„Bis heute fordert der Zeitgeist heraus“

„Widerstand in der Zeit“ hieß das Leitwort der Bundeshauptversammlung des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen am Wochenende in Münster. Von Anja Kordik

Der Historiker Professor Karl-Joseph Hummel hielt den Festvortrag. Foto: Kordik
Der Historiker Professor Karl-Joseph Hummel hielt den Festvortrag. Foto: Kordik

„Wir sind Amboss, nicht Hammer! Bleibt stark und fest und unerschütterlich wie der Amboss bei allen Schlägen, die auf ihn niedersausen, in treuestem Dienst für Volk und Vaterland, aber auch stets bereit, in äußerstem Opfermut nach dem Wort zu handeln: ,Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!‘“ Diese Sätze rief der Bischof von Münster und spätere Kardinal Clemens August von Galen in einer seiner berühmten Predigten am 20. Juli 1941 in der Liebfrauenkirche, auch „Überwasserkirche“, den Gläubigen seiner Diözese zu. Eindringlich mahnte der Bischof: „Durch das vom Glauben geformte Gewissen spricht Gott zu jedem von uns. Gehorchet stets unweigerlich der Stimme des Gewissens!“

Der „Löwe von Münster“ ist bis heute eine herausragende Gestalt des katholischen Widerstands gegen die unmenschliche Ideologie der Nationalsozialisten – und die Stadt Münster ein Symbolort, der Ort, an dem sowohl Kardinal von Galen als auch die Philosophin und spätere Karmelitin Edith Stein während ihrer Zeit als Dozentin am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik lebten – zwei bedeutende Persönlichkeiten der katholischen Kirche, warnend und mahnend. „Widerstand in der Zeit“ lautete das Thema bei der 116. Bundeshauptversammlung des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen e.V. (VkdL) in Münster. Zum dritten Mal in seiner Geschichte lud der 1885 – als Berufsverband katholischer Pädagoginnen – gegründete Verein seine Mitglieder in die westfälische Stadt ein. Höhepunkt des dreitägigen Treffens war ein Festakt am Samstag im Liudgerhaus am Überwasserkirchplatz, in unmittelbarer Nähe also zu der Kirche, in der Bischof von Galen predigte.

Der Verein katholischer deutscher Lehrerinnen erlebte in der Zeit des Dritten Reiches selbst Verfolgung und Repressionen: Zahlreiche Mitglieder ertrugen Versetzungen, Arbeitslosigkeit und andere Sanktionen, weil sie sich gegen eine Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) entschieden. Als es 1937 zur gewaltsamen Auflösung des VkdL kam, hielt die damalige Vorsitzende Maria Schmitz die Kontakte untereinander aufrecht, bis kurz nach dem Krieg der Wiederaufbau der Verbandsstrukturen begannen. „Anpassung, Abstand oder Alternativen? Zeugen der Wahrheit im Nationalsozialismus“ – diesem Themenkomplex widmete sich der Historiker Professor Karl-Joseph Hummel in seinem Festvortrag. Seit 1993 leitet er die Forschungsstelle der Kommission für Zeitgeschichte e.V. in Bonn. Katholische Widerstand im Dritten Reich gehört zu seinen Schwerpunktthemen. „In einem totalitären Staat“, so der Historiker, „bleiben dem einzelnen Bürger grundsätzlich drei Möglichkeiten: dabei sein und mitmachen, also ,Mitläufertum‘, eine persönliche Nische suchen – was einem Rückzug aus gesellschaftlicher Verantwortung gleichkommt – und als dritte Alternative: aktiver Widerstand mit allen Konsequenzen.“

Im Hinblick auf die Rolle der katholischen Kirche im Dritten Reich mahnte Professor Hummel eine differenzierte Betrachtungsweise an. Gerade in den ersten Jahren nach der Machtergreifung habe die Kirche ihre Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie immer wieder auch öffentlich deutlich hervorgehoben. Ein Beispiel gab der Bischof von Mainz, Albert Stohr, der seit 1935 das Bistum leitete und dessen erste Amtsjahre von der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geprägt waren. Auf eine Anfrage, ob ein praktizierender Katholik Mitglied in der NSDAP sein dürfe, reagierte der Bischof mit einem klaren Nein. Die Lehre der katholischen Kirche sei mit der nationalsozialistischen Parteidoktrin grundsätzlich unvereinbar.

In einem gemeinsamen Hirtenbrief vom Juni 1933 schon warnten die deutschen Bischöfe die Gläubigen vor der Ideologie der Nationalsozialisten mit der Begründung, diese würden Rasse und Nation über die Religion stellen. Wörtlich schreiben die Bischöfe: „Freilich vergessen wir über unserer Liebe zum Volke und Vaterland die natürliche und christliche Verbundenheit mit den anderen Völkern und Völkerfamilien nicht, sondern denken an das große, weltweite Gottesreich auf Erden, das der Heiland dazu berief, alle Menschen ohne Unterschied der Sprache und der Zeit, der Nation und Rasse erlösend zu erfassen.“ Dennoch unterzeichnete der Heilige Stuhl am 20. Juli 1933 das bis heute umstrittene Konkordat mit der deutschen Reichsregierung in der Hoffnung, damit für katholische Christen in Deutschland größeren Schutz zu erwirken – diese Hoffnung wurde in der Folge bitter enttäuscht. Professor Hummel zitierte den damaligen Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII.: „Wir haben das Konkordat geschlossen in der Erwartung, dass sich die Reichsregierung daran hält, wir haben nicht damit gerechnet, dass sie es permanent brechen würde.“

Immer wieder Druck auf katholische Verbände

Eine „Hintertür“ für die Nationalsozialisten, so der Historiker, bot zum Beispiel der Artikel 31 des Konkordats, dem zufolge katholische Vereinigungen entweder nur innerhalb staatlicher Vereinigungen oder außerhalb davon nur für rein religiöse, kulturelle und karitative Aufgaben tätig werden durften. Diese Klausel bot den Nationalsozialisten die Möglichkeit, Druck auf katholische Verbände auszuüben wie auf den VkdL.

Insgesamt nahm die Verfolgung von Katholiken in Deutschland gerade ab 1937 massiv zu: Ein Grund dafür war die am Palmsonntag 1937 von allen Kanzeln in Deutschland verlesene Enzyklika „Mit brennender Sorge“. Papst Pius XI. hatte sich auf Drängen deutscher Bischöfe – allen voran des Bischofs von Münster, von Galen, und des Münchener Erzbischofs Michael von Faulhaber – zu einer öffentlichen Stellungnahme entschlossen. Den Vorentwurf lieferte Erzbischof Faulhaber, die Endfassung erarbeitete Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli auf der Grundlage eines Gutachtens des Heiligen Offizium. „Aus Sicht der Nationalsozialisten war die öffentliche Bekanntmachung der Enzyklika ein regelrechter ,Gau‘“, stellte Professor Hummel fest. „Die Tatsache, dass dieser Text an die deutsche Öffentlichkeit gelangte, ohne dass sie im Vorfeld auch nur irgendetwas davon erfuhren, empfanden sie als enorme Niederlage.“ In der Folge verschärfte sich der Druck auf die Kirche. Zwar gab es eine gewisse Scheu, Bischöfe verhaften zu lassen. Der Gauleiter von Berlin forderte zum Beispiel dringend eine Verhaftung von Galens. Martin Bormann, Stabsleiter bei Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, erwog, den Bischof von Münster hängen zu lassen. Joseph Goebbels sprach sich allerdings dafür aus, keine „katholischen Märtyrer“ während des Krieges zu schaffen und die Beseitigung von Galens auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben, da Unruhen im Münsterland zu befürchten seien.

„Die Repressionen aber gegen einzelne Katholiken, etwa die an der Vervielfältigung der Enzyklika beteiligten Druckereibesitzer, nahm extrem zu mit dem Ziel, die Kirche insgesamt unter Druck zu setzen“, so der Direktor der Bonner Forschungsstelle. Was dies für viele Katholiken, ob Kleriker oder Laien, bedeutete, davon zeugt der Brief eines Prälaten, aus dem Professor Hummel zitierte: „Treue ist die Schwester der Einsamkeit. Du wirst keine Stellung finden, dein Fortkommen gefährden, Freunde verlieren, die dir teuer sind. Die Welt wird den Kopf über dich schütteln.“

„Widerstand in der Zeit“ – auch und gerade in heutiger Zeit ist weiterhin christlicher Widerstand dringend gefordert: etwa gegen eine „Verzweckung“ des Menschen durch die neue Ideologie einer Ökonomie, die den Einzelnen nur an seiner Produktivität im Wirtschaftssystem misst. Der VkdL sprach sich bei seiner Bundesversammlung in Münster eindeutig gegen diese Instrumentalisierung des Menschen durch die Wirtschaft aus – in einer Entschließung unter dem Titel „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Ebenso fordert der katholische Verein, dass Schule und damit Bildung und Zukunftschancen von Kindern nicht zum „Spielball“ kurzsichtigen tagespolitischen Handelns werden dürften. Jede Schulreform bedürfe einer fundierten und langfristig angelegten wissenschaftlichen Begleitung „Bis heute fordert der Zeitgeist heraus!“, heißt es in einer zusammenfassenden Erklärung des VkdL in Münster. „Damals wie heute ist die Stellungnahme von Christen gefragt, wenn es um die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens in all seinen Phasen, um die Achtung des Einzelnen und seiner Freiheit geht!“