Aufruhr gegen Gott mit der Zivilreligion

Der Leibhaftige wirft einen langen Schatten voraus: Wie der Antichrist wurde, was er ist

Gerne wird er verwechselt mit dem, dem er dient und dessen Werk er in den Tagen der Endzeit tun wird; wie seinem mächtigen Herrn ist es ihm recht, wenn seine Existenz bestritten oder jedenfalls missdeutet wird – die Rede ist vom Antichrist. Von ihm berichten zuerst die beiden Johannes-Briefe und besonders die Offenbarung des Johannes, auch der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) widmet ihm einen Absatz. Besonders präsent ist er im Bewusstsein vieler evangelikal orientierter Christen, aber auch bei zahlreichen Anhängern einer esoterischen Weltsicht. Nicht nur der Regisseur Lars von Trier kennt ihn, ein Blick ins Internet belegt, wie springlebendig dieser böse Geist ist.

Nur die theologische Wissenschaft der letzten Jahrzehnte hält nicht allzu viel von ihm, wobei zuzugeben ist, dass ihm das Lehramt der Kirche niemals eine selbstständige Stellungnahme gewidmet hat. Überhaupt sind Teufel und Antichrist seit den Zeiten der Aufklärung ziemlich heruntergekommen, unter „vernünftig“ denkenden Menschen wird man nur peinliches Aufsehen erregen, wenn man ernsthaft über den Bösen und seine Helfershelfer zu diskutieren beabsichtigt und dabei deren Existenz voraussetzt.

Einen Versuch, das zu ändern, unternimmt der Südtiroler, in München als Pfarrer wirkende Theologe Friedrich Oberkofler, der dem Antichristen ein Buch gewidmet hat, von dem bereits vorweg gesagt werden kann, dass es sensationslüsterne Panikmache vermeidet und seriöse Sachinformation aus der Sicht des Seelsorgers bereitstellt. Dabei müsste es doch eigentlich auch dem Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts nicht so schwer fallen, nach einem eingehenden Blick in Geschichte und Gazetten festzustellen: DAS Böse lebt! Genau da ist der Leibhaftige im Ruß verborgen, denn DEN Bösen darf es nicht geben. Nicht mehr, wie seit Herbert Haag und seinem Buch „Abschied vom Teufel“ festzustehen scheint, der den Satan nur noch als Synonym für die Sünde zulässt. Genau dort, an der nicht nur bei Haag festzustellenden informellen Theologen-Verschwörung zum Schweigen, setzt Oberkofler ein, will das hochproblematische Umschmücken und Umdeuten der „Letzten Dinge“ aufbrechen und zurechtrücken. Himmel, Hölle, Fegefeuer, Antichrist, Satan, Wiederkommen Christi und Letztes Gericht – all' diese biblisch so gut belegten Realia lösten bei vielen Theologen der Nach-Konzils-Zeit ein merkwürdiges gewundenes Umschreiben aus, weil sich viele der traditionellen Inhalte nicht mehr mit einem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild zu vertragen schienen – wie man annahm. Doch stehen Bibel und Glaubenstradition der Kirche gegen ein solches Denken. Oberkofler gibt zu bedenken, was dabei verloren zu gehen droht: „Zum Wesen der Kirche gehören das Wachen in der Nacht auf den Tag Christi und ihr Pilgern der Wiederkunft des Herrn entgegen. Die (...) Schwäche der Kirche und insbesondere ihrer Pastoral bei uns ist auch dadurch verursacht, dass der Spannungsbogen der Wechselwirkung ihres Einsatzes in der Welt und ihrem Ausschauhalten auf das Wiederkommen Christi weitgehend abhandengekommen ist. Das Selbstverständnis des kirchlichen Weltauftrags beschränkt sich oft einseitig auf das zeitliche ,Wohlsein‘ des Menschen. Dagegen findet die gebotene eschatologische Ausrichtung ihres Denkens und Handels kaum Erwähnung.“ Joseph Ratzinger – auch darauf macht der Autor mit verschiedenen Zitaten aufmerksam – hat schon vor Jahrzehnten vor den Folgen der Vernachlässigung der Parusie Christi gewarnt, wenn er darauf hinweist, dass das Neue Testament nicht in erster Linie Bericht von Vergangenem ist, sondern „ein Buch der Hoffnung, und die Religion, die es verkündet, ist eine Religion der Hoffnung, die nach vorwärts blickt, dem Zukünftigen entgegen, dem Ende, das der wahre Anfang ist“.

Diesem Ende allerdings geht die Endzeit voraus und in sie hinein gehört das Wirken des Antichristen. Er ist vom Satan, dessen Vorgänger und Helfer er ist, zu unterscheiden. Dessen Herkunft als gefallener Engel und seine grundsätzliche Abkehr von Gott zwingt ihn zum äonen-währenden Kampf gegen den Allerhöchsten. „Der Höhepunkt dieses erbitterten ,Machtkampfes‘ gegen Gott, Christus und seine Kirche“, so der Verfasser, „wird sich im Kommen des Antichristen ereignen.“ Für die Schrift, die diesen im Alten und im Neuen Testament bezeugt, und für die Kirchenväter ist er eine konkrete Person – was übrigens der KKK offenlässt – und nicht nur eine Bewegung oder Ideologie: „Er wird vom Satan geleitet und mit dessen Kraft ausgestattet sein“, schreibt Oberkofler, „er wird die Menschen beherrschen und verführen, von Gott abzufallen. Er wird eine menschliche Ordnung aufbauen, aus der Gott und sein Anspruch ausgeschlossen sein werden. Er wird sich selbst an die Stelle Gottes und Christi setzen und die Kirche verfolgen. Er wird die Maske des guten Menschenfreundes tragen.“

Eine verführerische Erscheinung also – dass viele theologische Autoren und auch Schriftsteller sich mit dieser verdrehten Johannes-Figur beschäftigt haben, kann nicht verwundern. Oberkofler hat die Literatur dazu studiert, besonders mit Henry Newmans und R. Raffalts Schriften zum Antichristen. Vorläufer und Anreger dieser Schriften ist Wladimir Solowjews „Kurze Erzählung vom Antichristen“ von 1890, die gerade erst die Vorlage für das apokalyptische Märchen „Winterreise“ des belgischen Bischofs Léonard lieferte. Auch der Roman des Briten Robert H. Benson „Der Herr der Welt“ nimmt das Thema auf und lässt den Antichristen zum Stifter einer zivilen und gottfeindlichen Menschheitsreligion werden. Für Nietzsche, der ihm ein Werk widmete, war er identisch mit dem Übermenschen, der gegen Christus auftritt. Werfel, Reinhold Schneider und Joseph Roth haben sich mit ihm auseinandergesetzt. Oberkopfler unterschlägt auch nicht, dass sich die Gestalt eines Widersachers und Aufrührers gegen Gott außerhalb des Christentums in vielen weiteren Religionen findet.

Im Kern kann sein Wirken an vier Merkmalen erkannt werden: Die Ablehnung der Menschwerdung Christi und seiner göttlichen Sendung, verbunden mit einer Imitation des messianischen Auftrages Christi. Sodann die Gotteslästerung und -leugnung, die damit endet, dass sich der falsche Menschensohn an die Stelle Gottes setzt (vgl. 2 Thess 2.4). Es folgt die Einführung einer rein weltlichen Zivilreligion, die den Zustand irdischer Vollkommenheit und einer Selbstanbetung des Menschen anstrebt. Schließlich die gewaltsame Durchsetzung dieser neuen Religion und des Kultes um die Person des Antichristen. Wer sich dem widersetzt, wird vernichtet (vgl. Off 13.1ff).

Ohne dabei polemisch zu werden, weist Friedrich Oberkofler akribisch und vollständig nach, wo Spuren dieses antichristlichen Wirkens und Werdens in unserer Zeit aufzufinden sind. Sie gibt es und man muss kein nervöser Weltuntergangsprophet sein, um sie zu entdecken. So begrüßte die „Süddeutsche Zeitung“ die Papstkritik der Kanzlerin im letzten Jahr mit den Worten: „Dies ist keine Einmischung in die Angelegenheiten der katholischen Kirche, sondern die Antwort darauf, dass der Papst gegen die Religion verstoßen hat, nämlich gegen die Zivilreligion, die in diesem Land gilt.“

Hilfe gegen den Glaubensabfall

Hier gewinnt das Buch eine unheimliche Aktualität, mit der Aussicht verbunden, dass die beschriebenen Entwicklungen vom Glaubensabfall über die mit dem Anspruch einer Religion auftretende Political Correctness, die sich im Namen der Toleranz absolut intolerant gebärdet, bis hin zu den Ersatzreligionen Konsumismus, Körperkult et cetera scheinbar ungebremst weitergehen. Schlimmer noch – da nimmt der Autor seine Eingangsbemerkungen wieder auf – in die Kirche selber scheinen zumindest Schatten antichristlichen Wirkens zu fallen. Wieder erwies sich der jetzige Papst als Prophet, als er bereits 1958 schrieb: „Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist davon bestimmt, dass sie auf ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird – nicht mehr wie einst Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden.“

Über die Hilfsmittel, die das schlussendlich notwendige Erscheinen des Antichristen, das ja nach der Geheimen Offenbarung dem Kommen des Weltenrichters und der Vollendung des Erlösungswerkes vorangehen muss, immerhin aufzuschieben vermögen, lässt uns Friedrich Oberkofler nicht im Unklaren. Die Kirche muss zum einen, so Oberkofler, das Wachsein als Weg der Nachfolge Christi kultivieren oder überhaupt wieder neu erlernen. Sie muss sich ganz notwendig wieder ihrer Funktion als Gedächtnis Gottes in der Welt bewusst werden. Am besten tut sie dies durch eine Wiederbelebung ihres sakramentalen Lebens und in besonderer Weise durch die eucharistische Anbetung: „Die eucharistische Anbetung bekundet den Glauben an die geheimnisvolle, verborgene und mächtige Gegenwart Christi in seiner Welt. Er ist hier verwurzelt bis zum letzten Tag dieser Welt. Er denkt nicht daran, sich abdrängen zu lassen.“ Der notwendige, notwendende Schlussakkord zu einem wichtigen Buch.