Bildung in Europa muss wieder Gesicht und Herz zurückgewinnen

Ein Sammelband orientiert sich an der der „Weltoffenheit“ des Menschen will will eine Brücke in die Zukunft schlagen. Von Stefan Hartmann

Mit der Bildung in Europa steht es nicht zum besten, dabei hängt gerade auch davon die Zukunft der Europäer ab. Foto: IN
Mit der Bildung in Europa steht es nicht zum besten, dabei hängt gerade auch davon die Zukunft der Europäer ab. Foto: IN

Europa als Raum und Gedanke ist kein abgeschlossenes Projekt, weder historisch, noch kulturell, ökonomisch oder politisch, sondern Europa bildet sich immer neu und ist auch global ein Bezugsort für sich immer neu ereignende Bildung und Begegnung.

Der inzwischen einem bildungsfeindlichen Spardiktat zum Opfer gefallene Lehrstuhl für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft am Institut für Philosophie der TU Dresden, den von 1993 bis 2011 die bekannte Guardini- und Edith-Stein-Forscherin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz innehatte, veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem Mitteleuropäischen Institut für Philosophie der Karls-Universität Prag 2010 eine internationale Zusammenkunft zum Thema „Die Bildung Europas. Eine Topographie des Möglichen im Horizont der Freiheit“.

Namhafte Referenten und junge Nachwuchswissenschaftler aus vierzehn Ländern, einschließlich der Volksrepublik China, und von achtzehn verschiedenen Universitäten widmeten sich der Bildungsfrage. Sie setzten einen Kontrapunkt gegen die an den Universitäten aktuell grassierende Verstückelung, Modularisierung und Beschränkung auf bloß utilitaristische Aus-Bildung. „Wird Bildung – wie es zumeist geschieht – mit Lebensbedürfnissen in einen Zusammenhang gebracht, ist zu fragen, ob dies nicht Voraussetzungen unterliegt, die gerade nicht dem vollen Umfang menschlicher Möglichkeiten entsprechen“ – so das Vorwort zum nun in Dresdener Universitätsverlag Thelem erschienenen Tagungsband, der die gehaltenen und überarbeiteten Referate nachlesen lässt und dokumentiert. Er behandelt Fragen der Bildung von zwei Gesichtspunkten aus: Er bindet Bildung zum einen an die Kategorie des Möglichen zurück – und zwar als den grundlegenden anthropologischen Faktor der „Weltoffenheit“ des Menschen – und verankert sie zum anderen im Kontext europäischer Lebensformen, Kulturen und Menschenbilder.

Der Band wurde von den Herausgebern in drei Abteilungen strukturiert: Eckpunkte, die einen Rahmen abstecken – Standpunkte, die einzelne europäische Bezugspersonen vorstellen – Fluchtpunkte, die Möglichkeiten für die Zukunft von Bildung aufzeigen. Jeder Aufsatz hat einleitend eine Kurzzusammenfassung und am Schluss ein Verzeichnis der verwandten Literatur.

Die Tagungsleiterin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die im Anschluss an Josef Pieper und Heinrich Rombach grundlegend über „Bildung und Muße“ sprach, und viele weitere Referenten bemühten öfter den „sächsischen Philosophen“ Friedrich Nietzsche, um zu zeigen, dass der Sinn von Bildung mehr ist als ein pragmatischer Zweck, nicht dem Machtwillen des Lebens dient. Zitiert wurde im Blick auf Euro-Krisen auch Mark Twain: „Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn der letzte Dollar verschwunden ist“. Und mit Edmund Husserl könne manchmal der Eindruck entstehen, Europa sei seiner selbst und damit auch seiner Bildung „müde“ geworden. Nur in dem Maße, wie Bildung das Leben selbst betrifft, kann sie „zweckmäßig“ sein, ohne ihrem eigenen Sinngehalt zuwiderzulaufen. Universität ist nicht nur Ort der Lehre und Forschung, sondern der Ermöglichung von Bildung im Horizont von akademischer Freiheit – so René Kaufmann (Dresden), der das Konzept der Tagung mit entwickelte und unter dem Titel „Anthropologie – Kultur – Pädagogik“ Gedanken zu einer materialen Bildungsphilosophie vorlegte.

Den ersten „Eckpunkt“ umschreibt der im Oktober 2011 verstorbene Charta 77-Unterzeichner, Weggefährte Václav Havels und spätere Botschafter Tschechiens in Bonn, Jiøí Gruša, mit dem fast literarischen Text „Die Kultur Europas in der Globalisierung, oder: Die Tücken des Neonationalismus“, der die Brückenfunktion europäischer Bildung hervorhebt, die verbindet statt individualistisch oder nationalistisch zu isolieren. Johannes Rohbeck (Dresden) betont mit Herder die Bildung der Menschheit im geistigen Medium der Sprache, der Wiener Fundamentaltheologe Kurt Appel („Die Bildung Europas und ihre religiösen Implikationen“) sieht in der Bildung das Ich des Menschen als durch die Welterfahrung reflektiert – mit der Gefahr, im nihilistischen Schrecken des Terrors zu enden. Appel deutet Hegels „Phänomenologie des Geistes“ als letzten universalen Bildungsroman, der je individuell nachzuschreiben sei. Der Mitmensch ist dabei kein angrenzender „Anderer“, sondern biblisch der frei zu lassende „Gast“, den man nicht nach Name, Herkunft oder künftigem Begehren fragen dürfe. Harald Seubert (Posen/Bamberg) wendet sich unter der Überschrift „Bildungsphilosophie?“ gegen die „fetischartige“ Verbindung von Bildung und Lebenschancen und pädagogischen Verzweckungen. Weil der Wahrheit zugeordnet, widersetze sich der Bildungsbegriff, den er mit Melanchthon auf die Imperative „sapere aude! – ad fontes“ bezog, jeglicher Psychologisierung. Deshalb empfiehlt sich gegen alles Verlernen, „die eigenen großen Bücher zu lesen“, bei denen die antike und die christliche Wurzel nicht gegeneinander auszuspielen seien: „Europa wird in der Vielheit seiner Stimmen und Traditionen einer Bildung bedürfen, die deren Einheitssinn sichtbar hält. An dieser Einheit, bei größtmöglicher Verschiedenheit, der ,exzentrischen Identität Europas' (Rémi Brague) ist gelegen, wenn denn Europa nicht nur ein machtpolitischer oder geographischer, sondern ein belastbarer bildungsphilosophischer Begriff sein soll.“

Nach der Grundlegung folgen die verschiedenen konkreten „Standpunkte“ zu einer Bildung Europas. Nicht fehlen darf ein Aufsatz über den abendländischen Kirchenvater Augustinus, dessen berühmte „Bekenntnisse“ Henrik Holm (Hamburg) als „ereignishaftes Moment der Bildung“ mit dem Heideggerschen Begriff des Ereignisses verbindet. Die Nietzsche-Expertin Edith Düsing (Köln) versucht, in dem dichten Aufsatz „Europa ohne Gott?“ eine Brücke zu schlagen von Kant zu Nietzsche, und dessen Gott-ist-tot-Nihilismus so „umzuwerten“, dass auch die „Meinungsdiktatur eines skeptischen Relativismus“ überwunden werden könnte. Sie interpretiert Nietzsches Abschied von Gott als „paradox“ und als „gut verschlüsselte Hymne auf das Betenkönnen“. Weitere Beiträge befassen sich mit den Bildungstopoi bei Antonio Rosmini, Max Scheler, Ortega y Gasset, Peter Wust, Romano Guardini und Martin Heidegger. Silvano Zucal (Trient) stellt die noch zu wenig bekannte Spanierin María Zambrano vor, die die „neue Bildung des Menschlichen“ gegen ein agonisierendes Europa setzte. Statt Rückzug hinter Masken gelte es, „Gesicht und Herz“ wiederzugewinnen. Mit der großen Husserl-Schülerin Edith Stein befassen sich Mette Lebech (Maynooth), die ihre Schilderung des individuellen und gemeinschaftliches Bildungsprozesses, sowie den Einfluss des Christentums behandelt, und René Raschke (Dresden), der die Bildungstheorie ihres phänomenologischen Frühwerks untersucht.

Der Philosoph (und Promoter der Tagung) Christoph Böhr beschreibt europäisches Denken als Einbringen des Unendlichen im Endlichen, aber auch als permanente Differenzierung, Unterscheidung und schließlich Spaltung. Dazu gehört die sokratisch-cusanische Einsicht in das menschliche Nicht-Wissen („docta ignorantia“) genauso wie die Tradition des gekreuzigten Gerechten bei Platon und in Jesus Christus. Die Schwäche des Nicht-Wissens hat ihren Anteil am Fehlurteil gegen den/die Gerechten, daher bedürfe es umso dringender des Hörens auf die Stimme des Gewissens und des Lebens in einem Glauben, der alles Wissen übersteigt.

Der neue Dresdener Sammelband „Die Bildung Europas“ ist wie seine beiden Vorgänger aus dem Dresdener Institut im besten Sinne selbst bildend und kann nicht nur Bibliotheken bereichern, sondern will auch künftige Generationen zu eigenen Bildungserkundigungen anregen.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz/René Kaufmann/Hans Rainer Sepp (Hg.): Die Bildung Europas. Eine Topographie des Möglichen im Horizont der Freiheit, Dresden (Universitätsverlag Thelem) 2012, 398 Seiten, ISBN 978-3-942411- 38-7, EUR 49,80