Auferstehung Jesu: Sehen, staunen, glauben

Von Beginn an hat die Auferstehung Jesu auch Widerspruch ausgelöst. Doch wer sich auf das Wunder künstlerisch einlässt, kann viel Gutes, Wahres und Schönes vermitteln. Von Ingo Langner

An der Auferstehung scheiden sich die Geister. Von Anfang an. Ist Christus wahrhaft auferstanden oder nicht? Das ist die Frage, die den Glauben vom Unglauben trennt. Das ist die Scheidelinie bis heute und wird es bleiben bis zum Jüngsten Tag. Selbst seine Jünger glaubten zunächst nicht auf die Auferstehung ihr Herrn und Meisters. Der Evangelist Lukas erzählt, dass Maria Magdalena, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus und noch andere Frauen das Grab Jesu leer vorgefunden hatten und von „zwei Männern in leuchtenden Gewändern“ den Grund erfuhren: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten. Er ist nicht hier, sondern auferstanden. Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war. Der Menschensohn muss den Sündern ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.“ Die Frauen kehrten heim und „erzählten es den Aposteln. Doch die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.“ Erst als der Auferstandene mehrfach seinen Jüngern erschienen war, ihnen seine Wundmale vorwies, mit ihnen aß und trank, glaubten sie.

Nach dreihundert Jahren Verfolgung bis aufs Blut hatte die um die Reinheit ihres Glaubens willen sogar zum Martyrium bereite Christenheit über die heidnischen Gottheiten des Römischen Reiches gesiegt, und die Lehre Christi konnte für mehr als tausend Jahre zum Alpha und Omega Europas werden. Zum sichtbaren Zeichen dessen sind Dome und Kathedralen gebaut geworden. Dort versammelten sich die Christen, um die heilige Eucharistie zu feiern, bei der das Geheimnis des Glaubens, die Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi, durch die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi vergegenwärtigt wird.

Wie der Auferstehung, ist auch der Eucharistie von Anfang an widersprochen worden. Das ist nicht nur in bis heute andauernden theologischen Debatten nachzulesen, sondern auch in der Kunst, die vom Altertum an, über das Mittelalter und die Renaissance bis in die Gegenwart, zum Spiegel des Glaubens geworden ist. Aber auch zum Widerschein des Unglaubens, zu dem seit jeher der vom Erzengel Michael aus dem Himmel in die Hölle gestoßene einstige Lichtträger Luzifer anstiftet.

Bonaventura, der große Theologe im hochgotischen Paris, sagte gelegentlich, die künstlerische Darstellung des Teufels sei umso vollendeter, je scheußlicher sie ihn zeige. Bekanntlich ist es gerade das Hochmittelalter gewesen, das nicht allein Satan und den Höllenrachen eindringlich dargestellt hat, sondern damit begann, das Naturstudium in den Künsten zu betreiben. Nach Bernhard von Clairvaux liegt die religiöse Wurzel dieses Naturstudiums in der urchristlichen Fähigkeit des Mitleidens. Bildlich gestaltet wird dieses Mitleiden in den hochmittelalterlichen plastischen Werken innerhalb und außerhalb der gotischen Kathedralen. Man zeigt es dort in den Verdammten des Jüngsten Gerichts, in den allgegenwärtigen Passionsgeschichten, also dem Leiden Christi und dem Mitleiden der Seinen, besonders der Muttergottes. Am Straßburger Münster mit der Figur der Synagoge, und am Naumburger Lettner in den Gestalten des Judas und des Petrus.

Der zweite dazugehörige Aspekt ist die Bedeutung des Sichtbaren schließlich sogar für das religiöse Erlebnis. Otto von Simson, er war ein profunder Kenner der Ikonologie, beschreibt das so: „Die heilbringende Schau ist zunächst ein religionsgeschichtliches Phänomen: die Erhebung der Hostie, die Aussetzung der Reliquien, die Entstehung des Andachtsbildes bezeichnen die wachsende Bedeutung der ‚Schau‘ für das religiöse Leben – und damit für die Kunst – seit dem 12. Jahrhundert. Wesentlich ist, dass in den künstlerisch bedeutendsten Schöpfungen des Hochmittelalters als Wesensmerkmal die Schönheit zur Darstellung kommt.“

Das Gehäuse für die schöne schmückende Kunst des Hochmittelalters ist die gotische Architektur. Während in den zeitlich vorher erbauten romanischen Kirchen die Furcht der Menschen vor Gott, vor dem Heiligen generell zum Ausdruck kam, weil man sich in der Romanik das Heilige gewaltig, erhaben, schreckerregend dachte und es in spärlich erleuchteten dämmrigen Gewölben präsentierte, ist in der gotischen Kathedrale, in der die Materie wie gleichsam schwebend erscheint, die lichtvolle Geistigkeit daheim.

Im romanischen Frühmittelalter war die Majestas Domini das große Thema der Zeit und erfährt im Hohen Mittelalter und dort zunächst am Westportal der Kathedrale von Chartres eine, wie Otto von Simson sagt, „unvergessliche Umdeutung“. Christus selbst erscheint nun milde und menschlich. Er wird zum barmherzigen Erlöser. Bernhard von Clairvaux drückt den Wandel des religiösen Grundgefühls des hochmittelalterlichen Menschen mit dem einfachen Satz aus: „Amor vincet timorem“, die Liebe besiegt die Furcht.

Wie die Liebe die Furcht besiegt, wird überall in der Gotik sichtbar. Im Königsportal zu Chartres erglänzt im Bogenfeld über der Gestalt Christi eine geradezu leuchtende Stille. Die vorher in regloser Majestät dargestellte Mutter Gottes, die in ihrem Schoß allein den gottmenschlichen Welterlöser barg, zeigt dort jetzt ihr geliebtes Kind und wird menschlicher und inniger aufgefasst.

Im 1516 innerhalb von fünf Jahren für die Antoniter-Präzeptorei vom Bildschnitzer Niklaus von Hagenau und vom Maler Grünewald vollendeten und heute im elsässischen Colmar ansässigen Isenheimer Altar zeigt Grünewalds Jesus am Kreuz lebensecht jene schrecklichen Vergiftungsmerkmale, unter denen die von den Mönchen aufgenommenen und von ihnen gepflegten Schwerkranken litten. Grünewalds Gekreuzigter ist so für die Leidenden zum Mitleidenden geworden. Seine auf einem zweiten Wandelbild zusammen mit einem Engelskonzert und der Geburt des Gottessohnes in hell leuchtenden Farben gezeigte Auferstehung versinnbildlicht ihre Hoffnung auf ein besseres Los im himmlischen Paradies.

Während das Wahre, Gute und Schöne den Kontakt zum Schöpfergott sucht und sich aus echten metaphysischen Quellen speist, landet die Abkehr von diesem Dreiklang früher oder später beim Lob des Falschen, Bösen und Häßlichen. So gut wie jeder Abkehr entspringt jene Selbstermächtigungssucht, zu der schon das erste Menschenpaar von der teuflischen Schlange verführt worden ist. Dieser Sünde ist leider auch Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (1828-1910) erlegen. In seinem Roman „Auferstehung“ gibt er mittels der Liebe des Fürsten Nechlijudov zu der durch seine Schuld zur Prostituierten gewordenen Maslova darüber Auskunft, warum er, der orthodox erzogene Christ, Jesu Auferstehung für ein unglaubwürdiges Mirakel hält, an das er ebenso wenig glauben kann, wie an die neutestamentlichen Wundergeschichten. Für Tolstoi zählt demgegenüber nur seine eigene, entmythologisierte, existenzielle Auffassung, wonach sich „Auferstehung“ im Leben und nicht jenseits des Grabes vollziehen muss. Es liegt auf der Hand, dass der russische Schriftsteller damit zum Opfer der atheistischen marxistischen Ideologie geworden ist, der bekanntlich weltweit hundert Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind.

Einen gegensätzlichen Weg ist der amerikanische Schauspieler und Regisseur Mel Gibson gegangen. Wie man Mitte Februar Pressemeldungen entnehmen konnte, hat er seinem 2004 erschienenen Film „Die Passion Christi“ einen zweiten Teil hinzugefügt. Unter dem Titel „Die Passion Christi 2: Auferstehung“ soll er spätestens zum Osterfest 2020 in die Kinos kommen. Treffen die ersten Berichte zu, dann zeigt Gibson diesmal hauptsächlich die drei Tage nach dem Kreuzestod, die seine Jünger verwirrt und in trostloser Angst verlebten. Auch diesmal wird Jim Caviezel in der Rolle des Jesus zu sehen sein, und Maia Morgenstern wird wieder die Gottesmutter Maria verkörpern.

„Die Passion Christi“ hat mehr als 600 Millionen US-Dollar eingespielt und gilt als einer der erfolgreichsten religiösen Filme aller Zeiten. Naturgemäß ist der Film seinerzeit nicht nur auf große Zustimmung, sondern auch auf heftigen Widerspruch gestoßen – und das nicht nur bei notorischen Kirchenfeinden. Auch deutsche Bischöfe klagten über die gezeigten Grausamkeiten bei der Geißelung und der Hinrichtung. Man muss kein Hellseher sein, um vorauszusagen, Mel Gibsons Jesus-Film wird auch diesmal das Publikum spalten. Doch nichts anderes ist bereits im Lukas-Evangelium vom historischen Jesus prophezeit worden: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden.“