„Bitte bete viel für meine Seelenruhe“

„Töten aus Überzeugung“: Ausstellung einer Katholischen Hochschule in Berlin über Krankentötung im NS-Staat. Von Rocco Thiede

Wie vor dem Abtransport: Fotos getöteter Kinder in der Berliner Ausstellung. Foto: KHSB
Wie vor dem Abtransport: Fotos getöteter Kinder in der Berliner Ausstellung. Foto: KHSB

„Vater, guter Vater, ich möchte nicht von Dir scheiden, ohne Dich und alle meine lieben Geschwister nochmals um Verzeihung zu bitten für das, was ich mein ganzes Leben an Euch gefehlt habe. Möge der liebe Gott meine Krankheit und dieses Opfer als Sühne dafür annehmen. Bester Vater, bitte trage Deinem Kind welches Dich so innig geliebt hat nichts nach und denke es geht in den Himmel, wo wir uns alle wiederfinden. Dieses Bildchen gebe ich Dir als Andenken – so geht Dein Kind dem Heiland entgegen. Es umarmt Dich in treuer Liebe Dein Kind Helene. Bitte bete viel für meine Seelenruhe. Aufwiedersehen guter Vater im Himmel.“

Dieser Auszug aus einem Abschiedsbrief eines Kindes stammt aus dem Archiv der Anstalt Liebenau. Das Kind Helene war krank und wurde deshalb getötet. Das erschütternde Dokument ist derzeit in einem Schaukasten in der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ in der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) über Euthanasie und Krankentötung im NS-Staat ausgestellt.

„Kein Lehrer hat während meiner Ausbildung das Thema Euthanasie angesprochen“, betonte KHSB-Präsident Professor Zimmermann bei der Ausstellungseröffnung in der vergangenen Woche in Berlin-Karlshorst. „Es hat fast ein halbes Jahrhundert gedauert, bis es in Deutschland eine Auseinandersetzung mit der systematischen Tötung geistig Behinderter gab“, so Professor Bruno Zimmermann, der selbst Arzt für Psychiatrie ist. Erst in den letzten 25 Jahren begann die intensive Beschäftigung mit dem Thema an deutschen Hochschulen. Für die Ausstellungseröffnung wurde bewusst der 8. Mai gewählt. „Wir feiern an diesem Tag die Befreiung von der Nazidiktatur“, betonte Zimmermann. Er sieht in dieser Ausstellung eine Verneigung vor den über 70 000 Opfern der Euthanasie, die 1941/42 zu Tode kamen. Außerdem hat die Schau das Ziel, die Verbrechen an kranken Kindern und Erwachsenen anzuprangern. Dieser finstere Teil der deutsche Psychiatriegeschichte ist auch unter dem Namen „T4 Aktion“ bekannt. Das „T“ steht für die Tiergartenstraße in Berlin und „4“ war die Hausnummer, wo die nationalsozialistischen Ärzte Eugenik, Euthanasie und den massenhaften Mord an Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen planten.

„Ich habe in der Schule die Zahlen der Opfer des Weltkrieges und des Naziregimes auswendig gelernt. Aber haben diese Zahlen mein Herz erreicht?“, fragte Andreas Geisel, Bezirksbürgermeister von Berlin-Lichtenberg. Schaukästen zu Themen wie „Überfall auf Polen“, „Erschießungen im Wald“, „Kindereuthanasie“, „Die grauen Busse“, „Jugendverwahrlager Litzmannstadt“, „Jüdische Patienten“ oder „Auschwitz“ illustrieren die Geschichte. Deshalb ist Andreas Geisel über den emotionalen Ansatz der Ausstellung, die Szenen mit grauen Kunststofffiguren, Panzern, Lagerbetten oder Flugzeugen nachbildet und durch Texttafeln sowie Fotos ergänzt, „sehr dankbar, weil so aus Zahlenkolonnen der Opfer Menschen werden. Geschichte muss auch emotional wirken – hier stehen wir in einer Verantwortung“, so der Politiker, „denn wer die monströse Tötung an behinderten Menschen vergisst, bringt sie noch einmal um.“

Seit vier Jahren beschäftigt sich der gebürtige Österreicher Robert Parzer mit der NS-Rassenideologie und ihrem Ziel einer „gesunden, ethisch reinen Volksgemeinschaft“, in der Menschen mit Behinderungen keinen Chance hatten: „Sie durften nicht die Schule besuchen, keinen Beruf erlernen und hatten keine persönlichen Freiheiten mehr.“ Seit 1939 wurden über 40 000 von ihnen zwangssterilisiert – 5 000 starben bei diesen erzwungenen Eingriffen. Der SS-Krankenmord begann unmittelbar nach Kriegsbeginn 1939 in Polen und neben Ärzten wirkten dabei auch Zahnärzte, Hebammen und Krankenschwestern mit. Umgebracht wurden die Menschen durch Verhungern, Tabletten oder später in Gaskammern.

Wenn es um die Verantwortung und Ursachenforschung geht, müssen sich neben den Angehörigen der Kranken auch ihre Betreuer in den Krankenhäusern nach ihrer Schuld befragen lassen. Zu ihnen gehörten auch viele kirchliche Einrichtungen. Der Historiker Parzer entwarf ein differenziertes Bild bei den Konfessionen. So war der „Löwe von Münster“ – Kardinal von Galen – mit seinen Predigten 1941 ein Mensch, der sich bewusst gegen das Euthanasieprogramm auflehnte und die Geheimpolizei gegen sich aufbrachte. „Die evangelische Kirche hat sich hingegen stärker an der aktiven Ausführung beteiligt“, meint Parzer und führt dies auf ihre Wurzeln als preußische Staatstreue zurück. Obwohl es auch hier immer wieder Ausnahmen gab. Einige katholische Schwestern hingegen sollen sich passiv widersetzt haben, indem sie „die Kranken nur bis zur Tür ihrer Krankenhäuser brachten und nicht weiter“ – obwohl ihnen auch klar gewesen sein müsse, welches Schicksal denen der SS ausgelieferten kranken Menschen bevorstand.

Nach dem Krieg mussten die Täter unter den Medizinern nicht unbedingt mit Strafen rechnen. Es gab Fälle, wo diese über Jahrzehnte weiter praktizieren durften, wie die Ärzte Bunke und Ulrich, die erst Ende der 80er Jahre geringe Strafen für ihre Verbrechen im 3. Reich erhielten.

Auch das Gedenken an die Opfer begann erst in dieser Zeit. So wurde unweit der Berliner Philharmonie in der Tiergartenstraße 4 (T4) erst 1987 eine Gedenkplatte eingeweiht, um an die Toten zu erinnern. Ein richtiges Denkmal – eine blaue Glaswand mit Informationen zu „T 4“ vor Ort – soll erst im Herbst 2014 eingeweiht werden.

Ausstellungsmacher Michael Gollnow weist in diesem Zusammenhang auch auf eine Grundproblematik hin, wenn er sagt: „Das Leid der Menschen lässt sich nicht abbilden – deshalb wollen wir mit unser Ausstellung die Verbrechen sichtbar machen“. Seiner Meinung nach bot diese Gewaltausübung gegenüber Schwächeren schon die Blaupause für den Holocaust der Nazis.

Auf polnischem Gebiet, wo die Euthanasie begann, fielen 20 000 Psychiatriepatienten dem systematischen Morden zum Opfer – die Hälfte von ihnen waren Kinder. Die Ausstellung wird in drei Sprachen gezeigt: neben Deutsch auch in Englisch und Polnisch. Nach Polen soll die Ausstellung auch demnächst weiterwandern. Der Ausstellungsmacher Michael Gollnow verriet schon einmal die kommenden Stationen: Posen, Danzig und Breslau.

Bis 6. Juni 2014 in der Aula der KHSB, Köpenicker Allee 39–57, in 10319 Berlin; Öffnungszeiten: Dienstag: 10 – 17 Uhr; Mittwoch: 14 – 18 Uhr; Samstag 10 – 17 Uhr; der Eintritt ist frei.