchenmitglieder am politischen Streit, argumentierten aber nur in seltenen Fällen aus ihrem Glauben heraus. Ihre Haltung begründeten sie mit weltlichen Argumenten – so wie die Kirchenfernen auch.