China hat kolonialisiert, aber auch selbst Unrecht erlitten

Gespräch mit Drehbuchautor Fred Breinersdorfer über den Fernsehfilm „Der Chinese“. Von José García

Drehbuchautor Fred Breinersdorfer. Foto: IN
Drehbuchautor Fred Breinersdorfer. Foto: IN
Sie haben für„Sophie Scholl – Die letzten Tage“ bereits ein sehr komplexes Drehbuch geschrieben. Spürten Sie dennoch eine besondere Spannung, einen 650 Seiten starken Bestseller zu adaptieren?

Jedes Projekt ist anders, es stellt immer eine neue Herausforderung dar. Beim Lesen des Romans war es sofort ersichtlich, dass es darauf ankommt, für die differenzierte Struktur mit mehreren Zeitebenen bei einem überschaubaren Budget und dem überschaubaren Zeitrahmen von drei Stunden filmische Ausdrucksmittel zu finden.

Inwieweit gibt das Drehbuch die filmischen Ausdrucksmittel vor, etwa den Wechsel zwischen den Zeitebenen?

Das musste bereits im Drehbuch festgelegt sein. Diese Wechsel sind ja nicht willkürlich, sondern passen sich der Erzählstruktur an – und dies wurde so beim fertigen Schnitt beibehalten, obwohl beim Drehen nach einem logistischen und nicht nach einem dramaturgischen System vorgegangen wird. Ich bin mit der Inszenierung und dem Schnitt sehr, sehr zufrieden. Dabei hatten sowohl Regisseur Peter Keglevic als auch Cutterin Moune Barius selbstverständlich freie Hand.

Meinen Sie, dass der Fernsehzuschauer über den spannenden Krimi hinaus auch beiläufig angesprochene Themen wie die Korruption in China wahrnimmt?

Wir hoffen es sehr, weil diese Art von Korruption bei uns hoffentlich noch lange unbekannt ist. Aber man weiß ja nie, was kommt. Wenn in einem „Tatort“ ein paar Militärs in Zivil auftauchen, mit einer Befragung anfangen und dann verschwinden, weil sie eine SMS bekommen, das wäre unglaubwürdig. In China passieren solche Dinge. Dies ist die Realität, die Henning Mankell in seinem Roman im Auge hatte. Der Kolonialismus der Chinesen in Afrika gehört auch dazu.

Ist es aber deutlich genug?

Das war unsere Bestrebung. Im Laufe der Stoffentwicklung bat aber die damalige Degeto-Redaktion, diese Dinge herauszunehmen – was allerdings auf Mankells Widerstand stieß. So haben wir uns auf diese Lösung geeinigt. Denn Mankell haben die Mechanismen der Korruption in China und die Kolonialismusfrage sehr interessiert. Noch auf ein Drittes legte er Wert: auf die Ausbeutung der Chinesen in Amerika, was wir mit einem historischen Subplot belegt haben. So begreift man, dass die Chinesen nicht nur die korrupten Wirtschafts-Monster sind, sondern dass sie in ihrer Geschichte so viel Demütigung erlitten haben, dass das Volk die Ketten sprengen will. Das heißt nicht, es zu rechtfertigen, wohl aber, es besser zu verstehen.

Darüber hinaus finden sich drei Dialoge über weltanschauliche Fragen, etwa die Todesstrafe, das Demokratieverständnis oder die Unterscheidung von richtig und falsch, von gut und böse.

Als das Drehbuch längst fertig war, erzählte mir ein Bundespolitiker von seinem Gespräch mit einem Chinesen. Dieser meinte: „Ihr werdet die Euro-Krise nicht in den Griff bekommen! Mit Eurer Demokratie wird das nie funktionieren.“ Dies ist, was die aus einer Revolutionsfamilie stammende Qui Hong meint, als sie sagt: „Wie kommt Ihr dazu uns vorzuschreiben, wie wir unsere Straftäter behandeln sollen? Ihr mit Eurer Laxheit!“ Dass die Chinesen am Ende mit ihren brachialen Methoden mit ihrer Verbrechensstatistik nicht besser dastehen als wir, steht auf einem anderen Blatt. Wahrscheinlich weil die Abschreckung mit der Todesstrafe gar nicht nutzt. Deshalb bin ich ein engagierter Gegner der Todesstrafe. Diese Szenen sind im Original-Drehbuch länger und intensiver, wurden aber von der damaligen Degeto-Redaktion gekürzt, weil sie Angst hatte, dies würde den Zuschauer langweilen.

Wobei wir bei der Frage nach dem „Qualitätsfernsehen“ wären?

Wir sind froh darüber, dass sich dies bei der Degeto ändern soll. Filme über menschliche Konflikte jenseits einer vordergründigen Unterhaltung stoßen sehr wohl beim Zuschauer auf Interesse. Denn wir alle haben verstanden, dass eine Ellenbogengesellschaft ohne moralische Ankerpunkte zum Scheitern verurteilt ist. Warum also nicht dem Publikum – um mit Felix Huby zu sprechen – „ein Früchtchen vom Baum der Erkenntnis“ mitzuliefern, wenn man einen spannenden Film macht. Man muss die Filme nicht mit Problemen überladen, aber es sollen lebendige Figuren mit lebendigen Konflikten wieder stärker im Vordergrund stehen. Eine Zeitlang wurden der Geschmack und die Rezeptionsfähigkeit der Menschen systematisch unterfordert.