Aus der Einsamkeit ausbrechen

Liebesfilm als Komödie: „Die anonymen Romantiker“ von Jean-Pierre Améris und als Drama: „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Saverio Constanzo Von José García

Zwei hochsensible Menschen begegnen einander: Angélique (Isabelle Carré) und Jean-René (Benoît Poelvoorde) fühlen sich zueinander hingezogen. Aber ihre Überempfindlichkeit macht es ihnen nicht gerade einfach, ihre Gefühle auszudrücken. Foto: Delphi
Zwei hochsensible Menschen begegnen einander: Angélique (Isabelle Carré) und Jean-René (Benoît Poelvoorde) fühlen sich z... Foto: Delphi

Liebesfilme über eigenwillige Einzelgänger haben zurzeit im Kino Konjunktur: Eine Woche nach „Angele und Tony“ (DT vom 6. August) startet ein Spielfilm, der die Verschrobenheit bereits im Titel trägt: „Die Anonymen Romantiker“ („Les Émotifs Anonymes“) handelt von der wunderbar schüchternen Angélique Delange (Isabelle Carré), die bei den Treffen der titelgebenden Selbsthilfegruppe ihre Überempfindlichkeit in den Griff zu bekommen hofft. Denn diese Hochsensibilität, die sie einfach in Ohnmacht fallen lässt, wenn sie über sich sprechen soll, steht Angélique insbesondere bei ihrer Arbeitsuche im Wege. Bislang konnte sich die junge Frau auch bei der Arbeit in die Anonymität flüchten: Sie kreierte sieben Jahre lang köstliche Pralinés für den Schokoladenfabrikanten Mercier, der Angéliques Köstlichkeiten als Arbeiten eines Eremiten ausgab. Nach dem Tod von Monsieur Mercier muss sie aber eine neue Stelle suchen, und der Zufall führt sie zur Schokoladenmanufaktur von Jean-René Van Den Hugde (Benoît Poelvoorde), nicht ahnend, dass die Firma fast pleite ist und dass ihr zukünftiger Chef ähnlich leidet wie sie.

Jean-René wiederum versucht seine Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen mit Hilfe eines Therapeuten zu bekämpfen, der ihm am Ende einer jeden Sitzung eine Aufgabe stellt. So lädt der Chef seine Angestellte ins Restaurant zum Abendessen ein. Wegen der verschiedenen Ticks der beiden endet der Abend zwar in einem Fiasko, aber bei einer gemeinsamen Reise zu einer Süßwaren-Messe kommen sie sich endlich näher. Nur: Wie sollen sich zwei hochsensible Persönlichkeiten die gegenseitige Liebe erklären?

Das Drehbuch von Jean-Pierre Améris und Philippe Blasband setzt die Handlung über weite Strecken aus zwei Parallelsträngen zusammen, die vom schwungvollen Schnitt von Philippe Bourgueil und der wunderbar beschwingten Musik von Pierre Adenot miteinander verknüpft werden. Das mit der traumhaften Erzählweise korrespondierende, malerische Produktionsdesign verleiht dem Film darüber hinaus einen märchenhaften Charakter. Bei seiner Inszenierung vertraut Regisseur Améris insbesondere aber auf das zurückgenommene Spiel seiner Hauptdarsteller, die ihre Figuren nicht zu Karikaturen verkommen und über die vorhersehbare Handlung hinwegsehen lassen. Witzige Einfälle und gutes komödiantisches Timing runden eine zauberhaft romantische Komödie ab.

Von ähnlich abgeschotteten Menschen handelt ebenfalls Saverio Constanzos „Die Einsamkeit der Primzahlen“ („La Solitudine dei Numeri Primi“), aber die Klangfarbe seines auf dem gleichnamigen Roman von Paolo Giordano basierenden Films nimmt sich alles andere als märchenhaft aus. Denn „Die Einsamkeit der Primzahlen“, der seine Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Venedig 2010 feierte, handelt von den Wunden der Kindheit, vom Sichentfernen vom geliebten Menschen und von der Sehnsucht nach Nähe.

Als sich die Wege von Alice (Arianna Nastro) und Mattia (Vittorio Lomatire) in der Schule kreuzen, erkennen sie ihre Seelenverwandtschaft, die auf traumatische Ereignisse in ihrer Kindheit jeweils zurückgeht: Alice erlitt als Achtjährige einen Skiunfall, der bei ihr nicht nur ein lebenslanges Hinken und eine große Narbe hinterließ, weswegen sie in der Schule immer wieder gehänselt wird, sondern auch ihr Vertrauen zu ihrem Vater erschütterte. Mattia fühlt sich schuld am Verschwinden seiner autistischen Zwillingsschwester Michela, die er allein im Park zurückließ, um das Geburtstagsfest eines Freundes zu besuchen.

Seit einer Schulparty, zu der Alice Mattia mitbringt, verlieren sich die beiden nicht mehr aus den Augen. Jahre später, als Alice (nun von Alba Rohrwacher dargestellt) Fotografin geworden ist und Mattia (nun Luca Marinelli) studiert, sind sie zwar ein Paar geworden, bleiben aber für sich allein. Als Mattia sein Studium in Deutschland fortsetzt und Alice nach einer gescheiterten Ehe magersüchtig wird, schickt sie einen verzweifelten Hilferuf an Mattia, der sich im fernen Jena unverzüglich auf den Weg zu Alice macht.

„Die Einsamkeit der Primzahlen“ erzählt keineswegs chronologisch. Constanzos Film springt vielmehr zwischen vier Zeitebenen hin und her, was dem Zuschauer ein hohes Maß an Aufmerksamkeit abverlangt. Obwohl die unterschiedlichen Erzählstränge visuell durchaus miteinander verknüpft werden, wirkt der Film dadurch eher episodisch. Durch eine mit Hilfe der klaustrophobisch wirkenden Handkamera-Einstellungen erzeugte, bedrückende, teilweise surreale Atmosphäre gelingt es Regisseur Saverio Constanzo, das belastete Innenleben, die Zerrissenheit der Protagonisten in Szene zu setzen. Ohne auf ein unglaubwürdiges Happy End rekurrieren zu müssen, hinterlässt der Film den Zuschauer bei allem Seelenschmerz allerdings nicht ohne Hoffnung.

Als beeindruckend darf insbesondere die intensive Darstellung der Alice durch die sichtlich abgemagerte Alba Rohrwacher bezeichnet werden, die ihrer Figur auch mit ihren konzentrierten Blicken und Gesten höchste Authentizität verleiht.