Würzburg

„Auf der Seite der Engel“

Mitte Januar starb Sir Roger Scruton – Die Zahl der Nachrufe reißt nicht ab. Wo stand der britische Philosoph bei religiösen Fragen?

Roger Scruton
Roger Scruton: Der vor kurzem verstorbene Philosoph hat das Christentum nicht „voll und ganz“ angenommen, war jedoch fasziniert vom Katholischen und verteidigte stets die Transzendenz. Foto: dpa

Fast ein Monat ist seit dem Tod von Sir Roger Scruton vergangen, doch die Trauer um den Verlust des britischen Philosophen und Kultur-Experten hält an. Für die „New York Times“ hat unlängst der amerikanische Jura-Professor Robert P. George von der Princeton Universität an den großen Denker und Ästheten erinnert, der sich „Stereotypen“ stets widersetzt habe, um sein „moralisches Feingefühl“ bewahren zu können. Ein Feingefühl, das aus Sicht Georges stark von Kant und Edmund Burke geprägt gewesen sei und in dessen Zentrum die Würde jedes Menschen gestanden habe. Weshalb man Sir Roger, bei aller Distanz, die er gegenüber einer Ideologie des Multikulturalismus besaß, auch keine Fremdenfeindlichkeit oder gar Rassismus unterstellen dürfe, wie es „ignorante Leute“ gemacht hätten. „Tatsächlich respektierte Roger andere Kulturen weitaus mehr als die meisten Progressiven meiner Bekannten. Er lernte Arabisch, um den Koran zu lesen, und er bewunderte die traditionsübergreifenden Beiträge der großen islamischen Philosophen des Mittelalters. Er unternahm sorgfältige, eingehende Studien über hinduistische und andere östliche Glaubenstraditionen, gerade auf der Suche nach der Weisheit, die er in ihnen sah.“

Auf die Rolle Kants für das Glaubenssystem Roger Scrutons geht auch der britische Religionsphilosoph James Orr in einem Beitrag für „The Critic“ ein. Den „Vorhang“, den der Königsberger zwischen der Welt der Erscheinungen und der Welt, wie sie an sich selbst existiert, sah, habe auch für Scruton eine Rolle gespielt, ist Orr überzeugt. Scruton konnte zwischen dem differenzieren, „was man wissen kann, und dem, was man nur glauben muss“. Weshalb Orr ihn – angelehnt an Kierkegaard – als „Bewunderer Christi“, aber nicht als „Anhänger“ desselben bezeichnet. Was angesichts des Respekts, der zu jeder Bewunderung gehört, eigentlich ein sehr schönes Bild ist.

Kein „voller“ Christ, aber ein Verfechter der Transzendenz

„Niemand könnte mehr als ein paar Seiten von Scrutons Werk lesen, ohne einen Blick auf seine tiefe Überzeugung zu werfen, dass hinter Kants Vorhang eine – wenn auch unbekannte – Wirklichkeit liegt, die alles davor mit einer Heiligkeit und Bedeutung bestrahlt, was uns die beste Musik und Kunst zu erkennen hilft.“ Orr weiter: „Wenn er das Christentum auch nie voll und ganz angenommen hat, so war Scruton doch weitaus schärfer in seiner Abneigung gegen die Ablehnung des religiösen Glaubens durch die Philosophie zugunsten des atheistischen Materialismus. Für ihn schloss der Materialismus die Möglichkeit aus, dass wir nicht in erster Linie von blinden mechanischen Kräften beseelte Objekte sind, sondern vielmehr Subjekte, die den Abdruck Gottes tragen, zumindest insofern wir freie und bewusste Personen sind, die für unsere Handlungen verantwortlich sind, die von ästhetischem Staunen ergriffen und mit dem moralischen Bewusstsein ausgestattet sind, Sünden gegen das Heilige und unser Bedürfnis nach Erlösung von ihnen zu erkennen.“ In dem Maße, in dem er sein ganzes Leben lang darauf bestanden habe, dass wir „als Personen immer unsere Materialität transzendieren und dass wir daher Wesen sind, für die der biologische Tod nicht das letzte Wort sein konnte, stand Scruton auf der Seite der Engel“, glaubt Orr.

Doch warum hat Scruton das Christentum nicht „voll und ganz“ angenommen? Waren es tatsächlich philosophische Argumente, die ihn fernhielten? Die Kantsche Vorliebe für Postulate, wenn es um die letzten Dinge geht (Gott, Freiheit, Unsterblichkeit)? Oder gab es vielleicht auch persönliche Gründe?

Besonders der Katholizismus hat auf Scruton, wie dieser im Jahr 2015 gegenüber dem „Catholic Herald“ bekannt hat, früh einen Reiz ausgeübt: „Ich bin immer von der katholischen Kirche angezogen worden, weil sie die Tradition respektiert, für die apostolische Kontinuität steht und versucht, das gewöhnliche Leben mit Sakramenten zu erfüllen.“ Dass die Kirche sich in den 1960er Jahren deutlich veränderte, wusste Roger Scruton aber auch.

Scruton spürte die Kraft des Katholizismus

Mindestens zwei Katholiken waren sehr einflussreich auf ihn und seine Sicht auf die katholische Kirche: ein hartgesottener britischer Geistlicher namens Alfred Gilbey, dem Scruton als junger Student in Cambridge begegnete, und eine fromme Polin namens Basia, der Scruton während seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Untergrund-Aktivist im kommunistischen Ostblock zu Beginn der 1980er Jahre über den Weg lief, wie er dem „Catholic Herald“ verriet. Die Kraft des Katholizismus – im Osten war sie für Scruton auch nach dem Konzil noch zu spüren: „Ich war in Polen, als Johannes Paul II. gewählt wurde. Ich habe den elektrischen Effekt gesehen. Jetzt gab es außerhalb des Landes eine andere Quelle der Autorität, die von der Kommunistischen Partei unabhängig war, aber dennoch internationales Ansehen hatte. Es hatte einen großen Einfluss auf die polnische Bevölkerung. Es gab eine Wiederbelebung des Glaubens, und das Martyrium von P. Jerzy Popieluszko war wahrscheinlich der Anfang vom Ende des Kommunismus.“ Den Anfang vom Ende seiner Konversion zur katholischen Kirche könnte die Scheidung Scrutons von seiner ersten, katholischen Frau, Danielle Laffitte, einer Französin, eingeleitet haben. Von 1972 bis 1979 waren sie verheiratet.

„Scruton war von der Dankbarkeit für das schiere
Geschenk des Daseins ergriffen, eine Dankbarkeit, die seiner
Meinung nach am besten auf Gott ausgerichtet war“
James Orr

So blieb ihm die Anglikanische Kirche, für die Scruton hin und wieder an der Orgel saß. Wissend, dass es sich um eine geistlich korrumpierte Organisation handelt, denn wie ihn Orr zitiert, „die Kirche [von England] ist nicht dazu da, den christlichen Glauben zu verbreiten, sondern um denen zu vergeben, die ihn ablehnen“. Auf seine transzendente Gestimmtheit hat dies aber wohl keinen großen Einfluss gehabt. „Scruton war von der Dankbarkeit für das schiere Geschenk des Daseins ergriffen, eine Dankbarkeit, die seiner Meinung nach am besten auf Gott ausgerichtet war“, hält James Orr fest. „Infolgedessen sah und beschrieb er viel klarer als alle seine Philosophenkollegen, dass der Glaube an die Realität einer postmortalen Existenz mit Gott nicht zu einer Reihe esoterischer Positionen gehört, die ungeschickt an alltägliche Überzeugungen angeheftet sind, sondern zu einer umfassenden Haltung gegenüber der Realität ...“.

Eine souveräne Haltung, von der so mancher Anhänger Christi lernen könnte – wie progressiv, neokonservativ oder traditionsbewusst auch immer.

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