Bitte mehr Zusammenhalt!

Der „Umweltsau“-Skandal weitet sich aus. Unter den Älteren gibt es Zeichen der Unruhe
Von Franz Salzmacher

Respekt vor den Großeltern ist nicht rechts, sondern eine wichtige "zivilisatorische Errungenschaft"
Respekt vor den Großeltern ist nicht rechts, sondern eine wichtige „zivilisatorische Errungenschaft“, so Armin Laschet. Foto: Adobe Stock

Alt ist nicht gleich verkalkt. Auch ältere Menschen haben Ideen und können sich wehren. Die „Umweltsau“-Affäre des WDR hat in diesem Sinn durchaus Nachwirkungen. Der Landtag in Düsseldorf debattierte ausgiebig über die Affäre. Aber während die meisten Medien aus dem Angriff auf die ältere Generation einen Streit zwischen links und rechts, also gegen rechts, oder auch zwischen dem Intendanten und der Redaktion, also um die innere Meinungsfreiheit der (linken) Redakteure, konstruieren, sind viele ältere Konsumenten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur Tat übergegangen. Sie demonstrieren vor der WDR-Zentrale und zahlen nur noch Teile der Rundfunkbeiträge oder schicken Geld in bar an die Gebühren-Einzugszentrale (GEZ). Diese verkündete auf ihrer offiziellen Homepage, dass sie völlig überlastet sei. Zahllose Briefe mit Münzen und Bargeld bringen die GEZ-Verwaltung an den Rand des Zusammenbruchs. Denn das muss manuell verwaltet werden. Gleichzeitig gehen viele Formulare von Gebührenverweigerern ein, die beantwortet werden müssen.

Die Konsumenten folgen offenbar einem Boykott-Aufruf einer neuen Bürgerbewegung „Hallo Meinung“, die auf einer eigens eingerichteten Homepage www.hallo-meinung.dekonkrete Hinweise für den Boykott ausgegeben hat, und zwar Hinweise, die nicht justiziabel sind. Anfangen sollen die Verweigerer mit dem Widerruf des Lastschrifteinzugs, Ziel ist der Kollaps der Verwaltung. Die Aktionsmethode ist bekannt, neu ist die Beteiligung der älteren Generation. Sie galt bisher als Säule des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Beschimpfung durch „ihren“ Sender hat sie mobilisiert. Auf der offiziellen Seite der GEZ wird um Verständnis geworben: „Beim Beitragsservice kommt es derzeit zu einem erhöhten Aufkommen von Anrufen und schriftlichen Anträgen, insbesondere zur Befreiung von der Rundfunkbeitragspflicht für Nebenwohnungen. Eine kurzfristige Antwort kann nicht immer garantiert werden. Für eine unter Umständen entstehende Verzögerung möchten wir uns entschuldigen und bitten um Ihr Verständnis.. Das ist eine verklausulierte Teilkapitulation und die Bitte um einen Waffenstillstand.

Ist der Generationenvertrag noch zuverlässig?

Offensichtlich kommt in dieser Aktion nicht nur der Ärger der älteren Generation, sondern auch die Sorge noch nicht in Rente lebender Generationen zum Ausdruck, dass die jüngere Generation sich nicht an den Generationenvertrag halten werde. Diese Sorge spiegelt sich in den jüngsten Zahlen des Instituts für Altersvorsorge wider, wonach das Vertrauen der Deutschen in die Sicherheit der Rente abnimmt. Es ist die Angst vor Altersarmut. Die Hartnäckigkeit, mit der die Mehrzahl der Redakteure des WDR auf der Richtigkeit des „satirisch“ gemeinten Liedes bestehen, verstärkt solche Befürchtungen. Denn die staatlichen Renten sind ja keine Ersparnisse der Alten, sondern werden von der Erwerbsbevölkerung erwirtschaftet und sofort über die Rentenkasse an die Alten ausgezahlt. Die monatelange Diskussion über die Grundrente hat zu einer Verunsicherung beigetragen und die erneute Diskussion über die Beitragsbemessungsgrenze, die von der neuen SPD-Spitze ausging, verstärkt diesen Effekt. Man sagt sich: Die Rente ist nicht sicher. Wenn da eine bekannte, eigentlich sympathische Melodie zu einem beleidigenden Pamphlet umgedichtet wird, entfaltet das in diesem eh schon unruhigen Diskussionsumfeld einen psychologischen Effekt von erheblichem Ausmaß. Man sollte auch nicht vergessen, dass manche Rentner schon heute jeden Euro umdrehen und 18 Euro pro Monat für sie schon Geld ist.

Zusammenhalt braucht eine faire Debattenkultur

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet hat diese psychologischen Folgen und Gefahren eines künstlich erzeugten Generationenkonflikts schon länger auf dem Schirm. Jetzt plädierte er sowohl in seiner Neujahrsansprache als auch in einem Beitrag für die ZEIT und ganz aktuell in einem Interview mit dem Spiegel für mehr Fairness und Verständnis für die ältere Generation. In der ZEIT warnte er, wenn aus Debatten Tribunale würden, zerbreche die Gesellschaft, und im „Spiegel“ forderte er mehr Binnenpluralität in den öffentlich-rechtlichen Redaktionen, ein Novum für führende Politiker, die sich ungern mit „ihren“ Sendern anlegen. Gegenwind aus dem WDR und gewiss auch vom NDR, SWR und dem ZDF dürfte ihm sicher sein.

Sein Argument aber ist schwer zu widerlegen: „Es würde die Akzeptanz erhöhen, wenn jeder, der öffentlich-rechtliche Medien nutzt, wahrnimmt: Es wird professionell, kompetent und objektiv berichtet, und es werden unterschiedliche Meinungen binnenplural erkennbar, die die gesellschaftliche Debatte widerspiegeln.“ Das ist derzeit nicht der Fall. Laschets Sorge aber gilt vor allem dem Zusammenhalt der Gesellschaft. Dazu bedürfe es einer neuen Fairness: „Wer eine andere Auffassung vertritt, ist keine Sau und auch kein Schwein. Und erst recht sollten Kinder Respekt vor Großeltern lernen. Das ist nicht rechts. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft in allen Kulturen. Wir brauchen eine faire Debattenkultur mehr denn je.“ Das ist in der Tat die Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt über die Generationen hinweg.