Bock auf Beichte

Eine gute heidnische Beichte oder Kleines Plädoyer für das „Sakrament der Freude“. Von Jürgen Liminski

Wo Vorsätze zur „Roadmap des Lebens“ werden: Junge Frau bei der Beichte. Foto: dpa
Wo Vorsätze zur „Roadmap des Lebens“ werden: Junge Frau bei der Beichte. Foto: dpa

Der Anfang des Jahres oder ein runder Geburtstag sind generell die Zeit für gute Vorsätze, manchmal sogar eines Neuanfangs. Denn viele Vorsätze sind oft im verflossenen Jahr versandet oder glatt gescheitert. Meist waren und sind es Vorsätze des Guten. Oder des Beendens mit dem weniger Guten, ja dem Schädlichen, dem Rauchen etwa. Der Vorsatz sollte freilich ernst gemeint sein und der Gutwillige, der sich das neue Ziel setzt, sollte logischerweise erkannt haben, was gut und schlecht ist und das Schlechte in gewisser Weise bedauern. Das setzt voraus, dass er auch über das Handeln nachgedacht hat, das den Vorsatz ins Bewusstsein, ins Gewisse hat treten lassen. Man könnte diesen durchaus menschlichen Vorgang auch so beschreiben: Gewissenserforschung – Bekenntnis – Reue – Vorsatz. Das ist die Form der Beichte und zu Neujahr „beichten“ viele Bürger auf diese menschliche, aber auch heidnische Weise. Da diese Form der Beichte öffentlich ist, handelt es sich meist um kleinere Laster, um, wenn man so will, lässliche Sünden. Es gibt nun kaum jemanden, der den guten Willen dieser heidnischen Beichte infrage stellen würde. Aber wehe, man würde der Neujahrs- oder Silvestergesellschaft raten, ihre kleinen Vergehen mal in der wirklichen, der christlichen Beichte zu bekennen, um dort mehr als nur den guten Willen für den Neuanfang zu erlangen. Das Staunen, vielleicht sogar der Aufschrei je nach Ort und Gesellschaft, wäre groß. Dabei wäre es nur eine Empfehlung für mehr Freude, mehr Realismus, mehr Zukunft. Denn genau das sind Wirkungen der christlichen Beichte. Das wiederum scheint vielen Zeitgenossen erklärungsbedürftig zu sein. Dabei ist es einfach zu sehen – wenn man will.

Beichte erlöst. Es gibt eine tiefe Sehnsucht im Menschen nach Vergebung, nach Heil-Sein. Aus ihr entsprangen manche Opferrituale. Zum Beispiel bei den Israeliten. Sie losten periodisch unter vielen Böcken einen aus, beluden ihn mit der Sündenlast des Volkes und stürzten dann den Sündenbock von einem hohen Felsen. Wie einfach nimmt sich dagegen der Vorgang der Beichte aus! Man geht zum Priester, kniet im Beichtstuhl oder sitzt ihm im Beichtzimmer gegenüber, erzählt und bekennt seine Vergehen, bekommt Ratschläge und Empfehlungen, eine kleine Buße und das Ganze dauert gerade mal sieben, acht Minuten, jedenfalls selten mehr als eine halbe Stunde. Da kann man denen, die Vorsätze fassen und das Vergangene als vergangen sehen wollen, doch nur sagen: Habt Bock auf Beichte!

Beichte ist wie ein Reset-Knopf. Man beginnt von Neuem. Die gefallene Natur steht wieder. Die Gnade des Neuanfangs trägt, der „unbegreiflich vergebende Gott“ (Benedikt XVI.) hat wieder Perspektiven eröffnet. Es sind Perspektiven des Guten, und seien es nur Vorsätze. Aber sie heben das Gemüt und machen fast immun gegen die Anfechtungen des Bösen. In Goethes „Faust“ ist ein Dialog zu lesen, in dem der agnostische Dichter diese Erkenntnis mitteilt. Dr. Faustus sieht Gretchen aus der Kirche kommen, frohgemut und heiter und meint zu Mephisto: „Die will ich haben“. Worauf der Satan in Menschengestalt bedauernd sagt: „Das geht nicht. Ich habe keine Macht über sie. Sie kommt von der Beichte.“ Dass die Dinge im späteren Akt des Dramas anders liefen, liegt in der nicht immer aufrechten und Versuchungen offenen Natur des Menschen. Wegen dieser Natur hat das „Sakrament der Freude“ (hl. Josefmaria Escriva) auch nur einen begrenzten Halbzeitwert. Eine Wiederholung lohnt sich. Auch für die Gnade gibt es ein Reset. Und das Schöne an dieser Reset-Taste ist: Sie belebt die Hoffnung. Die Hoffnung, dass es wirklich besser werde mit mir und der Welt.

Beichte macht realistisch. Auch und gerade weil sie Hoffnung schenkt. Logischerweise gehören zu den Voraussetzungen einer Beichte sine que non die Tugenden der Demut und der Aufrichtigkeit. Demut ist die Tugend des Wirklichkeitssinns. Sie sieht die Welt, wie sie ist, vor allem das Verhältnis Schöpfer – Geschöpf, die Verfasstheit des Menschen als Geschöpf, was ihn vor seinem Schöpfer klein werden lässt. Die Aufrichtigkeit wiederum dient dazu, den mit Hilfe der Demut gewonnenen Erkenntnissen zum Ausdruck zu verhelfen und zwar ebenso schnörkellos und wirklichkeitsgetreu wie es dem Menschen halt möglich ist. Josef Pieper erklärt in Ausdeutung klassischer Philosophen und Kirchenlehrer, wie Demut und die scheinbare Gegentugend der Hochgemutheit – Optimismus würde man verflachend heute wohl eher sagen – zu der Hoffnung des Realisten führen. In einem Band mit dem bezeichnenden Titel „Weistum, Dichtung, Sakrament“ schreibt er: „Hoffnung ist Geschenk, in einem so absoluten Sinn, dass der Mensch das Entscheidende auf keine Weise selber tun kann – wiewohl er anzunehmen und abzulehnen vermag. Das ist nicht wenig. – Die Alten haben gesagt, vor allem zwei Dinge seien, soweit es auf den Menschen ankomme, vonnöten, damit er des Geschenks der Hoffnung teilhaft werde: Hochgemutheit und Demut, zwei einander anscheinend widerstreitende Dinge also; einerseits dass einer sich das Große zumute und sich seiner wert mache, andererseits dass er sich darin verstehe, Kreatur zu sein.“ Genau das ist christlicher Realismus. Mit ihm werden Vorsätze, wie es neudeutsch heißt, zur Roadmap des Lebens.

Dieser Realismus braucht eine Sprache der Aufrichtigkeit. Verharmlosen oder aufbauschen, umschreiben und dabei wichtige Details auslassen oder verzerren und Fassaden aufbauen – all das kann die Beichte trotz formvollendeten Ablaufs ungültig machen. Dann können auch Ratschläge und Gnade nicht greifen. Das versteht sich eigentlich von selbst. In der Regel ist der Poenitent auch um demutsvolle Erkenntnis und aufrichtiges Bekenntnis bemüht. Und das führt zu dem, was der Wiener Psychiater und Bestsellerautor Raphael M. Bonelli in seinem jüngsten Buch (Perfektionismus – Wenn das Sollen zum Müssen wird, Pattloch) die „Imperfektionstoleranz“ nennt. Sie, so schreibt Bonelli, „befreit von Ich-Sucht, Kontrollzwang, Anspruch auf Fehlerlosigkeit, Verbitterung und Fremdbeschuldigung“. Dank dieser realistischen Selbsteinschätzung „gelangt man zu einer inneren Freiheit, die das Gegenstück zum Perfektionismus ist. Innere Freiheit verleiht Unbeschwertheit und natürliche Autorität, sie macht flexibel und unabhängig.“

Zu einer realistischen Selbsteinschätzung gehört auch die Erkenntnis, dass der Mensch, also auch der Beichtende, ursprünglich gut ist. Deshalb ist es durchaus angebracht, dass er sich selbst liebt und achtet. Das ist ja auch der tiefere Grund, weshalb er sich wieder aufrichten und neu anfangen will. Der französische Dichter Georges Bernanos beschreibt das in seiner Novelle „Dialog der Karmelitinnen“. Darin richtet die alte Priorin folgende mahnende Worte an die junge Novizin Blanche de la Force: „Vor allem, verachten Sie niemals sich selbst. Es ist kaum möglich, sich selbst zu verachten, ohne Gott in uns zu beleidigen.“ Beichte macht froh. Und man kann sich sogar darauf freuen. Denn bei aller Reue und Zerknirschtheit über Fehler der Vergangenheit steht doch die Sicherheit der Vergebung bevor. Wer zur Beichte geht, weiß, dass ihn Barmherzigkeit erwartet. Papst Franziskus ist da unmissverständlich: „Gott will immer die Barmherzigkeit und nicht die Verurteilung aller. Er will die Barmherzigkeit des Herzens, weil Er barmherzig ist und unsere Not, unsere Schwierigkeiten und auch unsere Sünden gut versteht.“ Auch das Beichtgeheimnis ist eine Form der Barmherzigkeit. In seinem Schutz ist schnörkellose, nüchterne Aufrichtigkeit leicht.

Die andere Seite der Medaille ist der Schmerz, die Reue über die Verfehlung. Aber auch da weiß Rom Rat. Benedikt XVI. schrieb in anderem Zusammenhang, aber auch hier treffend: „Eine Weltanschauung, die nicht auch dem Schmerz Sinn geben und ihn kostbar machen kann, taugt nichts. Sie versagt gerade da, wo der Ernstfall der Existenz auftritt. Diejenigen, die zum Leid nichts anderes zu sagen haben, als dass man es bekämpfen müsse, betrügen uns.“ Die Kirche hat mehr zu sagen. Sie nimmt den Schmerz an und setzt ihn in geistliche Energie um. Sie bietet sogar ein Sakrament dafür auf.

Ist es nicht erstaunlich, dass dieses Sakrament der Freude in den alten christlichen Ländern Europas so in Misskredit geraten ist? Dass es weniger beliebt zu sein scheint als das Vorsätzefassen zu Beginn des Jahres? Vielleicht ist es nur eine Frage des Marketings, der richtigen Darstellung, der Vermittlung. Die Kirche ist nicht immer sehr geschickt in der Darstellung ihrer Wahrheiten und Schönheiten gewesen. Und auch heute ist ihr Verhältnis zu den Medien, die diese Schönheiten vermitteln könnten, eher von Vorurteilen belastet, übrigens von beiden Seiten. Aber das wäre doch mal einen Vorsatz wert: Das Sakrament der Freude im laufenden Jahr der Barmherzigkeit wenigstens mit den Mitteln, die man hat (Predigt, geistliche Gespräche, hier und da in einer Talkshow oder anderen TV-Formaten, in den kirchlichen Printmedien, etc.) bekannter zu machen und verstärkt dazu einzuladen, seine wohltuenden Wirkungen kennenzulernen. Mit ein wenig Hochgemutheit könnte es gelingen, oder um noch einmal den Rat des Agnostikers Goethe zu hören: „Ohne ein wenig Selbstüberschätzung würde man nichts zustande bringen in diesem Leben.“