Blitzlichter auf Ricoeur und Nietzsche

Philosophie, Glaube, Kunst: Ein neuer Verlag in Dresden eröffnet ein fruchtbares Dreier-Gespräch über Kultur Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Der Philosoph Paul Ricoeur. Foto: IN
Der Philosoph Paul Ricoeur. Foto: IN

Seit kurzer Zeit hat sich im Stadtteil Dresden-Pieschen ein bisher kleiner, aber hochfliegender Verlag etabliert, der sich dem Verhältnis von Philosophie, Glaube und Kunst widmet: der Verlag Text & Dialog unter dem Herausgeber und Motor René Kaufmann M.A. Der Philosoph gehört der Nach-Wende-Generation an, welche mit wachen Augen die europäische Geistesgeschichte, die auch – sogar vor allem – eine Geschichte des religiösen Denkens ist, wahrnimmt und mit dringlichen Fragestellungen von heute verknüpft. Dies gelingt anschaulich in zwei schmalen Bänden, die im Oktober 2013 herauskamen.

Der erste widmet sich dem französischen protestantischen Phänomenologen und Anthropologen Paul Ricoeur (1913–2005) und präsentiert auch seinen kleinen Essay über den „Ort des Kunstwerks in unserer Kultur“ erstmals in deutscher Sprache, kommentiert vom 1980 geborenen Übersetzer und Herausgeber des Sammelbandes Martin Hähnel, ebenfalls aus Dresden.

Hähnel, gerade promoviert an der KU Eichstätt, lenkt im Vorwort hin auf die „Fabel aller Fabeln“, den Menschen, als den erstrangigen Gegenstand von Ricoeurs Denken, während Kaufmann einleitend dessen vielschichtiges Werk in seinem Vernetzungen mit Phänomenologie, Existenzphilosophie, Hermeneutik und Anthropologie darstellt. Kern und Mitte dieser Vielschichtigkeit ist im umfangreichsten Kapitel des Sammelbandes der von Ricoeur geführte Diskurs zur „Gabe“, die das eigentliche Bindeglied der zwischenmenschlichen Beziehungen darstellt, weil sie im Geben, Empfangen und Zurückgeben insgesamt die „Anerkennung“ des Anderen ausdrückt. Großartig zu diesem anregenden und heute breit diskutierten Thema ist der Aufsatz des 1942 geborenen luxemburgischen Philosophen Jean Greisch aus Paris, der bis vor kurzem den Romano Guardini-Lehrstuhl an der Berliner Humboldt-Universität innehatte. Im Streit um die „reine“, also unbedankt und unverpflichtend bleibende Gabe, kann Greisch mit Ricoeur zeigen, dass das Geben den Empfänger jedenfalls immer zu einer Antwort herausfordert und dass das danklose Empfangen nirgendwo einer kulturellen Wirklichkeit entspricht. Hähnel macht in seinem eigenen Beitrag diese Anerkennung tatsächlich sogar in der bioethischen Urteilssuche ausfindig, während Daniela Falcioni (Universität Kalabrien) Grundsätzliches zur „Bindekraft der Gabe“ entfaltet.

Einen anderen Horizont eröffnete Ricoeur mit der Zweischneidigkeit des Vergessens, so in seinem großen Alterswerk „Gedächtnis, Geschichte, Vergessen“ aus dem Jahr 2000, das im Sammelband ebenfalls gewürdigt wird. Katharina Bauer, Bochum, gewann mit ihrem dazu verfassten Essay „Erzählte Spuren. Vom Vergessen und Vergessenwerden“ 2013 die wissenschaftliche Preisfrage der Katholischen Universität Eichstätt; sie betont die Wichtigkeit gerade des aktiv „auswählenden“ Vergessens. Hähnel wiederum stellt die Wichtigkeit des Erinnerns heraus: im Ortsgedächtnis und Leibgedächtnis, das über das rein rationale Erinnern weit hinausreicht. In den Zeiten der Angst vor Gedächtnisverlust meint das eine mehr als „interessante“, nämlich aufbauende Erkenntnis, die die Fähigkeiten des Menschen im Konkreten (in Ort und Leib) verankert, wenn die Kraft der Abstraktion ausfällt.

Der zweite Band stammt von dem 1980 geborenen Norweger Henrik Holm, der in Dresden über Josef Pieper („Die Unergründlichkeit der Wirklichkeit“, 2011) promovierte. Die anhaltende „Allgegenwart“ Nietzsches sowohl in der Philosophie als auch im Alltag – bis in Redewendungen hinein – wird in dem Band von einer eher ungewohnten Seite beleuchtet: ausgehend von der „Künstlerseele“ Nietzsches, die sich vor allem in den musiktheoretischen und musikschwelgerischen Schriften Ausdruck verschafft. Mit Blick auf die frühen Huldigungen an Richard Wagner und Arthur Schopenhauer zeigt Holm den tragischen Absturz Nietzsches in Einsamkeit, (Selbst-)Verwundung, Kampf gegen das Mittelmaß der zeitgenössischen protestantischen und antikisierenden Kultur; und umgekehrt erscheint in den Schriften sein „herzbrechender“ Wunsch nach Erhöhung und rauschhaftem Leben – freilich als ein nur melancholisches, meist versagtes Glück. Darin, so kann Holm zeigen, wird Nietzsche immer wieder von der – verworfenen, aber bedrängenden – Gottesfrage umgetrieben. Das Ungelöste löst sich für Nietzsche letztlich nur in der Kunst, und überragend in der Musik. „Sternenmoral“ nennt er die „Reinheit“ des Abstands einiger Kunstwerke und Philosophien vom Gemeinen, eben jenes Abstands von allem Niederen und Mittelmäßigen, wie ihn die Sterne einnehmen. Um diese Reinheit mühte sich Nietzsche, und es ist ein Gewinn, Texte so fordernder und erhellender Art (nicht nur mit Studierenden) durchzudenken, wie Holm das an der Universität Rostock tat und nun dem allgemein interessierten Leser vorlegt.

Philosophie ist keine Geheimwissenschaft, und wer die Hinführung in das weite, ergiebige Feld des Denkens sucht, das sich seit jeher mit Religion befruchtend austauscht, wird in diesen Bänden ein gute Hilfe haben. Überdies erscheint in dem jungen Verlag ein neu gegründetes „Journal für Religionsphilosophie“, das bereits zwei Ausgaben hat: Nr. 1 „Was ist Religionsphilosophie?“ und Nr. 2 „Gabe – Alterität – Anerkennung“ (je 20,– EUR). Solche von Idealismus getragenen Neugründungen im Themenfeld „Vernunft und Glaube“ sind selten. Umso mehr sind dem Verleger Mut und Gelingen zu wünschen!

– Martin Hähnel (Hg.): Memoria und Mimesis. Paul Ricoeur zum 100. Geburtstag, Verlag Text & Dialog, Dresden 2013, 118 Seiten, ISBN 978-3-943897-

03-6, EUR 14,80

– Henrik Holm: Die Künstlerseele Friedrich Nietzsches. Die Musik, das Leiden am Ganzen und die Sternenmoral. Verlag Text & Dialog, Dresden 2013, 112 Seiten, ISBN 978-3-943897-09-8,

EUR 14,90

– Informationen zum Verlag(sprogramm) im Internet unter: www.text-dialog.de/shop