Auch Irrationales ist denkbar

Zeitungen vergleichen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit den heutigen Szenarien. Von Alexander Riebel

Die Ukraine ist schon jetzt ein Gebiet unendlichen Leidens – Sicherheitsexperten befürchten noch eine Eskalation. Das Bild zeigt Verletzte in einem Krankenhaus. Foto: dpa
Die Ukraine ist schon jetzt ein Gebiet unendlichen Leidens – Sicherheitsexperten befürchten noch eine Eskalation. Das Bi... Foto: dpa

Pünktlich zum Gedenktag an den Ersten Weltkrieg mehren sich in Zeitungen Vergleiche zwischen diesem und einem eventuellen Dritten Weltkrieg. Zu deutlich haben Historiker in den vergangenen Monaten das Bild vom Hineinschliddern in den Ersten Weltkrieg analysiert, allen voran Christopher Clarke, als dass nicht die Furcht vor einer Wiederholung aufkäme. Geschichte wiederholt sich, nicht nur durch das Aufschmieren des Buchstabens „N“ (Nazarener) an die Häuser von Christen im Irak, ähnlich dem Kennzeichnen jüdischer Geschäfte mit dem Judenstern im Nationalsozialismus. Dass jetzt Parallelen zu einem Eskalieren der Kämpfe um die Ukraine gezogen werden, scheint verständlich zu sein.

Deutsche Zeitungen bleiben beim sachlichen Informieren

So berichtete jetzt „Spiegel-Online“, dass renommierte Sicherheitspolitiker vor einem „Krieg aus Versehen“ warnen. Es handelt sich dabei um Sicherheitspolitiker des Londoner European Leadership Network, die erklärten: „Wir glauben, dass der Konflikt in der Ostukraine die Sicherheit von ganz Europa gefährdet... Die Führungen der Länder brauchen zudem mehr Entscheidungszeit, insbesondere vor dem Hintergrund, dass immer noch tausende Atomwaffen auf beiden Seiten in Alarmbereitschaft sind.“ Der Beitrag ergeht sich aber nicht in Spekulationen, sondern geht nicht über die Aussagen der Experten hinaus. Dabei erscheint es als besonders bedrohlich, dass berichtet wird, die Experten befürchten eine Zuspitzung der Krise ohne Vorwarnung. Dritte, wie kürzlich beim Abschuss des malaysischen Flugzeugs, könnten die Eskalation des Konflikts zwischen Russland und dem Westen befördern.

Auch der Russlandbeauftragte Gernot Erler (SPD) hält eine Eskalation des Ukraine-Krise für möglich, wie der „Spiegel“ berichtet. Für Erler sei es wichtig, dass „niemand als Verlierer vom Feld gehe“. Ein weiterer Beitrag des Magazins ist ein Interview mit dem früheren Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU), der ebenfalls eine Eskalation befürchtet und den Appell des Londoner European Leadership Network mitunterzeichnet hat. Auch er hält die „Gefahr eines Kriegs“ für gegeben: „Eine Provokation, eine Fehleinschätzung oder Fehlentscheidung können unabsehbare, womöglich unkontrollierbare militärische Folgen haben. Die Lage in der Region ist extrem instabil.“ Als Ausweg sieht er nur ein verbessertes Krisenmanagement sowie eine transeuropäische Zusammenarbeit, sowohl politisch wie militärisch.

Dass man nur in den Ersten Weltkrieg schlafwandlerisch hineingeschliddert sei, wie es der Historiker Christopher Clarke nahelegt, bezweifelt im Interview der „badischen Zeitung“ der Freiburger Historiker Jörn Leonhard, auch Autor des Buchs „Die Büchse der Pandora – Geschichte des Ersten Weltkriegs“ (C.H. Beck). Nach seiner Auffassung seien die damaligen Weltmächte gerade „übersensibilisiert“ gewesen durch eine „Vielzahl von Alarmsystemen – Nachrichtendienste, Botschafter, Militärexperten“. Dies wäre eher der heutigen Situation vergleichbar als ein schlafwandlerischer Umgang mit der Krise, wozu noch ein erhöhtes Wissen um die Bedeutung eines Weltkriegs hinzukomme, wie Leonhard gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärt hat. Auch vor dem Ersten Weltkrieg habe man geglaubt, in einer globalisierten Welt könne man sich einen Krieg nicht mehr leisten.

Während die deutschen Medien eher zurückhaltend mit Wertungen eines Vergleichs der Kriegsgefahren sind, ist das amerikanische Magazin „The Atlantic“ ganz offensiv. „Yes, it could happen again“ – Ja, es könnte wieder passieren, ist ein ausführlicher Beitrag überschrieben, der die „Instabilität in der Ukraine, das Chaos in Syrien, den Konflikt im ostchinesischen Meer als Auslöser für einen Dritten Weltkrieg“ befürchtet. Roger Cohen, der Autor des Artikels, spielt sogar genau mögliche Szenarien durch, ausgehend von den Kämpfen um die Ukraine, russische Cyberattacken auf Estland und einen Mordversuch an dessen Außenminister; und die japanischen Senkaku-Inseln sieht Cohen für ein mögliches Bündnis zwischen China und Russland gegen die westlich-pazifische Allianz. Anders als die deutschen Zeitungen, die die Rolle Deutschlands aus dem Spiel lassen, geht es Cohen explizit um die Aufgaben Amerikas in den Konflikten: „In diesem Kontext ist nichts gefährlicher als die Schwäche Amerikas.“ Er sieht die Stimmung der Nation nicht bloß als einen Reflex der ökonomischen Anstrengungen und der Kosten eines Kriegs. Auch die Entscheidungen und die Rhetorik „determiniere“ die Haltung des Landes. Es habe beim Eintritt in den Ersten und Zweiten Weltkrieg keine Mehrheiten in Amerika gegeben, bis die Präsidenten die Entscheidung übernommen hätten. Als „rote Linie“ habe Obama bereits den Konflikt um die Lufthoheit über den Senkaku-Inseln im ostchinesischen Meer bezeichnet und im vergangenen Jahr dazu erklärt: Wenn ein Land die Normen verletzt, sollten die Vereinigten Staaten in den Krieg ziehen. Schließlich empfiehlt Cohen einen „gut begründeten Pessimismus“, immerhin stehen neben den „Geistern der Wiederholung die Propheten des Fortschritts“.

Die Großmächte wissen, was ein Weltkrieg bedeutet

Ebenfall in „The Atlantic“ fragt der Harvard-Professor Graham Allison, wie wahrscheinlich ein neuer Weltkrieg sei. Detailliert vergleicht er Ähnlichkeiten zwischen heute und 1914, aber auch mit Situationen aus der Zeit des Kalten Kriegs. Die größte Gefahr sieht er heute allerdings in einem militärischen Konflikt zwischen China und den Vereinigten Staaten. Zwar sei das Irrationale nicht undenkbar, aber die beiden Großmächte wüssten auch aus der Erinnerung an das 20. Jahrhundert, was ein Krieg bedeutet, was die Gefahr verringere.

Wie unberechenbar Kriege sein können, zeigt in diesen Tagen der Nahe Osten. Doch sollte man die Phantasien über einen eventuellen neuen Weltkrieg nicht überstrapazieren. Die Gefahr ist zwar immer da, sollte aber in den Medien nicht von vornherein mit machtpolitischen Interessen verbunden werden. Aber Schweigen hilft auch nicht weiter – offenbar eine sokratische Aporie.