Autorenkino im Fernsehformat

Mehr als die Handlung steht die Milieubeschreibung im Mittelpunkt von „Nachtschicht – Wir sind die Polizei“

Im beim deutschen Zuschauer beliebtesten Fernsehgenre, dem Kriminal-Film, suchen die Programmverantwortlichen weiterhin nach neuen Formaten jenseits ausgetretener Pfade. Lars Beckers Polizei-Serie „Nachtschicht“ hebt sich wegen ihrer filmischen Qualität und ihres innovativen Ansatzes von gängigen Fernsehproduktionen deutlich ab. Bei einer Präsentation der Folge „Wir sind die Polizei“ am Mittwoch in Köln führte dazu ZDF-Redakteur Daniel Blum aus: „Das Besondere an der ,Nachtschicht‘ ist, dass wir sie im Durchschnitt nur einmal im Jahr produzieren und senden, gerade weil die jeweiligen Folgen Einzelstücke, Handarbeit sind. Jede Folge hat bei allen verbindenden Elementen eine eigene Tonart.“

Das Konzept der von Lars Becker entwickelten „Nachtschicht“-Reihe erläuterte der Autor und Regisseur selbst: „Bei der Vielzahl der Fernseh-Krimireihen legten wir Wert auf das Unterscheidbare. Wir wollten etwas wagen, was es in dem Spektrum von Krimis und Thrillern noch nicht gegeben hatte: Statt die konventionelle Ermittlungsarbeit das Milieu, in dem die Arbeit von diesen Polizisten stattfindet, in den Mittelpunkt zu stellen. Die Folge in einer Nacht anzusiedeln bedeutet aber auch, eine andere Erzählstruktur, einen anderen Erzählduktus zu finden.“

Die Konzentration auf die Milieubeschreibung bringt zwangsläufig eine Vielzahl an Parallelhandlungen mit sich. Der Fachkompetenz des Drehbuchautors und Regisseurs bleibt es überlassen, die verschiedenen Stränge glaubwürdig miteinander zu verknüpfen. Dieses etwas andere Konzept habe auch die bekannten Schauspieler Barbara Auer und Armin Rohde dazu bewogen, in „Nachtschicht“ die Hauptrollen zu übernehmen, so etwa Rohde: „Leben folgt keiner Logik. Dies versuchen wir in dieses Format hineinzutragen. In diesem Rahmen wird ein wenig die Verrücktheit des Lebens abgebildet. Das Kriminalgenre zeigt am deutlichsten Extremsituationen in den zwischenmenschlichen Beziehungen, sozusagen alles, was schiefgehen kann.“ Und Barbara Auer: „Die Serie zeigt die unterschiedlichen sozialen Schichten, sie überhöht sie aber gleichzeitig. Darüber hinaus gefällt es mir, dass hier keine scharfe Schwarz-Weiß-Unterscheidung gemacht wird: Die Menschen in der ,Nachtschicht‘ sind immer ein bisschen grau. Diese Schattierungen machen das Ganze aber spannend.“

In der am Montag gezeigten siebten „Nachtschicht“-Folge „Wir sind die Polizei“ müssen sich die Kommissare Erichsen (Armin Rohde), Lisa Brenner (Barbara Auer) und Mimi Hu (Minh-Khai Phan-Thi) sowie der neue Polizeichef (Peter Kremer) mit drei Handlungssträngen auseinandersetzen: Ein Raub mit Geiselnahme in einem renommierten Hamburger Juweliergeschäft, bei dem zwei als Frauen verkleidete Männer (Roeland Wiesnekker und Oliver Stokowski) Juwelen im Wert von 25 Millionen Euro erbeuten, sowie zwei Kleinkriminelle (Florian David Fitz und Ralph Herforth), die ein gestohlenes Auto in einen Streifenwagen verwandeln, um als Polizisten verkleidet mit erhöhter Geschwindigkeit fahrende Autos anzuhalten und „Bußgelder“ bar zu kassieren.

Die dritte Parallelhandlung gehört in die Kategorie „häusliche Gewalt“: In einem Sozialwohnungsbau macht die kleine Jennifer Kommissarin Lisa Brenner darauf aufmerksam, dass ihre Mutter Paloma (Cosma Shiva Hagen) von deren Ex-Mann geschlagen wurde. Allerdings möchte Paloma keine Anzeige erstatten, denn sie leben eigentlich schon lange getrennt. Er sei heute nur zufällig da gewesen. Beim Hinausgehen macht Jennifer eine Bemerkung, auf die sich Erichsen und Brenner jedoch keinen Reim machen können: Ihr Vater habe eine Frauenperücke dabei gehabt, als er aus dem Hause gegangen sei.

Lars Becker inszeniert seine Milieuschilderung mit größter Stilsicherheit. Als sein Vorbild nennt Becker den so genannten „Film noir“: „Der ,Film noir‘ von Jean-Pierre Melville und Jacques Becker hat eine sehr stabile Struktur. Auch das politische italienische Kino von Francesco Rossi und Damiano Damiani hat mich beeinflusst.“ Auch in visueller Hinsicht erinnern die Hell-Dunkel-Kontraste des Kameramanns Ngo the Chau an die Konventionen dieses Genres.

Gehört der „Neo-Noir-Thriller“ insbesondere in den Vereinigten Staaten und in Frankreich zu den festen Kinogenres, so ist er in Deutschland so gut wie ausschließlich im Fernsehen beheimatet. Mit „Nachtschicht“ stellt Lars Becker unter Beweis, dass ein 90-minütiger Fernsehfilm hinsichtlich Drehbuch, Inszenierung und Dramaturgie den Ansprüchen eines Kinofilmes genügen kann. „Nachtschicht“ ist fürs Fernsehen entwickeltes Autorenkino.

Von Lars Becker wollten wir zum Schluss wissen, ob er das Genre in Richtung Unkonventionalität so weit ausweiten könnte, dass in einem Kriminalfilm die Verbrecher nicht gefasst werden. Becker: „Bei ,Nachtschicht‘ kann ich es mir schon vorstellen. Müssen deutsche Krimis immer mit der Aufklärung eines Verbrechens enden? Wir haben schon häufig darüber diskutiert. Ich meine, dass wir ein Ende offen lassen könnten, dass die Aufklärung nicht dramaturgisch notwendig ist.“