Charmanter Blick auf den Vatikan

„Buonanotte und Buonasera“ – Eindrücke eines Reporters über Rom mit zwei Päpsten. Von Ulrich Nersinger

„Wir sind Papst“, trumpfte „Bild“ auf, als Joseph Kardinal Ratzinger am 20. April 2005 zum Nachfolger des heiligen Petrus gewählt worden war. Mit dieser Schlagzeile war dem deutschen Boulevardblatt ein journalistischer Coup gelungen. „Wir sind Papst“ wurde zum geflügelten Wort, dem es 2005 gelang, auf den zweiten Platz unter den zehn Wörtern des Jahres zu kommen. Als Benedikt XVI. 2011 Deutschland besuchte, empfing ihn in Berlin die Bild-Titelseite vom 20. April 2005 als fast 3 000 Quadratmeter großes Poster an der Fassade des Axel-Springer-Hochhauses. Sogar in akademischen Kreisen wurde die Schlagzeile zum Thema; der Religionswissenschaftler Holger Fröhlich veröffentlichte die Abhandlung „,Wir sind Papst‘. Die Auctoritas des Papstes in der Bildzeitung“.

Von Beginn seines Pontifikates an begleitete „Bild“ den Papst aus Bayern – und führte diesen „Escort-Service“ auch unter dem jetzigen Pontifex fort. Albert Link, Jahrgang 1971, Katholik und Bayer, war von 2010 bis 2014 der Vatikan- und Italienkorrespondent des Blattes. In dieser Zeit sah man den Journalisten unter den Reportern, die mit Papst Benedikt XVI. zu dessen Pastoralreisen ins Ausland reisten; Link erlebte die Skandale um Vatileaks und das päpstliche Bankinstitut IOR mit und wurde hautnah Zeuge eines dramatischen Pontifikatswechsels. Seine Erinnerungen an diese bewegten Tage hat er nun in einem Buch dargelegt, das er als eine Reportage verstanden wissen will: „Buonanotte und Buonasera. Zwei Päpste im Vatikan“.

Publikationen über Benedikt XVI. und Papst Franziskus gibt es zu Genüge. Und jetzt noch die eines Boulevardjournalisten. Soll man für ein solches Buch den Geldbeutel zücken? Man muss! Eine ganze Reihe von Gründen spricht für einen Kauf. „Buonanotte“ war das Wort, mit dem sich Benedikt XVI. nach seinem Rücktritt in Castel Gandolfo verabschiedete und Franziskus zeigte sich nach seiner Wahl mit einem „Buonasera“ auf der Loggia von Sankt Peter. „Man kann den einen Papst nicht ohne den anderen verstehen und ich möchte mit dem Buch auf all diejenigen antworten, die nur die Gegensätze zwischen beiden betonen“, äußerte sich der Autor in einem Interview, das er dem Internetportal „katholisch.de“ gab. Mit seiner Darstellung der beiden Päpste unterscheidet sich Albert Link wohltuend von jenen, die je nach ideologischer Disposition den einen Pontifex in himmlische Sphären erheben und den anderen in die Tiefen der Unterwelt versetzen möchten.

Link hat Benedikt und Franziskus seiner Beobachtung unterworfen, aber er behält den Respekt bei, der jedem Menschen gebührt – auch den Oberhirten der katholischen Kirche. Man muss nicht all seinen Rückschlüssen folgen, doch man spürt, dass der Autor um Objektivität bemüht ist und auch bei Reizthemen gängigen Vorurteilen nicht schmeicheln möchte. Zu einem Besuch Benedikts XVI. in einer Grundschule in Nicosia, bei dem der Papst hervorhob, dass Kinder das wertvollste Geschenk Gottes seien, kommentiert Albert Link: „So schlicht, so wahr und eigentlich selbstverständlich. Was sagt es über unsere Gesellschaft, wenn man für die Kinderliebe des Papstes nach dem Missbrauchskandal das Wort ,eigentlich‘ benötigt?“

In seinem Buch nimmt der „Bild“-Journalist seine Leser mit hinter die Mauern der sonst so gut bewachten Palazzi des Vatikans. Leicht verständlich geschrieben, aber stets fundiert, erfährt man Interessantes aus der immer noch als geheimnisvoll erachteten Welt des Kirchenstaates. Augenzwinkernd, mit einer gut dosierten Prise von Humor, berichtet er aus seinen, wie er selbst sagt, „atemlosesten“ Berufsjahren, die sich für den Vatikan und Italien als Schicksalsjahre erweisen sollten. Seine Schilderungen heben nicht in deutungsschwere Höhen ab, sondern bleiben am Boden. Sie demonstrieren, um eine bekannte Phrase deutscher Theologen zu bemühen, ihren „Sitz im Leben“. So, wenn das Ehepaar Link im Ambiente einer Papstaudienz in der Sommerresidenz Castel Gandolfo auf abenteuerliche Weise gezwungen ist, die Windeln ihres Babys zu wechseln.

„Buonanotte und Buonasera. Zwei Päpste im Vatikan“ ist eine hervorragend gelungene Reportage über das Zentrum der katholischen Kirche in einer bewegten Zeit – und der Beweis dafür, dass Boulevardjournalismus durchaus anspruchsvoll und charmant sein kann.

Albert Link: Buonanotte und Buonasera. Zwei Päpste im Vatikan. Eine Reportage. Kösel Verlag, München 2014, zahlreiche farbige Abbildungen, 160 Seiten, EUR 17,99