„Ave Maria“ für den Religionsunterricht

Leicht ist es nicht, an der Schule das Fach katholische Religion zu unterrichten, aber es ist dringend erforderlich. Für die Schüler und um den umfassenden Bildungsauftrag zu erfüllen. Trotz aller Widerstände. Ein langjähriger Religionslehrer schaut zurück mit Realismus und Hoffnung. Von Jakob Knab

Schule und Religion – kein Widerspruch, sondern die ideale Kombination zur ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung. Foto: dpa
Schule und Religion – kein Widerspruch, sondern die ideale Kombination zur ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung. Foto: dpa

Es gibt nun einmal die Sehnsucht nach vollendeter Gerechtigkeit. (…) Religion ist die Hoffnung, dass es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge. Diese Sehnsucht gehört zum wirklich denkenden Menschen.“ Manchmal kommen die besten Argumente für den Religionsunterricht aus einer Richtung, aus der man sie nicht erwartet. Max Horkheimer, Vordenker der „Kritischen Theorie“, formulierte diese Einsicht zu Beginn der 1970er Jahre, und so wie sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und Vorstellungen ändern, wurde in den vergangenen Jahrzehnten die Existenzberechtigung des Religionsunterrichts immer wieder in Frage gestellt.

Indes: Der ausschlaggebende Grund für den Religionsunterricht kann freilich nur sein, die Sinn- und Existenzfragen wachzuhalten sowie ein Grundvertrauen in die Wirklichkeit zu fördern. Denn Religion ist der entscheidende Antrieb in der Kulturentwicklung des Menschen. Die religiösen Wurzeln reichen dann tief, wenn der Mensch den Sinn des Daseins ergründet, über ein blindes Schicksal nachsinnt, sich an das Geheimnisvolle annähert. In Bert Brechts frühem Tagebuch findet sich eine Eintragung aus dem Jahr 1921, die man von ihm kaum erwartet hätte: „Wo es kein Geheimnis gibt, gibt es keine Wahrheit.“ Raum für das Geheimnis schaffen – das sollte auch in der Schule möglich sein.

Doch der Religionsunterricht heute ist eingekeilt zwischen unterschiedlichen Zugängen und Sichtweisen von Welt, Mensch und Geschichte. Einerseits ist die Dominanz der Naturwissenschaften fast übermächtig, auf der anderen Seite muss die Kirche – in der Schule und im allgemeinen Unterricht – oft als Sündenbock herhalten. Das hat Folgen für das Fach Religion. Katholische Religionslehrer stehen nicht selten unter Ideologieverdacht.

Ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung: Es war in den frühen 80er Jahren, als in einer 10. Klasse der Themenbereich „Kirche im Dritten Reich“ behandelt wurde. Im Verlauf des Unterrichts spürte man ein allgemeines Unbehagen. Auf die Frage nach den Ursachen dieser Missstimmung gab eine pfiffige Schülerin zur Antwort: „Unser Geschichtslehrer sieht diese Dinge ganz anders.“ Nämlich: „Der Geschichtslehrer sagt: Die katholische Kirche hat im Dritten Reich völlig versagt!“ Und als wäre eine solche pauschale Anschuldigung angesichts all jener Priester, die im Dritten Reich für ihren Glauben und für ihre Kirche litten, nicht genug, zeigte der Deutschlehrer flugs Solidarität mit seinem Historikerkollegen, indem er als Klassenlektüre Hochhuths „Stellvertreter“ ansetzte. Der unbotmäßige Religionsunterricht sollte dadurch in die Schranken verwiesen werden. Derartige Kämpfe an der geschichtspolitischen Front des Klassenzimmers – welcher Religionslehrer kennt sie nicht?

Dabei kann gerade der Religionsunterricht das geistige Profil der Schüler (und kirchenfeindlichen Lehrerkollegen) schärfen und persönliche Standpunkte, die dem Unterricht doch erst Leben einhauchen, erkennbar machen. Wenn getaufte und gefirmte Schüler nicht mehr um die eigene Identität wissen, werden sie die Achtung als Dialogpartner verlieren. Wer nirgendwo steht, wird uninteressant. Wer nichts an Reibungsfläche zu bieten hat, wird langweilig. Eine allgemeine Moral des kleinsten gemeinsamen Nenners, der die Religionen, Kulturen und Weltanschauungen verbindet, endet in der Gleichgültigkeit; denn Standpunkte bilden sich nicht im Niemandsland der Gleich-Gültigkeit, sondern in der Begegnung mit einer gelebten Überzeugung. Der Kitt aber, der Gemeinschaften zusammenhält, lässt sich aus einem Programm der Gleichgültigkeit nicht formen. So muss das hohe Bildungsziel „Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne“ steter Anspruch für den Religionsunterricht sein.

Dabei gilt es zu beachten: Die Herzmitte des Schullebens sind die Emotionen der Lehrkräfte sowie die Empfindungen der Schülerinnen und Schüler. Eine bewährte Leitlinie für den Unterricht lautet: DOCERE – MOVERE – DELECTARE (Lehren, bewegen, erfreuen). Lernfreude ist tatsächlich besser als Angst und Langeweile. Jeder Lehrer steht heute vor der Frage: Wie bleiben wir so lebendig, damit wir angesichts des um uns greifenden Anti-Humanismus nicht in Routine erstarren, in Zynismus verbittern oder in Schwermut versinken? Die Antwort ist klar: Soll die Rede von den alten humanistischen Bildungsidealen noch einen Sinn haben, dann ist es die Erkenntnis, dass der Mensch eben nur dann wirklich Mensch ist, Mensch wird, wenn er über eine Perspektive verfügt, die über die rein menschlichen Kräfte und Quellen hinausweist. Der weltimmanente Humanismus allein kann dem hohen Bildungsziel der „Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne“ nicht genügen. Denn der darin enthaltene Anspruch, die Welt, den Menschen und die Geschichte total erklären zu wollen, erweist sich schnell als maßlos und anmaßend. Der Religionsunterricht kann in einem solchen gesellschaftlichen Klima eine wertvolle regulative Kraft sein. Ein Kurs, der durch Wissen und Bildung zu Demut und Bescheidenheit anleitet.

So wie es der Apostel Paulus, den man als Abiturient kennen und gelesen haben sollte, schreibt: „Unser Erkennen ist Stückwerk.“ (1 Kor 13, 9) Alles, was uns begegnet, ist endlich und begrenzt, unvollkommen, unzulänglich und vergänglich. Auch die Vernunft! Diese Dialektik der Aufklärung den Schülern zu vermitteln, ist gerade in einer Demokratie, in der stets totalitäre Versuchungen durch Einseitigkeit drohen, notwendig. Guter Religionsunterricht zeigt nüchtern die Kehrseite des Fortschritts auf, zeigt, dass neue Computer und Tablets nicht das Glück auf Erden und innerhalb der Schullaufbahn bedeuten. Denn: Wenn instrumentelle Vernunft allein herrscht, dann wird der Mensch dem Menschen und den Maschinen ausgeliefert. Wenn man aufhört an Gott zu glauben, bleibt nichts anderes mehr übrig, als allein an den Menschen zu glauben. Dabei machen doch immer wieder Menschen (auch einzelne Schüler!) die überraschende und beglückende Entdeckung, dass der Glaube an den Menschen womöglich leichter fällt, wenn man den Umweg über Gott nimmt.

Doch woran soll sich der Religionslehrer, der oft wie ein Einzelkämpfer agiert, orientieren? Woran kann er sich festhalten bei der Unterrichtsvorbereitung und -durchführung? Hilfreich ist gewiss – neben DOCERE – MOVERE – DELECTARE – die Leitlinie „fides et ratio“; denn Glaube und Vernunft – so Johannes Paul II. – sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Es ist die Persönlichkeit des Lehrers, die den Schülern die Türen in die Welt des Geistes öffnet. Nachhaltiges Lernen heißt auch, nicht nur auf der Inhaltsebene, sondern auch auf der Beziehungsebene zu kommunizieren. Denn zum Menschsein gehören nicht nur die Vernunft, sondern auch Wollen und Fühlen, Phantasie und Gemüt, Emotionen und Passionen. Nicht nur Vertrauen und Vernunft, sondern auch geduldige Treue, Großzügigkeit, Humor und Toleranz, Verstehen und Verzeihen geben unserer Lebensgeschichte Gestalt.

Unser Leben wäre arm und bedeutungslos, kalt und ohne Perspektive, wenn es keine Emotionen gäbe. Sie sind der Kern dessen, was unser Leben lebens- und liebenswert macht. Freilich: Diese konservativen Ansichten („Prüfet aber alles, und das Gute behaltet!“, 1 Thess 5, 21) passen nicht mehr in die schöne neue Welt der „Implementierung von Kompetenzstrukturmodellen“. Vor Jahren schon war Auflehnung gegen einen konstruktivistischen Ansatz in der Religionspädagogik angesagt, als beispielsweise die heiligen Zeichen in der Liturgie zu nichtssagenden „Funktionselementen“ abgewertet wurden.

Wir stehen nun vor einer Schülergeneration, deren religiöse Ergriffenheit und Wahrnehmung dazu auch noch durch laute äußere Reize übertönt und verschüttet wird. Diesen jungen Menschen das Mysterium tremendum et fascinans zu vermitteln, ist vor diesem kulturindustriellen Hintergrund keine einfache Aufgabe. Allerdings darf man junge Menschen auch nicht auf den Status von eindimensionalen Spaßsuchern reduzieren. Es gibt immer noch den Idealismus der Jugend, man muss ihn nur zu wecken wissen. Und man muss den jungen Leuten mehr Zeit zum Lernen lassen.

Eine Folge der oben angesprochenen Reizüberflutung ist auch das „bulimische Lernen“. Mit diesem Begriff ist die schnelle Paukerei für das Kurzzeitgedächtnis gemeint. Die Schüler stopfen den Prüfungsstoff in sich hinein und würgen ihn bei der Prüfung wieder heraus. Ein Beispiel: Vor Jahren wurde ein Schüler in der mündlichen Abiturprüfung eher beiläufig gefragt: Was fällt Ihnen zu Paulus ein? Die zögerliche Antwort des Prüflings: „Da gibt es eine Geschichte bei Paulus. Wir haben sie im Unterricht insgesamt dreimal besprochen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, aber da geschieht etwas im Leben des Paulus.“ Da der Prüfling sich nicht mehr an Paulus auf dem Weg nach Damaskus erinnern konnte, musste man ihn an das Eingangsreferat erinnern, das er selbst gehalten hatte. Der Schüler reagierte darauf mit Schrecken: „Aber das war doch vor zehn Minuten! Das kann ich doch jetzt nicht mehr wissen!“

Es gibt aber immer wieder auch positive Erlebnisse für Religionslehrer, die bestätigen, dass das oft als stupide und unnötige Lernen von Fakten gar nicht zu verachten ist: Ein nicht gerade hochbegabter Schüler musste in der mündlichen Abiturprüfung unbedingt eine bestimmte Punktezahl erreichen. Doch während der Prüfung verdüsterte sich die Lage zunehmend.

In seiner Verzweiflung unterbrach er das Prüfungsgespräch, um den Prüfern mitzuteilen: „Ich hab' schon etwas gelernt. Darf ich mir dazu selber eine Frage stellen?“ Er durfte, und auf seine wohl überlegte Frage „Wer war der Hl. Athanasius?“ breitete der Schüler sein brav angelerntes dogmengeschichtliches Wissen aus: „Athanasius war der entscheidende Gegner von Arius. Schon als junger Diakon spielte Athanasius auf dem Konzil von Nikaia eine große Rolle. Dies ist sein bekanntester Satz: Gott wurde Mensch, auf dass wir vergöttlicht würden. Athanasisus starb im Jahr 373.“ Die Lage hellte sich wieder auf, und wer weiß: Vielleicht werden diese Fakten dem Schüler sein Leben lang eingedenk bleiben. Was ja nicht schlecht wäre.

Doch nicht nur Fakten zählen: Der Religionsunterricht darf auch der grundlegenden Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht ausweichen. Anfang und Ende, Urgrund und Urziel, Schöpfung und Erlösung sind die tragenden Säulen des christlichen Lehrgebäudes. Nicht der Zufall ist die Antwort auf unsere großen Sinnfragen. Die Lehre von der Evolution gehört in den Bereich der Biologie, aber auch diese Entwicklung hat einen Ursprung. Deshalb lautet die entscheidende Frage in der Debatte mit den dominierenden Naturwissenschaften: Woher kommt die Anfangssingularität? Denn diese Frage entzieht sich allen physikalischen Begriffen und Gesetzen.

Schon in der kürzesten Zeiteinheit nach dem Urknall gelten wohlbekannte Gesetze der Physik. Aber für die Zeit 0 und für die Ursache der geheimnisvollen Urexplosion ist der Physiker in einer unüberwindlichen Verlegenheit: Wie soll er erklären, dass in einer winzigen Einheit von unendlicher Dichte, Temperatur und Anfangsschwung das ganze Potenzial für hundert Milliarden Galaxien enthalten war? Die religiöse Antwort darauf lautet: Es gibt eine geistige Wirklichkeit jenseits von Raum und Zeit.

Etwas davon lässt sich im Unterricht auch vermitteln, wenn man Zeitzeugen einlädt, die Zeugnis davon geben, wie ihnen ihr Glaube in (zeitgeschichtlich) gefährlichen Situationen geholfen hat. Auch Ausflüge zu Gräbern und kunsthistorisch wertvollen Kirchen können jungen Menschen den Glauben und das Wissen darüber näherbringen.

Wenn man dann noch Priestern und Bischöfen begegnet, die keine Scheu haben, mit der Klasse zu beten – und sei es auch nur ein „Ave Maria“ oder den „Angelus“ – ist schon viel gewonnen und viel erreicht. Letztendlich hängt es wohl von jedem einzelnen Religionslehrer ab, welche und wieviele religiöse Impulse er setzen kann. Doch wenn auch nur ein Schüler durch den Unterricht den Weg zu Gott oder gar ins Seminar gefunden hat, dann hat es sich gelohnt. Gott macht keine Fehler.

Der Autor ist Studiendirektor a.D.

Er unterrichtete von 1979 bis 2015 die Fächer Katholische Religionslehre,

Latein und Englisch am Jakob-Brucker-Gymnasium in Kaufbeuren.