Auch durch Tanzen und Dinieren wurde 1815 Bleibendes erreicht

Der Wiener Kongress besänftigte ein Jahrhundert lang die Kriegsgeister – Zwei hervorragende Bücher erklären die Ereignisse. Von Urs Buhlmann

Österreichs Staatskanzler Metternich. Foto: IN
Österreichs Staatskanzler Metternich. Foto: IN

Heute schmücken sich internationale Konferenzen mit dem Spitzentitel „Gipfel“, schwingen sich aber allenfalls in der Nutzung des Verbrauchsgut, von dem man sagt, dass es geduldig sei, zu Höchstleistungen auf. Es gab Zeiten, als die Zusammenkunft von Staatsmännern und Diplomaten eine ganze Weltstadt in freudige Erregung versetzte, als Flanieren, Dinieren und Quadrille-Tanzen die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln war, unbedingt als Arbeit zu betrachten und daher mit Können und Liebe zum Detail ins Werk gesetzt. Die Rede ist vom Wiener Kongress, dem als Lohn der Mühe eine Friedens- und Bündnisordnung gelang, die mehr oder weniger ein Jahrhundert lang die Ruhe im größten Teil Europas sicherte. Vom September 1814 bis zum Juni 1815 tagte man an der Donau; der zweihundertsten Wiederkehr des epochalen Ereignisses wird in zahlreichen Büchern und in Wien auch mit einer gekonnt gemachten Ausstellung gedacht.

Eine ausdrucksstarke Darstellung erfährt das Kongressgeschehen in der Monographie des ehemaligen Kulturjournalisten und habilitierten Historikers Eberhard Straub, der sich zudem nicht scheut, Nutzanwendungen für die Gegenwart zu ziehen. Straub macht keinen Hehl daraus, ein Bewunderer der maßgeblich von Österreichs Staatskanzler Metternich geleiteten Verhandlungen und ihrer Ergebnisse zu sein, aber er weiß es auch zu begründen: „Dem Wiener Friedenswerk gelang eine schöpferische Restauration, eine neue Ordnung Europas aus dem Geist der alten, vorrevolutionären Welt“. Sie löste sich erst im Ersten Weltkrieg auf, um seitdem nie wieder Gestalt anzunehmen. Ihre Hauptmerkmale waren Vertrauen in die eigene Staatsvernunft, die Meidung dessen, was Straub die „breiten, schwammigen Begriffe“ nennt – wie Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenrechte – sowie ein ausgeprägter Geist der Mäßigung, der wie selbstverständlich den großen Besiegten der Zeit, nämlich Frankreich, sofort wieder in das europäische Konzert einzubinden verstand. Um so bemerkenswerter, weil die Mäßigung bereits aus dem allgemeinen Wertekanon zu schwinden begann. Die Französische Revolution hatte den Begriff des „Todfeindes“, den es unbedingt zu bekämpfen galt, in die vergleichsweise gesittete Welt des Kabinettskrieges eingeführt. Im Inneren brachte man nun die Menschen maschinell mit der Guillotine um und dachte im Äußeren erstmals an den flächendeckenden Einsatz von Gas und Gift.

Prinzipien, die alle Staaten Europas einigen

Was waren nun, in der Sicht Straubs, die leitenden Prinzipien Metternichs, der der eigentliche Gastgeber der Monarchen- und Diplomaten-Versammlung in Wien war? Zunächst die schonende Behandlung Frankreichs, ohne das keine neue Friedensordnung in Europa Bestand haben konnte. Zu dieser Haltung vermochte der zum Österreicher gewordene Rheinländer Metternich auch den zunächst zögerlichen britischen Repräsentanten Castlereigh zu bekehren. Straub: „Metternich dachte an Europa als Ganzes, dem alle sich einfügen müssten, damit es wieder zu einer Ordnung fände, und das bedeutete für ihn, keinen zu diffamieren, unter Sonderrecht zu stellen oder moralisch zu verfolgen.“ Oberziel war die Sicherheit des Kontinents, die allen partikularen Bedürfnissen übergeordnet war. Angesichts der Tatsache, dass alle Alliierten – mit Ausnahme der Briten – zuvor mit Frankreich kollaboriert hatten, waren Sieger und Besiegte ohnehin untaugliche Begriffe. Auch hatten revolutionäre Ideale insofern Wirkung gehabt, als es in der Kongresszeit zum ersten Mal möglich wurde, dass – wie am 13. Oktober 1814 im Wiener Prater – Offiziere und Mannschaften miteinander an einer Tafel speisten, dass nun auch das „Du“ sich zu verbreiten begann, der vertrauliche Umgang, wenn auch zunächst auf die jeweilige soziale Gruppe beschränkt. Insofern hatte die kunstvolle Ordnung des Wiener Systems auch etwas von angewandter Soziologie, wie Straub festhält, weil allen Beteiligten klar geworden war, dass die Zeiten seit 1789 andere geworden waren. Dem entsprach auch, dass sich die bewahrenden Mächte bei aller Ablehnung des revolutionären Prinzips zukünftig eines Instrumentes bedienen wollten, das ganz und gar nicht dem althergebrachten Völkerrecht entsprach, dem der Intervention.

Straub arbeitet im zweiten Teil seines elegant und treffsicher geschriebenen Buches Nachwirkungen und Folgeentwicklungen des Wiener Systems heraus: Die Probleme bei der Einbindung Großbritanniens – den Briten hält er vor, handfeste Interessenpolitik stets moralisch zu überhöhen – und dann die nicht enden wollenden Querelen auf dem Balkan und im Orient, die die Welt bis heute beschäftigen. Hier wertet er den Beitrag und den Erfolg der Gleichgewichtspolitik wohl zu positiv. Auch wird Bismarck etwas zu sehr als Apostel der Mäßigung nach einem gewonnenem Krieg gefeiert, doch hat die Staatskunst des Preußen sich sicher am Studium der Wiener Ordnung genährt. Das große Vergnügen bei der Lektüre dieses Bandes liegt aber in der erfrischend „politisch inkorrekten“ Sicht auf das Geschehen, in der Skepsis gegenüber dem nationalen Selbstbestimmungsrecht und der heutigen Moralisierung der internationalen Beziehungen, die die Probleme, die sie lösen soll, zunächst einmal schaffen. Straub legt einen glänzenden Essay vor, der Europa dazu auffordert, sich der eigenen Stärken zu besinnen.

Anders, nämlich rein sachlich und informierend, dabei keineswegs langweilend präsentiert sich das Buch der jungen Historikerin Alexandra Bleyer über das „System Metternich“, das einen tiefen Einblick in Motive und Arbeitsweise des Staatskanzlers ermöglicht. Nüchtern konstatiert sie zunächst Ausgangssituation und Ergebnisse des Kongress-Geschehens, weiß aber durch viele eingestreute Zitate von Teilnehmern und Mitarbeitern den Gang der Ereignisse von verschiedenen Seiten zu beleuchten und aufzulockern.

Da erfährt man, wie primadonnenhaft beleidigt Metternichs engster Mitarbeiter Gentz, der offizieller Sekretär des Kongresses war, reagierte, wenn sein Herr und Meister ihn gelegentlich bewusst außen vorließ oder wie auf den preußischen Beobachter Varnhagen von Ense das Wiener Leben wirkte – die „heitere, auf derben Genuss gerichtete Sinnlichkeit, die stark ansprechende Scherz- und Lachlust, die vergnügte, von Wohlbehagen genährte Gutmüthigkeit, der schon halb italienische Müßiggang“. Dass dabei am Ende nicht gar so viel gearbeitet wurde, fiel schon den Zeitgenossen auf. Es war der alte Fürst de Ligne, der das bekannte Bonmot prägte: „Le Congres danse bien, mais il ne marche pas“ (Der Kongress tanzt, aber er marschiert nicht). Der Wiener Kongress, der als solcher, als Plenum aller beteiligter Mächte und ihrer Vertreter, übrigens nie zusammentrat, war auch die erste Zusammenkunft ihrer Art, die sich die Beurteilung ihrer Bestrebungen und Ergebnisse durch die öffentliche Meinung gefallen lassen musste. Was für Monarchen und Diplomaten nicht immer angenehm war: Der vom Wiener Publikum vergötterte Zar Alexander galt nach innen als „zweideutiger, schwacher, falscher Mensch“. Man mokierte sich über die Briten, die nur unvollkommen die Diplomaten-Sprache Französisch beherrschten und ohnehin seltsame Sitten pflegten. Überhaupt erwies sich der ständige Umgang mit den gekrönten Häuptern für diese nicht immer als vorteilhaft: Eine gewisse Gleichgültigkeit trat an die Stelle der Ehrfurcht und man verspottete bald Schwächen und Eigenheiten. Niemand beherrscht so gut wie die Wiener die Kunst, sich tief zu verbeugen und dabei seinem Gegenüber alles Schlechte zu wünschen. Sehr gut gelingt Bleyer die Schilderung der „Wiener Ordnung“, der Kongressdiplomatie, die 1815 verabredet worden war und die das Bild der kommenden zwei Jahrzehnte prägen sollte. Völkerbund und UNO waren noch nicht „erfunden“, aber die Grundannahme, es gäbe alle Staaten Europas einigende Prinzipien, die zugleich alle verpflichteten, führte dazu, dass es zwischen 1815 und der Julikrise 1914 zu keinem gesamteuropäischen Krieg kam. „In diesem Zeitraum fanden mindestens 43 förmlich protokollierte Kongresse und Konferenzserien statt, die sich zum Teil über Jahre erstreckten“ (Bleyer). Also eine Quasi-Internationale Organisation – jedenfalls war die Wiener Ordnung mehr als eine bloße Idee. Dafür hat sie zu viel erreicht.

Dieses Resümee lässt sich jedenfalls den Büchern von Straub und Bleyer entnehmen, die sich ergänzen: Zu der meinungsfreudigen, kräftige Akzente setzenden Darstellung von Straub – der übrigens nachdrücklich die Meinung vertritt, dass Russland niemals aus dem Konzert der Mächte ausgeschlossen werden dürfe – tritt Bleyers präzise, mit zeitgenössischen Quellen und einigen Karten angereicherte Untersuchung, die auch Erhellendes zur Rolle der Burschenschaft als einer der widerständigen Kräfte gegen das Wiener System beizutragen versteht. Dem Hauptakteur auf dem Wiener Parkett, Metternich, war, so behauptete er in seinen „Denkwürdigkeiten“, Beifall oder Protest eher gleichgültig: „Die Nachwelt wird mich beurteilen; das einzige Urteil, nach dem ich geize, das einzige, was mir nicht gleichgültig ist ..., und zugleich das einzige, das ich nie vernehmen werde“.

– Eberhard Straub: Der Wiener Kongress – Das große Fest und die Neuordnung Europas. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2014, 255 Seiten, ISBN 978-3- 608-94847-9, Euro 19,95

– Alexandra Bleyer: Das System Metternich – Die Neuordnung Europas nach Napoleon. Primus Verlag WBG, Darmstadt 2014, 158 Seiten, ISBN 978-3-86312-081-8, Euro 19,95