Ballern am Todesstreifen

Ego-Shooter an der innerdeutschen Grenze: Proteste gegen ein geschmackloses Computerspiel zeigen Wirkung Von Carl-H. Pierk

Chris Geoffroy, 22 Jahre alt, und sein Freund Christian Gaudian, 21 Jahre alt, gelten als letzte Opfer des Schießbefehls an der Berliner Mauer. Chris Geoffroy wurde am 6. Februar 1989 auf der Flucht nach West-Berlin erschossen, sein Freund Christian Gaudian am Fuß getroffen, verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Sie träumten von Amerika und hatten sich auf das Wort Erich Honeckers verlassen, dass es an Mauer und Stacheldraht keinen Schießbefehl mehr gebe. Chris Geoffroy starb noch an der Grenze. Ein Schuss hatte den Herzmuskel zerrissen. Und der Schuss war von vorn gekommen, wie bei einer Hinrichtung. Das Obduktionsprotokoll, das in den Stasi-Unterlagen gefunden worden war, verschweigt das.

Wird das Schicksal von Geoffroy und Gaudian „nachgespielt“? Wahlweise die Flucht aus der DDR nachspielen oder als Grenzsoldat auf die Jagd nach „Republikflüchtlingen“ gehen, das sollte man ab dem 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, im Internet können – in einem Computerspiel. Doch nach heftigen Protesten nicht nur von Opferverbänden sagte die Karlsruher Hochschule für Gestaltung am Donnerstag die Veröffentlichung des Computerspiels ab. Sollten sich Opfer durch das Spiel verletzt fühlen, „bedauern wir das sehr”, hieß es in einer Stellungnahme des Rektorats. Das Spiel wolle der jüngeren Generation die Brutalität der Grenzsoldaten an der innerdeutschen Grenze vermitteln und in keiner Weise verharmlosen. Das Computerspiel habe einen hohen moralischen und künstlerischen Anspruch. Um zur „Versachlichung der Diskussion“ beizutragen, werde der ursprüngliche Termin für die geplante Präsentation am Tag der Deutschen Einheit auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, hieß es. Demnächst werde eine Beta-Version mit einer Altersfreigabe ab 18 Jahren veröffentlicht mit dem Ziel, das Spiel nach einer Testphase anhand von Feedback zu überarbeiten. Im Rahmen einer öffentlichen Diskussion mit „hochkarätigen Gästen“ an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Anfang Dezember werde dann die endgültige Version veröffentlicht.

Entwickelt wurde das Computerspiel an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung von dem Studenten Jens M. Stober. Das interaktive 3-D-Spiel widmet sich der 1 378 Kilometer langen Grenze quer durch Deutschland und ihren Anlagen – und mit ihnen den Themen Todesstreifen, Flucht oder Schießbefehl. Auf neue Art und Weise solle das Interesse der jungen Generation „zur Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte“ geweckt werden, sagte Stober. Es sei aber keineswegs seine Absicht, jemanden zu verletzen.

Der Spieler wird in dem interaktiven Geschehen an verschiedene innerdeutsche Grenzabschnitte im Jahr 1976 versetzt. Schießen oder verhaften, flüchten oder sich ergeben, töten oder im Todesstreifen getötet werden – das makabre und zynische „Spiel“ versucht angeblich, die damalige Situation und geschichtliche Wirklichkeit widerzuspiegeln.

Dagegen sagte die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) in Berlin, das Spiel sei „ein Beitrag zur Enthemmung und Brutalisierung der Gesellschaft“ und bediene niederste Instinkte. In einem Protestschreiben habe man sich daher an den Rektor der Hochschule, Peter Sloterdijk, gewandt. Karl Hafen, Geschäftsführender Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt/Main, schrieb an Sloterdijk sowie an den Spiele-Entwickler Stober, die Realität lasse sich nicht durch ein Spiel darstellen, „nicht das Erleben und den Schmerz der Opfer, nicht die Ungewissheit und die Sorgen der Angehörigen. In der Realität wurden die Täter nicht wirklich zur Rechenschaft gezogen, aber die Opfer bleiben Opfer. Mit einem Spiel kann man keine Aufarbeitung dieser Geschehnisse anregen, aber man kann neue Wunden aufreißen und man kann nicht gewollte Lüste und niedere Instinkte wecken.“

Empörung auch bei Politikern: Markus Meckel (SPD), ehemals Mitglied der DDR-Opposition, findet die Idee „makaber und skandalös“. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis kritisiert, dass die Dramatik der Todeszone in dem Spiel verniedlicht werde. „Im Grunde ist und bleibt es ein Killerspiel“, meint Geis. Der kultur- und medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen und der Obmann der Arbeitsgruppe Kultur und Medien, Marco Wanderwitz, sprechen vom „Fallen jeglichen moralischen Tabus.“ Auch Historiker sind entsetzt: „Es ist im Grunde ein Abknallen – so wie wenn man auf Hasen schießt“, sagt Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer. Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, hat inzwischen Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft Berlin soll prüfen, ob das Spiel des Studenten Gewalt verherrlicht oder verharmlost. Und Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) fordert von der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe eine Stellungnahme. „Hochschulen sind nicht der geeignete Ort, um Killerspiele zu entwickeln. Es ist nicht akzeptabel, wenn dem Leid der Maueropfer nicht Rechnung getragen wird.“