„Bei Katholiken wird McCain das Rennen machen“

Der Kandidat der Republikaner ist katholischen Positionen viel näher als Obama, meint William Donohue, Präsident der „Catholic League“ in New York

Die „Catholic League“ ist mit 300 000 Mitgliedern Amerikas größte katholische Bürgerrechtsvereinigung. Sie hat ihren Sitz in New York.

Mister Donohue, haben Katholiken im November eigentlich eine Wahl? Etwa was den Lebensschutz anbelangt?

Verglichen mit Senator Obama ist Senator McCain uns in Lebensschutzfragen viel näher. Obama unterstützt – das könnte in Deutschland nicht bekannt sein und ist es ganz sicher nicht in den USA – Spätabtreibungen. Er hat im Senat von Illinois gegen ein Gesetz gestimmt, das medizinische Hilfe für Kinder vorgesehen hätte, die ihre eigene Abtreibung überlebt haben. Es gibt dennoch auch mit McCain Probleme. Er unterstützt etwa die katholische Position in Sachen Stammzellforschung nicht.

In seinem Programm spricht er sich gegen die bewusste Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken aus, nicht aber gegen die Verwendung überzähliger. Liegen hier die Probleme?

Ja. Aber ich denke, er nähert sich der katholischen Position an. Ich meine aber, dass Abtreibung hierzulande das Hauptthema ist. Wir haben jetzt eine Anzahl von intelligenten Persönlichkeiten, die Obama darin beraten, wie er glaubwürdig rüberbringen soll, dass er die Zahl der Abtreibungen reduzieren kann. Sie sagen aber nicht, wie er das tun soll. Wenn es um Lebensschutzthemen geht, dann werden die Lebensschützer in unserem Land schon sehr genau hinsehen. Wie ich schon gesagt habe: Obama unterstützt Spätabtreibungen. Wir versuchen das in den Medien bekannt zu machen. Wenn das erst einmal besser bekannt wird, dann wird es ein echtes Handicap für Obama sein.

Aber auch McCain hält sich in manchen moralischen Fragen bedeckt. Zwar beschreibt er in seinem Programm die Ehe als eine Verbindung von einem Mann und einer Frau. Die Homo-„Ehe“ erwähnt er aber nicht eigens. Ist er am Ende dafür?

Nein. Ich denke, er ist dagegen. Er hat das erst kürzlich im Fernsehen deutlich gemacht. Die Frage ist aber, was er in dieser Sache unternehmen wird. Ich war einer der 13 Katholiken, die mit Präsident Bush im Weißen Haus zusammen gekommen sind, um zu hören, was er in dieser Sache zu sagen hätte. Er hat 50 Minuten gesprochen. Danach sagten wir zu einem seiner Mitarbeiter, dass wir mit allem einverstanden wären, was er gesagt habe, außer mit einer Sache: Seinem Widerwillen, einen Verfassungszusatz zu unterstützen, der Ehe als Vereinigung zwischen Mann und Frau definieren würde. Er hat das verstanden und innerhalb einer Woche war er auf unserer Seite.

Sehen das die meisten Amerikaner auch so?

Die Mehrheit des amerikanischen Volkes ist gegen die Homo-„Ehe“. Allerdings gibt es eine Spaltung in der Frage, was dagegen zu tun sei. Die meisten Leute sind gegen einen Verfassungszusatz, um diese Frage zu lösen. Solange wir jedoch Richter in Kalifornien und anderswo haben, die die sich entschieden haben, den Willen des Volkes zu ignorieren, solange ist ein Verfassungszusatz angemessen. Die Homo-„Ehe“ fand nie die Zustimmung des amerikanischen Volkes. Im November wird darüber in Kalifornien wieder abgestimmt werden; schon 2000 haben die Menschen dagegen gestimmt. Das Problem ist aber, dass diese Voten nicht berücksichtigt werden. Beispielsweise hier im Staat New York: Wir haben einen ungewählten Gouverneur, der nur ins Amt kam, weil der Amtsinhaber Spitzer in eine unappetitliche Prostituiertenaffäre verwickelt war. Dieser demokratisch nicht legitimierte Gouverneur hat sich entscheiden, diverse Statuten und Gesetze zur Ehe zu kippen, um die Unterstützer der Schwulenehe zu beruhigen. Solange wir solche Zustände haben, wird das die Amerikaner möglicherweise überzeugen, dass der einzige Weg, die Ehe von Mann und Frau zu retten, ein Verfassungszusatz ist. Senator McCain hat diesen Schritt noch nicht getan. Aber er ist sicherlich näher an unserer Auffassung als Senator Obama. Er ist ein Mann, der sehr weit links steht, auch wenn er sich den Anschein zu geben versucht, sehr moderat zu sein.

Es hat aber auch Misstöne mit John McCain gegeben. Er hat sich den evangelikalen Prediger John Hagee an die Seite geholt, um bei der christlichen Rechten zu punkten. Hagee hat die katholische Kirche unter anderem als „Hure Babylon“ bezeichnet und sie für den Holocaust mitverantwortlich gemacht. Hat McCain jetzt nicht ein Problem mit den Katholiken?

Diese ganze Sache hätte katholische Wähler beeinflussen können, wenn es erst vor kurzem stattgefunden hätte. Nun ist das Ganze schon einige Monate her. Wir sind der Sache aber nachgegangen. Schon seit 1997 verfolge ich die anti-katholischen Ausfälle von Pastor Hagee. Ich habe ihm immer wieder geschrieben. Eine Antwort blieb aus. Als er dann zu McCain stieß, habe ich dort interveniert und McCain ersucht, Hagees Unterstützung zurückzuweisen. Die McCain-Leute haben es dann begriffen. Fairerweise muss ich sagen, dass sich Hagee nicht nur bei den Katholiken entschuldigt hat, sondern auch in mein New Yorker Büro kam und sich persönlich entschuldigt hat. Damit ist die Sache für mich erledigt. Sie wird bei den Wahlen im November für Katholiken keine Rolle spielen.

Es hat sich jetzt ja in der republikanischen Partei ein Komitee „Catholics for McCain“ gebildet. Sind diese Leute repräsentativ für praktizierende Katholiken?

Sie sind sicherlich repräsentativer als diejenigen, die sich um Obama geschart haben. Viele der Leute in McCains Komitee kenne ich. Es sind persönliche Freunde von mir und gute Katholiken. Wir hatten von der Catholic League her keinen Grund, gegen sie vorzugehen. Gegen die National Catholic Advisory Group von Obama habe ich dagegen einen Kampf geführt. Denn die meisten der Politiker, die dieser Gruppe angehören, sind hundertprozentig für Abtreibung. Man kann also nicht sagen, Obama streckt den Katholiken die Hand entgegen, wenn diejenigen, die das für ihn tun, für Abtreibung sind. Viele stehen NARAL nahe, der extremsten Pro-Abtreibungsvereinigung in den Vereinigten Staaten.

Ist John McCain also erste Wahl für praktizierende Katholiken?

Ich bin mir nicht sicher, wer im kommenden November die Wahlen gewinnen wird. Aber eine Vorhersage wage ich schon jetzt: Bei praktizierenden Katholiken wird John McCain das Rennen machen. Er steht uns in Lebensrechtsfragen viel näher. Und Hagee ist, wie gesagt, vergessen.

Trotzdem: Sind anti-katholische Polemiken wie die von John Hagee eigentlich noch immer charakteristisch für die amerikanische Gesellschaft?

Keine Frage: Anti-Katholizismus in der amerikanischen Gesellschaft beschäftigt die Catholic League gut. Wir sind die größte katholische Bürgerrechtsorganisation des Landes. Das ist unsere hauptsächliche Arbeit. Diskriminierung kommt aus vielen Ecken. Aus der evangelikalen etwa wie im Fall Hagee. Viel entscheidender aber ist, dass sie vom Establishment, der Mitte der Gesellschaft, her kommt. Ich bin viel eher besorgt über gewisse Filme aus Hollywood, Kunstausstellungen oder Anti-Katholizismus auf dem Campus der Universitäten. Auch die Versuche, Weihnachten zu neutralisieren oder das biblische Verständnis von Ostern zu vergiften durch all diese Dokumentationen, die erscheinen. Oder nehmen Sie die Musik von Madonna. Wir hatten Probleme mit dem englischen Film „Der goldene Kompass“, der hier zur Weihnachtszeit gespielt wurde. Ein großes Problem sind auch die unglaublich obszönen und blasphemischen Ausstellungen, die von der radikalen amerikanischen Schwulenszene gemacht werden. Oder die schrecklichen Äußerungen radikaler Muslimführer. Man sieht also: Die Angriffe kommen von verschiedensten Seiten, von Leuten, die sonst wenig miteinander zu tun haben. Anti-Katholizismus in der Vereinigten Staaten ist im Jahr 2008 sehr disparat und vielfältig.

Wäre es deshalb für einen Katholiken überhaupt möglich, heute Präsident der Vereinigten Staaten zu werden?

Ich glaube schon. Es gibt zwei Arten antikatholischer Polemik. Die eine richtet sich gegen den einzelnen Katholiken, die andere gegen die Kirche als Institution. In Bezug auf das Individuum reden wir von Diskriminierung am Arbeitsplatz, bei der Jobvergabe und an den Universitäten. Dies fand bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts statt. Diesbezüglich gab es eine Verminderung spätestens seitdem John F. Kennedy Präsident geworden war. Die meisten Katholiken heute sind keiner Diskriminierung ausgeliefert, wie ihre Vorfahren sie zu ertragen hatten. Aber wir machen Rückschritte. Es gibt eine Form offener Verachtung und Herabsetzung, die uns in Hollywood, im Fernsehen, Radio, Zeitungen und an den Universitäten begegnet, indem man pauschal auf alle Priester schließt, nur weil einige wenige missraten sind. Niemand in unserer Gesellschaft würde jemals Pauschalurteile fällen über Afro-Amerikaner, Schwule oder Juden. Aber wenn es um Katholiken geht, dann wird das gemacht. Der einzelne Katholik also hat keine Probleme in der Schule und am Arbeitsplatz. Die Kirche aber bezieht Prügel. Das ist so einseitig und unfair. Wir fallen in dieser Frage zurück, obwohl wir in der anderen vorankommen.