Bayreuth: Wohin wird das Seil sich winden?

Von Werner Häussner

„Weißt du wie das wird?“, möchte man mit der Norn fragen. Wolfgang Wagner, Chef der Bayreuther Festspiele hat den Verzicht auf die Leitung bis 31. August erklärt. Tags darauf will der Stiftungsrat entscheiden, wer Wagners Nachfolge antritt. Der 88-Jährige hatte vor drei Wochen überraschend selbst eine Lösung vorgeschlagen: Seine Tochter Katharina (29) solle gemeinsam mit seinem bisher verstoßenen Spross aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier (63), künftig die Festspiele führen. Wolfgang Wagner erklärte in seinem Rücktrittsschreiben, er wolle sich einer einvernehmlichen, von breitem Konsens getragenen Lösung nicht verschließen. Signale aus dem Stiftungsrat machen es wahrscheinlich, dass nach der viermonatigen Bewerbungsfrist der Weg für das Halbschwestern-Tandem frei sein wird.

Wie das wird, ist trotzdem noch nicht ausgemacht. Am Seil der Nachfolge winden nicht nur die Schwestern. Wiederholt wurde in den letzten Tagen auf die Satzung verwiesen. Dort heißt es, das Festspielhaus sei „grundsätzlich“ an ein Mitglied oder mehrere Mitglieder der Familie Wagner zu vermieten, es sei denn, es treten andere, besser geeignete Bewerber auf. Binnen vier Monaten müsse die Familie Wagner einen Vorschlag machen.

Bisher liegen Bewerbungen vor von Eva Wagner-Pasquier gemeinsam mit der Tochter von Wieland Wagner, Nike, und von einem Dreierteam, bestehend aus Katharina Wagner, dem Dirigenten Christian Thielemann und dem früheren Salzburger Festspielleiter Peter Ruzicka. Nike Wagner, seit 2004 Leiterin des Kunstfestes Weimar und persona non grata am Grünen Hügel, hat vom Bruch der bisherigen Allianz erst durch Nachfragen von Journalisten erfahren und zeigte sich entsprechend verärgert. Bisher ist noch nicht klar, ob sie ihre Bayreuth-Ambitionen, die sie schon 1999 durch eine Bewerbung manifestierte, begraben hat.

Bis die teuren Heldinnen, wenn sie denn im September den Stiftungsrat auf ihrer Seite haben, zu neuen Taten aufbrechen können, wird noch einige Zeit vergehen. Die Festspiele sind bis an die Schwelle des Wagner-Jubiläumsjahres 2013 geplant. Bei allen genüsslich ausgekosteten und mit Häme und Missgunst begleiteten Debatten um den Bayreuther Familienzwist sollte nicht aus dem Blick geraten, dass die Festspiele nicht nur finanziell gesichert, sondern auch konzeptionell entwickelt werden sollten. Man wird sehen, ob die künftige Leitung zum Beispiel auf die anachronistische Festlegung auf die kanonischen Werke Wagners verzichtet. Dem öffentlich wahrnehmbaren Gesamtbild einer der prägenden Gestalten der modernen Kultur dürfte es nur gut tun, wenn der Blick auf seine frühe Entwicklung geöffnet wird. Und das bedeutet: Auch „Die Feen“ und „Rienzi“ sollten festspielwürdig werden. Für die „Werkstatt“ Bayreuth wird es zukunftssichernd sein, wenn die künftige Leitung – wie übrigens ihre Vorgänger seit Siegfried Wagner – der Norn zustimmen: „Nicht hell eracht' ich das heilige Alte“.