Aus den Zeitschriften

Die Gottesfrage ist im derzeitigen Streit um den richtigen Kurs der römisch-katholischen Kirche in Deutschland merkwürdigerweise ausgeblendet. Dabei ist doch gerade diese Frage, wie und ob ein als vom Menschen mit einem Du ansprechbarer Gott in der säkularen Gesellschaft gegenwärtig ist und bleibt, die entscheidende. Denn existiert für die Mehrheit der Menschen kein solcher personaler Gott, warum sollen sie sich für Kirche interessieren und was nützt dann die beste kirchliche Infrastruktur?

Möglicherweise rührt die Verunsicherung in der Gottesfrage, wie sie sich im Memorandum „Kirche 2011“ manifestiert, auch daher, dass die offizielle katholische Theologie in Deutschland sich kaum noch öffentlich wahrnehmbar um die Gottesfrage an sich kümmert und in die säkulare Gesellschaft trägt. In den öffentlichen und akademischen Debatten um den neuen Atheismus, das evolutionäre Menschenbild, die ökonomische Vernutzung des Lebens von seinem Anfang bis zu seinem Ende, die von den Geschäften mit PID über Globalisierungsprobleme und Welthandelsungerechtigkeiten bis zum Vermarkten von Menschen als Organspender, die zuvor den ärztlich assistierten Suizid gewählt hatten, reicht, sprechen Theologen die Gottesfrage nicht an, obwohl hier etwa das Verhältnis von Schöpfungstheologie und Bio- sowie Sozialethik eine Rolle spielt. Da, wo sich menschliche Überlebensfragen und die Gottesfrage berühren, erhalten suchende und zweifelnde Menschen keine Antwort. Vielleicht also muss (wieder) Rettung von der Philosophie kommen?

Insofern ist es gleichermaßen symptomatisch wie verdienstlich, dass das Philosophische Jahrbuch der katholischen Görres-Gesellschaft die von den Theologen vernachlässigte entscheidende Gottesfrage im zweiten Halbjahresband 2010 zu seinem Schwerpunktthema macht, das die Redaktion schlicht „Gott. Philosophische Perspektiven“ nennt. Verdienstlich ist der Band deshalb, weil er die denkerische Herausforderung der Frage nach Gott als aktuell zwiespältige offenlegt. Denn sie soll, so Matthias Lutz-Bachmann, einerseits „nicht die soziale, kulturelle oder politische Gestalt von Religion als einem Teilbereich menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Institutionen“ thematisieren – also Religionswissenschaft, Religionssoziologie oder Religionsphilosophie betreiben –, sondern fragen, was die Philosophie zur „Denkbarkeit“ Gottes systematisch beitragen kann. Was nach Lutz-Bachmann die Philosophie mit der systematischen Theologie verbindet.

Andererseits zeigen die Beiträge in dem Jahrbuch aber, wie schwer es heutzutage fällt, die Frage nach der „Denkbarkeit“ Gottes eben nicht zu vermengen mit empirischen und psychologischen. Höchst lesenswert und lehrreich sind dabei vor allem die Aufsätze von Thomas Rentsch „Aufklärung über Transzendenz – Anspruch der Philosophie“ und Thomas A. Schmidt „Absolutheit und Unbedingtheit. Idealistische und pragmatistische Strategien der Gottesrede“. Beide mühen sich eindrucksvoll, die Transzendenz Gottes herauszuarbeiten und festzuhalten, und gleichzeitig wollen sie den Anschluss an eine wissenschaftliche und philosophische Gegenwartskultur halten, die mit Transzendenz nichts anfangen kann. Ihr Dilemma besteht darin, dass sie, so Rentsch, alle empirischen, funktionalen, utilitaristischen, neurobiologischen und „sonst deterministischen“ Begründungen oder Widerlegungen der Transzendenz und damit des Begriffes von Gott vermeiden wollen, sich gleichzeitig aber auch nicht auf das Terrain der klassischen Metaphysik mit ihren Gottesbeweisen begeben wollen. Der Ausweg für beide Philosophen besteht in einer Neufassung der Bewusstseinsphilosophie und darin, Spuren der Transzendenz innerhalb der empirischen Welt – etwa in der Sprache – gleichsam als einen Spalt offenzuhalten, durch den auf einen transzendenten Gott geschaut werden kann. Die Theologen sollten jetzt den Spalt noch ein bisschen kräftiger öffnen, damit jeder hineinsehen kann. Johannes Seibel