Berufschrist und frommer Heide?

Arnold Stadler über Johann Peter Hebels alemannisches Gedicht „Die Vergänglichkeit“

Johann Peter Hebel, der badische Theologe und Dichter, dessen Kalendergeschichten zum Grundbestand der deutschen Literatur gehören, wurde am 10. Mai 1760, in diesem Jahr also vor 250 Jahren, in Basel geboren. Die Bezeichnung seines Geburtshauses lautet heute „Am Totentanz 2“. Sie erinnert daran, dass früher hier an der Friedhofsmauer der Predigerkirche das aus dem Mittelalter stammende Kolossalgemälde „Der Totentanz“ den Menschen drastisch ihre Vergänglichkeit demonstrierte. Hebel, der bis zum Tode seiner Mutter (1773) sommers in Basel lebte, muss diesen (1805 zerstörten) Totentanz noch gesehen und in schrecklicher Erinnerung behalten haben, denn in seinem alemannischen Gedicht von der Vergänglichkeit (ebenso 1805) heißt es: „so schuderig (schaurig) wie der Tod im Basler Todtetanz“.

Zum jetzt beginnenden Hebel-Jahr legt Arnold Stadler, Träger des Georg-Büchner-Preises (1999), des Stefan-Andres-Preises (2004) und des Kleist-Preises (2009), erneut seinen Essay über dieses Gedicht vor und führt den Leser dreimal an denselben Ort, nämlich in das Wiesental, das vom Feldberg im Schwarzwald nach Basel verläuft, und zwar auf die Straße zwischen Steinen und Brombach. Hauptsächlich findet dort das nächtliche Gespräch zwischen dem Aetti (Vater) und seinem Bub über die Vergänglichkeit statt, wie es Hebel auf Alemannisch erdichtete. Und schließlich wird in diesem Gedicht auf den Tod der Mutter Bezug genommen, den der dreizehnjährige Hebel an eben dieser Stelle erlebte, als er die todkranke Frau auf einem Ochsenkarren von Basel in ihre Heimat im Wiesental fahren wollte.

Letztlich handelt es sich bei dem „Die Vergänglichkeit“ genannten Gedicht um ein erfundenes Gespräch, das Hebel als Vater mit sich selber als seinem Sohn führt. Als Sohn fragt er den Vater angesichts der Schlossruine Rötteln bang, ob es denn dem (erdachten) Vaterhaus, das mit glitzernden Fenstern „wie ne Chilchli uffem Berg“ (wie ein Kirchlein auf dem Berg) stehe, dermaleinst auch so ergehen werde wie dem zerfallenen Röttelner Schloss.

Der Vater erklärt dem Sohn behutsam, dass es nicht nur dem Vaterhaus so ergehen werde, sondern dass auch er selbst, der Vater ebenso wie der Sohn, der Vergänglichkeit anheimfalle. Zuletzt werde man auf der Milchstraße zu einer noch verborgenen Stadt wandernd auf die verbrannte Erde zurückblicken und sich nicht mehr wieder dorthin wünschen: „und möcht iez nümme hi“ (und möchte jetzt nicht mehr hin)“.

„Er war leider nicht katholisch“

An einer Stelle löst die Erwähnung Heideggers – Stadlers Meßkircher Landsmann – Protest des Rezensenten aus, und zwar wegen des folgenden Zitates: „Für wen, außer für sich selbst, hat Hebel dieses Gedicht noch geschrieben? Es ist, zusammen mit den ,Allemannischen (...) Gedichten‘ in der ersten Auflage dem Berginspektor Herbster ... gewidmet. In der zweiten Auflage wurde der Basler Berginspektor, der mittlerweile wegen Betrugs einsaß und sein Leben im Zuchthaus Pforzheim beendete, gestrichen. Nicht schön von Hebel, finde ich. Aber die Streichung oder Unterlassung war wohl so unvermeidlich für einen Funktionär, der Hebel auch war, wie für Heidegger die Streichung der Widmung seines Hauptwerks ,Sein und Zeit‘ an seinen Lehrer und Förderer Husserl in Zeiten des Dritten Reiches.“

An dieser Stelle vergleicht Stadler in übler Weise Unvergleichbares. Die Streichung der Widmung von Hebel an einen Kriminellen war korrekt, während die Streichung der Widmung von Heidegger an Husserl wegen dessen Zugehörigkeit zum Judentum schlicht als schofel zu bezeichnen ist. Nicht mehr nur essayistisch sind dann aber die weiteren Überlegungen Stadlers, nach denen es sich bei Hebels Gedicht um eine „kunstvolle Bankrotterklärung“ und um eine „kunstvoll kaschierte Verzweiflungstat“ handeln soll. Er schreibt: „Hebel war leider nicht katholisch gewesen, dachte ich mir damals, heute ist mir dies egal. Er war zum Glück auch nicht evangelisch, wenigstens nicht richtig. Er war nur eine Art ,evangelischer Bischof von Baden‘, der erste überhaupt als Nachfolger seines Fürsten. Und dann der erste gleich so einer, fromm und ungläubig, glaube ich. Im Gedicht ,Die Vergänglichkeit‘, das meine ich als spionierender Katholik und leidenschaftlicher Leser von Hebel, habe ich nicht eine christliche Spur entdecken können. Da, wo sie wie Fährten gelegt scheinen, erweisen sie sich als holzwegartige, falsche Fährten, als Ablenkungsmanöver. Eigentlich hätte dieses Gedicht auf den protestantischen Index gehört: Es ist gegen alle und jede Orthodoxie. Eine Ungeheuerlichkeit, dass ein Prälat von Gnaden seines Landesherrn die sogenannten ,letzten Dinge‘, das eschatologische Feld derartig unchristlich bearbeiten konnte.“

Stadler versucht hier, Hebel, den Gottesmann, zu einem „Berufschristen“ zu dekonstruieren, dem er allenfalls noch frommes Heidentum zugesteht. Die Spuren des Christlichen, des Vaters Mahnung an den Sohn: „Seig du frumm, und halt di wohl, geb, wo de bisch, und bhalt di Gwisse rein!“ („Sei du gottergeben und gelassen, wo du auch sein magst, und halte dein Gewissen rein!“), versteht Stadler als die Pflichtübung eines kirchlichen Funktionärs. Ebenso verfährt er mit des Vaters durchaus nicht unchristlicher Vorhersage: „Siehst du nicht, wie der Himmel voller schöner Sterne ist? ... Und weiter oben soll eine schöne Stadt sein, von hier nicht zu sehen. Und wenn du gottgefällig lebst, so kommst du in einen solchen Stern, und dir ist wohl, und du wirst deinen Vater dort finden, wenn es Gottes Wille ist, und die liebe Kunigunde, deine Mutter. Du wirst auch die Milchstraße hinauffahren, hinein in die geheime Stadt ...“ Stadler betrachtet diesen Text offensichtlich als bloßes Versatzstück und vergleicht ihn gar mit Peterchens Mondfahrt.

So ärgerlich man dies empfinden muss, es bleibt die Klage über die Vergänglichkeit aller Menschen und aller Welt: „'s isch schad derfür!“ („Schade drum!“), und der Vater kann seinem Sohn dafür keine Erklärung bieten.

Nun haben wir ja für das Geheimnis der Vergänglichkeit (ebenso wenig wie für das Geheimnis des Bösen) keine zufriedenstellende Erklärung. Dennoch hält der Vater den Sohn zur Frömmigkeit an und dazu, wo er auch sein mag, sein Gewissen rein zu halten. Doch wozu sollte das gut sein, wenn es über die Vergänglichkeit hinaus nichts gäbe als das Schweigen und keine Hoffnung auf eine neue Erde mit der Auferstehung der Toten, ja, des Fleisches? Diese Hoffnung scheint durch in Hebels Gedicht über die Vergänglichkeit, freilich nicht in der im Christentum üblichen Ausdrücklichkeit, aber jedenfalls doch unübersehbar. Indem er das leugnet, provoziert Stadler seine christlichen Leser. Diese sollten sich der Provokation stellen und Stadler auf seiner nächtlichen Fahrt und bei seinem nächtlichen Nachdenken über Hebels Gedicht „Die Vergänglichkeit“ zuhören. Und bei Hebel nachlesen und prüfen, ob es sich damit wirklich so verhält, wie Stadler es deutet.

Das Büchlein enthält Hebels Gedicht in alemannischer Sprache, und Stadler bietet dazu, da es unübersetzbar ist, nur als Lesehilfe eine deutsche Fassung an, die keine Nachdichtung sein will. Für die hätte er des Sohnes alemannisches Wort „schuderig“ für den Baseler Totentanz statt mit „schauderhaft“ besser als „schaurig“ anbieten können, denn „schauderhaft“ gehört nur beschreibend in eine ästhetische Kategorie, während „schaurig“ unter die Haut geht wie dem Knaben im Moor bei der Droste. Auch sonst holpert es bei Stadlers übersetzender Lesehilfe heftig: Aus Hebels „verborgeni Stadt“ wird – wieso? – eine geheime. Stadler überinterpretiert Hebels „Seig du frumm“ zu „Sei du gottergeben“ und verfremdet „halt di wohl“ einfach zu „gelassen“. Einfach falsch ist es, wenn Stadler aus der Erwähnung der verstorbenen Mutter des Dichters als „'s Chüngi selig“ eine „liebe Kunigunde“ macht, wo doch klar ist, dass die Bezeichnung „selig“ hier eine Verstorbene meint. Schließlich heißt es in Hebels eigenen Worterklärungen, dass „Hüst“ (und Hott) die Zurufe für links (und rechts) an Zugpferde sind. Stadler belässt es hölzern beim Ruf „nach links“.

Die Lesehilfen, die Stadler anbietet, können vielfach nicht überzeugen, ebenso wenig wie seine Interpretationen, die man deswegen umso kritischer lesen soll. Eine „Synopse für Neugierige“ beschließt den Band als willkommene Beigabe zum Beginn des Hebeljahres. In typisch Hebelscher Manier ist darin die Biographie des Dichters in die politische und literarische Geschichte seiner Lebenszeit eingearbeitet. Diese allerdings ist eine durchaus lohnende Lektüre.