Buchdeckel aus Gold und Elfenbein

„Pracht auf Pergament – Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180“ – Eine Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle. Von Katrin Krips-Schmidt

Das Goldblech auf dem Vorderdeckel des um das Jahr 1000 entstandenen Münchner Evangeliars Ottos III. ist überaus reich mit Edelsteinen, Perlen und Gemmen verziert. Die Mitte schmückt ein byzantinisches Elfenbeinrelief mit einer Marientod-Darstellung. Foto: Museum
Das Goldblech auf dem Vorderdeckel des um das Jahr 1000 entstandenen Münchner Evangeliars Ottos III. ist überaus reich m... Foto: Museum

Ein Traum ist wahr geworden. Insgesamt 75 ausgesuchte Codices aus karolingischer, ottonischer und romanischer Zeit im Ostfrankenreich zeigt die Bayerische Staatsbibliothek in ihrer Ausstellung „Pracht auf Pergament – Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180“. Sie steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Was macht die einzelnen Cimelien der Bayerischen Staatsbibliothek sowie die drei herausragenden Leihgaben der Staatsbibliothek Bamberg so sehenswert? Zunächst ist es gar nicht selbstverständlich, dass derart licht-, temperatur- und feuchtigkeitsempfindliche Exponate museal präsentiert werden – bei einem Drittel der ausgestellten Codices ist dies tatsächlich auch zum ersten Mal der Fall. Darüber hinaus haben mindestens fünf der Manuskripte einen Versicherungswert in dreistelliger Millionenhöhe, so kostbar sind diese Prachthandschriften, und gewiss werden sie nicht noch einmal zumal in dieser Zusammenstellung so bald einem öffentlichen Publikum zugänglich sein, sondern wieder hinter dicken Tresorwänden verschwinden, wo sie viele Meter unter der Erde in einem früheren Atombunker bei konstanter Luftfeuchtigkeit und Temperatur lagern.

Die Werke, die im Laufe von vier Jahrhunderten unter den großen deutschen Kaisern entstanden, werden in fünf kunsthistorisch definierten Themenkreisen präsentiert. Ausgehend von der karolingischen Epoche, in der unter Karl dem Großen eine umfassende Erneuerung auf praktisch allen Gebieten des geistigen Lebens einsetzte, wird die Entfaltung der Blütezeit dokumentiert, die durch die „karolingische Renaissance“ ausgelöst wurde. Nicht nur die Schrift wurde durch die Einführung der karolingischen Minuskel vereinfacht, schnörkelloser und damit lesbarer gestaltet, auch die figürliche Darstellung des Buchschmucks kann in dieser Zeit an der „Hofschule Karls des Großen“ heranreifen.

Das Herrschaftsgebiet Karls des Großen erstreckte sich bei seinem Tod im Jahre 814 von den Pyrenäen im Westen bis nach Böhmen und Mähren im Osten. Die Nordsee bildete die nördliche, italienische Gebiete die südliche Grenze seines Einflussbereiches. In dieser Region entwickelte sich ab dem 8. Jahrhundert eine neuartige Kunst der Buchmalerei, die mit ihren Vorläufern aus der Merowingerzeit nicht mehr viel gemeinsam hatte. Karolingische Schrift und Ornamentik bedeuteten tatsächlich einen Bruch mit der Vergangenheit. Zentren der hier in München gezeigten karolingischen Buchkultur waren die Malschulen in Salzburg, Tegernsee und Freising.

In der ottonischen Buchmalerei rückte in den Prachthandschriften neben den typischen Evangelistendarstellungen das Herrscherbild in den Vordergrund. Damit wurde die herausragende Stellung der jeweiligen Auftraggeber dokumentiert. Unter Otto III. und Heinrich II. entwickelte sich das Kloster der Insel Reichenau zur kaiserlichen Werkstatt, aus der vier weltberühmte Prachtcodices stammen, die seit 2003 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehören und die die Höhepunkte der Ausstellung in der Kunsthalle bilden: das Evangeliar Ottos III., das Perikopenbuch Heinrichs II., das Evangeliar aus dem Bamberger Dom sowie die Bamberger Apokalypse. Nicht nur dem Innenleben der liturgischen Bücher wurde in den Skriptorien durch die Ausstattung reicher Goldilluminationen besondere Aufmerksamkeit geschenkt; auch die Prachteinbände sollten äußerste Repräsentativität ausstrahlen. So ist das Goldblech des Vorderdeckels des um das Jahr 1000 entstandenen Münchner Evangeliars Ottos III. überaus reich mit Edelsteinen, Perlen und Gemmen sowie goldenen Filigranpyramiden und Kegelchen aus Goldkugeln verziert. Die Mitte schmückt ein byzantinisches Elfenbeinrelief mit einer Marientod-Darstellung.

Die Epoche der Romanik bringt seit dem 12. Jahrhundert neue, plastischere Formengebungen hervor. Der flächigen Malweise früherer Jahrhunderte tritt nun eine räumliche und perspektivische Gestaltung etwa mit Faltenwurf der Gewänder gegenüber, die eine Verlebendigung von Motiven und Figuren zur Folge hat.

Unter den Exponaten finden sich 20 Evangeliare und vier Sakramentare. Daneben lassen sich zahlreiche weitere interessante literarische Objekte entdecken, die aufschlussreiche Einblicke in das kulturelle Leben des Mittelalters erlauben. So etwa die Etymologien des Isidor von Sevilla oder das Glossar Salomons, die beide Zeugnis für eine bereits vor der Neuzeit existierende Kultur einer „enzyklopädischen“ Wissensvermittlung ablegen, freilich auf dem Stand ihrer Zeit.

Die Kunsthalle hat für jedes Exponat eine einzelne, vollklimatisierte Vitrine anfertigen lassen, in der es auf einer maßgefertigten Buchwiege als Stütze ruht.

Dem Nachteil früherer Ausstellungen, dass bei Buchpräsentationen lediglich eine einzige Doppelseite einer Handschrift dargestellt werden kann – die schönste, besterhaltene und aussagekräftigste – wird hier mit der Darbietung einer innovativen Technik begegnet: Der sogenannte BSB-Explorer ist eine weltweite Neuheit, die zwischen Fraunhofer-Institut und Bayerischer Staatsbibliothek entwickelt wurde. Auf einem Bildschirm lässt sich damit gestengesteuert die digitalisierte dreidimensionale Version des Reichenauer Evangeliars durchblättern.

Der Katalog, der jede einzelne Handschrift in Bild (oft in ganz- manchmal doppelseitigen Abbildungen) und Text mit einer ausführlichen Beschreibung dokumentiert, enthält neben informativen Einführungen in die jeweiligen Themenkreise weitere Aufsätze. Bernd Schneidmüller, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg, zeichnet in seinem Beitrag „Imperium und Pergament – Wege zum Heiligen Römischen Reich“ die Verknüpfung von Herrschaft und Buchwissen in der Karolingerzeit nach und spannt von dort aus einen Bogen zur Fundamentlegung der klösterlichen Skriptorien, in denen die in der Ausstellung präsentierten Prachtbände entstanden sind. Elisabeth Klemm widmet sich der künstlerischen Gestaltung der Handschriften und Rainer Kahsnitz, Emeritus für Kunstgeschichte der Universität Augsburg, entfaltet ein prunkvolles Panorama der „Buchdeckel aus Gold, Elfenbein und Edelsteinen“.

Die Ausstellung wird noch bis zum 13. Januar 2013 in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in der Theatinerstraße 8 zu sehen sein.