Besiegeltes Schicksal

In dem Roman „Das Heerlager der Heiligen“ beschreibt der französische Schriftsteller Jean Raspail seine Heimat als ein Land ohne Kraft und Ideen. Von Alexander Pschera

Kein belangloses Zeitgeist-Thema: Der französische Schriftsteller Jean Raspail sah bereits 1973 in aller provozierenden Schärfe voraus, dass die Europäer nicht in der Lage sein würden, gegenüber Migranten die Rolle von effektiven Helfern zu übernehmen. Foto: dpa
Kein belangloses Zeitgeist-Thema: Der französische Schriftsteller Jean Raspail sah bereits 1973 in aller provozierenden ... Foto: dpa

Er gehört zweifellos zu den „livres maudits“, zu den „bösen Büchern“ – der 1973 erschienene und seitdem in viele Sprachen übersetzte und mehr als eine Million Mal verkaufte Roman „Le Camp des Saints“ („Das Heerlager der Heiligen“, Neuübersetzung in der Edition Nordost) des französischen Reise- und Abenteuerschriftstellers Jean Raspail. Raspail kam am 5. Juli 1925 im Herzen Frankreichs, in dem kleinen Ort Chemillé-sur-Deme, zur Welt und wurde für sein literarisches Schaffen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Raspail, der der zutiefst französischen Gattung der écrivains voyageurs, der Reiseautoren, angehört, kann sogar den Titel eines Generalkonsuls von Patagonien vorweisen. In Frankreich ist er eine Institution. Das „Heerlager“ ist sein bekanntestes, aber auch umstrittenstes Buch (neben dem Roman „Sire“ von 1991, in dem er die Rückkehr der Monarchie ins heutige Frankreich schildert). Raspail selbst hat einmal gesagt, er sei um das Thema des „Heerlagers“ herumgeschlichen „wie ein Hundeführer um eine Paketbombe“, aus Angst, „die Bombe könnte ihm ins Gesicht explodieren“. Ein Buch, vor dem sein Autor Angst hat – das deutet auf einen hochexplosiven, aber auch sehr ernst zu nehmenden Inhalt hin.

Und in der Tat: Es geht um nichts weniger als den Untergang und die freiwillige Unterwerfung Frankreichs unter ein Heer von Immigranten aus Indien. Dieses Land ist nur ein Platzhalter. Es könnte auch ein afrikanisches oder lateinamerikanisches Land gemeint sein. Jean Raspail schildert in ätzender Schärfe vor allem die Müdigkeit, die Schlaffheit, die Überlebtheit seiner geliebten Nation, der einst so stolzen ältesten Tochter der Kirche. Nach der Aufklärung und einschneidenden ideologischen Brüchen fehlt es ihr – als pars pro toto Europas gleichsam – an Kraft und Willen, überhaupt zu wissen, wer sie selbst ist. Ihr fehlt es an Selbstbehauptung in einer katastrophischen Situation, was die Voraussetzung dafür wäre, eine Krise zu lösen. Ihr fehlt es auch an religiöser Energie, den Menschen aus einem anderen Kulturkreis die vitalisierende Kraft des Christentums zu vermitteln. Frankreich (und mit ihm Europa) hat nicht mehr die Kraft, die Unterschiede im Konzert der Nationen und Kulturen mit katholischer Weitsicht zu respektieren und, vor allem, zu moderieren. Das Frankreich des „Heerlagers“ hat keine Ideen mehr, wie es den fremden Menschen würdig begegnen und in ihrer Heimat effektiv helfen kann, ökonomisch wie politisch. Raspail zeigt aber auch ganz deutlich, dass politische Probleme dieser Größenordnung eben politische Probleme sind, und keine religiösen.

An einem Ostersonntag landen also eine Million Immigranten an der französischen Mittelmeerküste, nachdem die Flotte 40 Tage auf den Wüsten der Weltmeere umhergeirrt ist. Eine ins Negative gewendete Ostersymbolik und apokalyptische Motive durchziehen den Roman wie ein dunkler Basso Continuo. Die Ankunft dieser Menschen motiviert Politiker, Journalisten und Kirchenvertreter allerdings nicht zu einem verantwortungsbewussten, schnellen Handeln. Eher hat man bei der Lektüre den Eindruck, dass alles in einen kollektiven Rausch des Gutmenschentums versinkt. Womit niemand geholfen ist. Angestachelt durch das postkoloniale schlechte Gewissen scheint das Frankreich, das Raspail im Jahr 1973 geradezu prophetisch voraussieht, seine eigene kulturelle Identität und ethische Selbstbehauptung verloren zu haben. Die Immigranten gehen an Land und nehmen den ganzen französischen Süden in Besitz. Es ist eine „gewaltlose Invasion", wie Jürg Altwegg in seiner wohlwollenden, aber zugleich auch verharmlosenden Re-Lektüre des Romans anlässlich seiner Wiederveröffentlichung schrieb (FAZ, „Das Ende der europäischen Welt“, 25. Februar 2011). Die einheimische französische Bevölkerung, die man mit Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ und belanglosen Zeitgeist-Themen lange Zeit von der drohenden politischen Instabilität abzulenken versucht, flieht vor der Masse nach Norden. Nur einige Französinnen lässt man in den südfranzösischen Städten zurück, wo sie die Gäste aus der fremden Welt in Bordellen begrüßen sollen. Ein zynisch-dekadentes Spiel der westlichen Politik, das noch dadurch gesteigert wird, dass der französische Präsident in akuter Hektik den Einsatz von Militärs zur Verteidigung plant. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Die Soldaten der Grande Armée sind längst desertiert. Die Einnahme Frankreichs, seine freiwillige Unterwerfung, ist damit unumkehrbar.

Dies ist der Grund, wieso Raspails Buch, das nach seiner Neuauflage im Jahr 2011 übrigens wochenlang auf Platz 1 der französischen Amazon-Verkaufsliste stand, zu Beginn dieses Jahres auch in deutschen Feuilletons oft im Zusammenhang mit Michel Houellebecqs kontroversem Roman „Unterwerfung“ zitiert wurde. Tatsächlich scheint Raspail seinem jüngeren Landsmann mit dem „Heerlager der Heiligen“ eine Steilvorlage geliefert zu haben. Der mit dem Katholizismus liebäugelnde Houellebecq musste das „Heerlager“ nur zu Ende denken, um zur Handlung seines Romans zu gelangen. Das unterstreicht den prophetischen Wert von Raspails Werk. Ist es aber statthaft und eines katholischen Schriftstellers würdig, eine derartige Dystopie zu verfassen, wie Raspail es getan hat? Lädt das Buch nicht zu böswilligen Missverständnissen ein? Besteht nicht die Gefahr, das Buch als Plädoyer für eine Abschottung Europas vor den Nöten der Welt aufzufassen?

Nun, zunächst darf jeder Schriftsteller die Utopien oder Dystopien schreiben, die er mit seinem inneren Auge sieht, und dass Raspail als katholischer Monarchist eine andere Weltsicht in sein Werk einfließen lässt als der lange Zeit kommunistisch orientierte George Orwell („1984“, „Animal Farm“) oder der nihilistisch ausgerichtete Aldous Huxley („Schöne Neue Welt“) in ihre Dystopien, wird man ihm kaum zum Vorwurf machen können. So wie Orwells Zukunftsroman ein Abgesang auf die Freiheit (oder den Mythos der Freiheit) ist, so ist Raspails Buch eben ein Abgesang auf das christliche Frankreich, das alte Europa, dem es an Selbstbehauptungswillen und Identität fehlt. Und während bei Orwell die Bedrohung von innen kommt, aus der eigenen Gesellschaft, droht bei Raspail – frei nach dem Carl-Schmitt'schen „Freund/Feind“-Schema – der dramaturgisch geschickt angelegte Untergang von außen, durch das „Fremde“, durch das „Andere“. Aber eben auch durch die eigene Dekadenz. Bei Orwell ist es der sozialistisch verstandene große Bruder, das Mitglied der eigenen Familie, der auf einmal außer Kontrolle gerät und zum Feind mutiert. Bei Raspail ist es nicht „The big Brother“, sondern „The big Other“ – das große Andere –, wie er es im Vorwort zur französischen Neuauflage ausgedrückt hat.

Dass er damit eigentlich nur das wiederholt hat, was vor ihm der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss gedacht und gelehrt hat, ist vielen Kritikern Raspails, die es natürlich auch gibt, weitgehend entgangen. Was diese ferner übersehen: Raspail hat immer wieder bedrohte Völker besucht und in seinen Büchern ihre Zerstörung durch die moderne Zivilisation beschrieben. Er hat wie Ernst Jünger („Der Arbeiter“) oder Alexander Solschenizyn („Archipel Gulag“) am Schreibtisch weiter durchdacht, was er durch eigene Berührung in der Realität erforscht hat. Das Fremde war ihm also gut bekannt, aber eben als Fremdes. Daher rührt sein Versuch, das je Eigene der Kulturen herauszuarbeiten und auf einer kulturellen Authentizität der Völker zu beharren. Die sich heute angesichts der realen Flüchtlingsnot stellenden Fragen „Wie können wir helfen?“, „Was können wir tun?“ lässt Raspails Roman deshalb auch nicht aus Unmenschlichkeit nicht aufkommen, sondern weil der Autor der Meinung ist, die Europäer seien gar nicht mehr in der Lage, die Rolle von Helfern zu spielen. Was angesichts der gescheiterten Entwicklungspolitik der Europäischen Union und europäischer Hilfsorganisationen in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogen zu sein scheint. In einem Interview mit der französischen Zeitung „Le Figaro“ im Jahre 2004 bekannte Jean Raspail jedenfalls: „Ich bin überzeugt, dass das Schicksal Frankreichs besiegelt ist.“ Das darf man nicht als Larmoyanz oder Sentimentalität missverstehen. Das einzige, was der europäische Mensch, der noch weiß, was Größe ist, jetzt machen kann, ist, sich mit Stil und Würde dem Untergang zu stellen und betend für sein Seelenheil und das Seelenheil der anderen zu sorgen.

Deshalb findet man im „Heerlager der Heiligen“ bei all der Polemik, die zweifellos vorhanden ist, wenn es um die Verblödung durch Medien und Schulen, die Missachtung der „sagesse populaire“ (Volksweisheit), die ständige Suche nach soziologischen Erklärungen geht, immer dann einen deutlichen Verzicht auf Polemik, wenn Raspail das Elend der Flüchtlinge selbst in den Blick nimmt. Dann schreibt er in einem Tonfall der Überhöhung und des pathetischen Sprechens, der ihn nicht immer vor problematischen Unschärfen schützt, dem es aber auch zu verdanken ist, dass der Text in seinen härtesten, aufrüttelndsten Kapiteln an den Tonfall der Offenbarung des Johannes anschließt. Das ist die Idee des Buchs: Die Figur der totalen Migration als ein Geschehen zu schildern, das nur eschatologisch zu begreifen ist. Hierin erweist sich Raspail als gelehriger Schüler seines Landsmannes Léon Bloy.

Nur in einem Punkt hat sich Jean Raspail, der in seinem Buch so viele Entwicklungen unserer Gegenwart auf erstaunliche Weise vorweggenommen hat, grandios getäuscht. Heißt der amtierende Papst im „Heerlager der Heiligen“, der noch dazu aus Brasilien stammt, ausgerechnet Benedikt XVI., also so wie der emeritierte Papst aus Deutschland. Nachdem sein Vorgänger nach dem dritten Vatikanischen Konzil den gesamten Besitz der römisch-katholischen Kirche verkauft hat (und dabei – Ironie des Schicksals – eine Summe zustande kommt, mit der kaum der Agraretat für Pakistan für ein Jahr ausgeglichen werden kann), lebt er nun in einer armseligen Wohnung in der Nähe des Vatikan. Alle katholischen Form- und Kultmerkmale haben sich nach dem Konzil aufgelöst. Es herrscht eine Religion der unverbindlichen Ökumene und der Gutgläubigkeit. Dominikanerpatres tragen Jeans und T-Shirts. Der Erzbischof von Paris schenkt der moslemischen Gemeinde dreißig Kirchen. Und so weiter.

Ist das „Heerlager“ trotzdem oder gerade deswegen ein katholischer Roman? Was dagegen sprechen könnte, ist weniger die Absenz von guten Taten und vorbildhaften Figuren, die dieser Roman in der Tat nicht enthält, die aber auch viele andere katholische Bücher von Bernanos bis Péguy nicht enthalten. Vielmehr ist es die abgrundtiefe Einsamkeit seines Tonfalls, seine Verachtung der Innerweltlichkeit und seine radikale Unangepasstheit, die ihn für viele heutige Katholiken zu einer herausfordernden Lektüre machen. Es gibt aber auch heute nicht wenige, die genau das von einem Katholizismus erwarten, der sich dazu entschieden hat, das Zeitalter der Beliebigkeit zu überleben: Wehrhaftigkeit. Für sie hat Jean Raspail, der mit geradezu unverschämter anti-ökumenischer Verve bekennt, „Katholik“ und kein „Christ“ zu sein, das „Heerlager der Heiligen“ vermutlich auch geschrieben.