Aus den Zeitschriften

„Embryonen können gar nichts machen (außer wachsen) und man kann mit ihnen auch nicht viel anstellen; abgesehen davon, dass man sie töten kann.“ Das schreibt Ralf Stoecker, Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Angewandte Ethik an der Universität Potsdam in der soeben erschienenen Ausgabe von „Information Philosophie“ (Heft 1/2011). Die Zeitschrift wird viel gelesen von Philosophiestudenten und Professoren. Bei einem Umfang von gut 160 Seiten enthält sie eine Fülle aktueller Beiträge, Buchbesprechungen und -Anzeigen sowie Veranstaltungshinweise. Ralf Stoecker schreibt diesmal den einleitenden Beitrag mit dem Titel „Die philosophischen Schwierigkeiten mit der Menschenwürde“.

Ob Stoecker die Tötung von Embryonen freigeben würde, sagt er nicht, aber seine Argumentation spricht dafür. Er schreibt grammatisch in der Vergangenheit über den moralischen Status der Embryonen, dieser Status sei nicht selten sogar explizit mit dem Status der geborenen Menschen gleichgesetzt worden. Und dass der Anspruch unantastbarer Menschenwürde „nur eine Bekräftigung eines vorstaatlichen und zugleich das Staatswesen verpflichtenden Anspruchs jedes Menschen“ auf Freiheit und Rücksichtnahme sei. Doch worauf dieser Anspruch gründe, bleibe offen.

Stoecker muss sich die Frage gefallen lassen, ob er vielleicht die Methode der Euthanasie ablehnt, wie sie in der Geschichte vorgekommen ist, nicht aber ihre Ziele. Warum legt er einen Schleier um die Gründe des Anspruchs auf Menschenwürde und macht sie, wie es im Mainstream der Gegenwartsphilosophie üblich ist, am Bewusstsein fest. Wichtig ist Stoecker das „Haben von Würde“, und deren Verletzung mache es einem Menschen schwer oder unmöglich, an seiner für ihn akzeptablen Würde festzuhalten. Und die Embryonen? In einem Kapitel zur Ethik Immanuel Kants sieht Stoecker das Problem, dass die Autonomie der Vernunft nicht gelte für „Kinder, geistig behinderte, komatöse, altersverwirrte Menschen“. Seit wann aber ist bei Kant die Autonomie durch den Körper oder die Psyche begrenzbar? Wer nach mangelnder Lektüre philosophischer Texte zu der Aussage kommt, es gebe „philosophische Schwierigkeiten mit der Menschenwürde“, hat selbst ein Problem. Und kann sich am Ende seines Textes selbst erfinden, indem er sagt, die Angewandte Ethik könne genau diese Behinderten zum Thema machen, die er zuvor als in der klassischen Philosophie für unberücksichtigt erklärte.

Bei soviel Subjektivismus kann es auch nicht mehr überraschen, dass Stoecker die christliche Begründung der Menschenwürde ablehnt, insbesondere die Gottesebenbildlichkeit und Gottesgeschöpflichkeit. Der Autor vertritt die abstruse Auffassung, schon wie bei Cicero gehe es hierbei um eine Anlehnung „an den Rang weltlicher Würdenträger“, und in der Patristik habe die Kirche die „stoische Redeweise“ übernommen und von einer von Gott verliehenen Würde gesprochen. Dieses Verständnis der Würde habe sich bis in die heutige Theologie fortgesetzt. Von einem Verständnis der Gottesebenbildlichkeit ist der Autor weit entfernt, es geht ihm ja auch nur darum zu zeigen, dass eine kirchliches Würdeverständnis der Moderne nicht mehr entspreche.

Es ist normal geworden, keine Kriterien mehr zu nennen und allenfalls zu sagen, es lohne sich, „sich diesen Fragen zu widmen“. Was aus solch laxen Empfehlungen wird, zeigt die augenblickliche Lebensrechtdebatte. Alexander Riebel