Bereit zu allem für ein wenig Ruhm

Zu viel Aggression im Netz: Über „Menschenbild und Medienwirkung“ diskutierte ein Podium auf dem Katholikentag. Von Alexander Riebel

Abschlussgottesdienst des 100. Katholikentages
Medien haben auch etwas Gutes – eine Ordensschwester nutzt ihr Handy beim Katholikentag in Leipzig. Foto: dpa
Abschlussgottesdienst des 100. Katholikentages
Medien haben auch etwas Gutes – eine Ordensschwester nutzt ihr Handy beim Katholikentag in Leipzig. Foto: dpa

Die Medien sind ein Machtfaktor in der offenen Gesellschaft. Dass sie nicht neutral sind, ist an der Einschätzung zwischen der vierten Macht im Staate und der Kritik als „Lügenpresse“ ablesbar, meinte Moderator Joachim Frank, Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP) beim Podium des Katholikentags „Verhöhnt, verhetzt, verdammt – Menschenbild und Medienwirkung. Satire und Talk: Ist erlaubt, was Quote macht?“

Entschieden gegen den Ausdruck der Lügenpresse, den der Moderator verwandt hatte, wandte sich sogleich der Chefredakteur des ZDF, Peter Frey. „Lügenpresse“ höre Frey überall, es sei eine Dummheit, wie der Begriff von den Feinden der Demokratie benutzt werde. Die Rede von der Lügenpresse sei in den „zwanziger Jahren erfunden worden, um die Demokratie kaputt zu machen“. Die sozialen Medien sieht Frey als Kommunikationsraum, der vor Hass und Häme nicht haltmache. Freys ZDF-Kollegin, die Moderatorin Maybritt Ilner, schätzt politische Satiren und findet es gut, dass sie im ZDF laufen. Für Illner ist Satire der Ausdruck davon, dass man dem Druck einer Autorität nicht standhält, und sei dies die Autorität eines FC Bayern.

Dass Satiren in einem Kontext stehen müssen, wie im Fall Böhmermann gegenüber Erdogan, das sei notwendig für gute Satiren, meinte der Bonner Medienanwalt Gernot Lehr. Böhmermann habe das gut gelöst. Er hätte Erdogan nicht zur Klage geraten, der jetzt zwar einen kleinen Erfolg erzielt habe, der aber nicht von Dauer sein werde.

Auch die Casting-Shows waren auf dem Podium ein Thema. Warum bewerben sich Zehntausende und warum machen die Zuschauer das mit, wollte der Moderator wissen. Stefan Oster SDB, Bischof von Passau, sieht in der Begeisterung für die Shows einen einen generellen Vertrauensverlust. Hier gelte der Satz: „Wer sich nicht geliebt weiß, sucht Anerkennung.“ Maybritt Illner meinte, diejenigen, die in Casting-Shows gehen, müssten vor sich selbst geschützt werden. Man müsse tatsächlich fragen, „was sich in den Medien abspielt, dass sich Menschen so künstlich darstellen“. Grundsätzlich könne man wohl sagen, „wer auf die Bühne geht, bettelt um Schläge“. Rechtlich gegen Satiren oder Verleumdungen vorzugehen, sei aber keine Zensur, wie in anderen Ländern. Moderator Frank ergänzte hier, dass auch viele Prominente ihr Privatleben schützen; Günter Jauch erhebe jede Woche eine Klage gegen ein Regenbogenblatt. Politiker kommen mit Satire zurecht, meinte Medienanwalt Lehr, sie müssten aber auch sehr viel mehr aushalten als Privatpersonen. Lehr sprach hier von der Sozialrolle.

Peter Frey, der immer wieder auch seinen Sender thematisierte, gab sich selbstkritisch. Das ZDF habe bisher zu viel Mittelschichtfernsehen gesendet und die Sorgen des unteren Drittels der Gesellschaft zu wenig berücksichtigt. Die zunehmende Unzufriedenheit mit der Politik müsse ebenso berücksichtigt werden, wie dass die Nachrichten immer ernster werden. Auch sollten sich die Medien stärker mit der AFD ausein-andersetzen und sie zu Talkshows einladen, weil sonst ein Teil der Wirklichkeit ausgeblendet wird. Man müsse sie mit journalistischen Mittel befragen. Das Stichwort nahm der Moderator auf und fragte Gernot Lehr, ob er sich die AFD auf dem Katholikentag gewünscht hätte. Ja, die AFD hätte zu einem Podium über das christliche Menschenbild eingeladen werden können, meinte Lehr. Zum Komplex AFD und Pegida sagte Illner, die Menschen empfinden, dass sie heute alles in der Welt direkt betreffe, wie die Ereignisse in der Ukraine, in Griechenland zeigen; die Globalisierung sei angekommen, was man auch bei den Flüchtlingen sehe. Politisch, das war Illner wichtig, gebe es immer Alternativen, und so zu tun, als gebe es sie nicht, sei nicht demokratisch: „Wir haben eine Außenkanzlerin, die sich zu wenig um Deutschland kümmert.“ Auch gefiel Illner nicht, wie Merkel sich gegenüber Böhmermann verhielt; Merkel habe sich nicht in einer Pressekonferenz so zu ihm äußern dürfen, das werfe auch ein schlechtes Licht auf die Medien.

Nach Bischof Oster sollten auch Bischöfe mehr im Fernsehen präsent sein: „Wir trauen uns als Bischöfe zu wenig in Talkshows“; allerdings gebe es auch die Neigung von einigen Medien, der „Kirche eins mitzugeben“. Die moralische Messlatte hänge hoch, daran müsse man sich messen lassen. Man könne sich wehren gegen Angriffe, aber der rechtliche Rahmen müsse gewahrt bleiben, auch wenn Quote und Geschwindigkeit eine immer größere Rolle spielten.

Mit Professor Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe aus Freiburg, kam nun ein neuer Gesprächsteilnehmer auf die Bühne. Er mag gute Satiren, bei schlechten Satiren vergehe ihm die Lust darauf. Auf die Frage, ob für christliche Journalisten besondere Standards gelten, meinte er: „Sie sollen ihren Beruf gut ausüben. Kritik soll letztlich dem Ziel dienen, größere Achtung gegenseitig herzustellen.“ Toleranz sei dabei eine Grundtugend, die davon absehe, andere als Monster darzustellen. Andere Sorgfaltsstandards als bei anderen Journalisten sieht Schockenhoff bei den christlichen Journalisten nicht. Werde ein Skandal aufgedeckt, sollte die Öffentlichkeit nicht scheibchenweise informiert werden. Und wer etwas zu verbergen habe, sollte sich erklären, bevor die Journalisten darauf kommen, denn dann sei man wieder souverän.

Denunziation und Hass sind aber ein ein Problem aller in der Gesellschaft, nicht nur im Journalismus; man muss schnell handeln, sagte Lehr. Die „selbsternannten Rächer“ im Netz müssten in der klassischen Berichterstattung mehr zum Thema gemacht werden. Auch finden Korrekturen in den Medien wie gegenüber dem früheren Bundespräsidenten Wulff zu wenig statt; Lehr hatte Wulff als Anwalt vertreten.

Zur Debatte um Hass-Mails nahm auch Christiane Florin Stellung, die frühere Ressortleiterin der Beilage „Christ und Welt“ in der „Zeit“, jetzt ist sie in der Redaktion Religion und Gesellschaft beim Deutschlandfunk. „Hassmails kriegen Sie schon, weil Sie Frau sind“, sagte Florin, die Hass-Mails in „Christ und Welt“ mit Namen abgedruckt hatte, weil es formal Leserbriefe gewesen seien. Sie sieht die Streitlinie der Öffentlichkeit nicht zwischen progressiv und konservativ, sondern zwischen Pluralität und der Behauptung der Volksmeinung. Als besonderes Reizthema sieht sie aus ihrer Erfahrung im Deutschlandfunk den Islam. Aus Publikumsreaktionen auf ein Interview mit einer Konvertitin zum Islam sei deutlich geworden, dass sie der Frau das Kopftuch hätte herunterreißen sollen. Dem gegenüber sei die plurale Demokratie das Ziel, um das man streiten sollte, nicht um Sorgen, Ängste, Nöte.

Frey lobte Florin für die Bloßstellung der Autoren von Hassmails; allerdings sei eine Zivilisierung bis heute nicht eingetreten: „Die Leute fühlen sich als Widerstandskämpfer und der Rechtsstaat muss Wege finden, das zu regeln.“

Der leere Platz auf dem Podium soll nicht unerwähnt bleiben. Er war dem Blogger und früheren Kolumnisten von „The European“, Heinrich Schmitz, gewidmet, für den inzwischen Schutzvorkehrungen getroffen würden, nachdem er die Nachricht von der Leiche seiner Frau in der gemeinsamen Wohnung erhielt, was nicht zutraf. Schmitz hat sich inzwischen von der Öffentlichkeit aus Sorge um seine Familie zurückgezogen. Seine Abwesenheit auf dem Podium war ein anschauliches Beispiel dafür, wie brisant das Thema Hetze und Verhöhnung in den Medien ist.