Atheisten in der Trotzphase

Die erfolglose Bus-Kampagne hat begonnen – Entscheidend wird aber sein, inwieweit die Zivilreligion durch die Neoatheisten Rückenwind bekommt

Nicht alle neoatheistischen Blütenträume reifen: Ende Mai wurde deutschlandweit Christi Himmelfahrt begangen, mancherorts auch der „Vatertag“, doch vom lautstark reklamierten „Evolutionstag“ war nichts zu sehen. Dabei ließ sich zuvor kaum ein Medium die Chance entgehen, groß und breit über den jüngsten Coup der „Giordano-Bruno-Stiftung“ zu berichten. Um den „enormen Erkenntnisgewinn durch die Evolutionstheorie gesellschaftlich stärker zu verankern“, sollte offiziell jener Tag abgeschafft werden, an dem die Christen der leiblichen Rückkehr Jesu zum Vater gedenken. Ein ganzes Land sollte stattdessen feiern, dass Mensch und Affe gemeinsame Vorfahren haben und dass „wir endlich den kindlichen Narzissmus überwunden haben, der uns dazu verleitete, unsere Art als ,Krone der Schöpfung‘ zu betrachten“.

„Fast ausnahmslos

richten sie ihr

Augenmerk auf den Unterleib, auf diese oder jene sexuelle Handlung, mit der sie über diese oder jene Religion ein Generalverdikt ausgesprochen zu haben meinen“

Die rhetorische Koppelung von biblischem Glauben und Infantilität ist typisch für die neoatheistische Kampagnenwelt. Allen Gläubigen dieser Erde unterstellt man, auf einem Stadium menschheitsgeschichtlicher Unreife stehengeblieben zu sein. Einen „Gedankenvirus aus der Bronzezeit“ nennt Richard Dawkins den Monotheismus. Dergleichen intellektualistischer Dünkel wird sodann kombiniert mit einem Denken, das sämtliche Beziehungen als Machtverhältnisse deutet. Das Bild von der „Krone der Schöpfung“ wird vom universellen moralischen Appell zum Drohwort: Wer dem Gott der Bibel die Treue hält, dem sei es nur um Unterjochung, Ausbeutung, Egomanie zu tun.

Ähnlich zwangsfixiert sind die neoatheistischen Propagandisten, wenn sie die religiöse Praxis in den Blick nehmen. Fast ausnahmslos richten sie ihr Augenmerk auf den Unterleib, auf diese oder jene sexuelle Handlung, mit der sie über diese oder jene Religion ein Generalverdikt ausgesprochen zu haben meinen. Caritas, Diakonie, Agape gelangen ebenso selten in das neoatheistische Blickfeld wie die bitter notwendige Debatte über einen zukunftsfähigen Wertekanon, der über das Prinzip Eigennutz hinausginge. Vermutlich deshalb sind von neoatheistischer Seite hierzu kaum Vorschläge zu hören, weil das soziobiologisch gern verherrlichte Prinzip Eigennutz sich in der aktuellen Wirtschaftskrise tüchtig blamiert hat.

Ebenfalls zum Flop zu werden scheint die „säkulare Buskampagne“. Seit dem 30. Mai und noch bis zum 18. Juni fährt ein knallroter Doppeldecker durch Deutschland. Er trägt an seinen Außenwänden die Botschaft „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben.“ Das Interesse an den kostenlosen Stadtrundfahrten und den Vorträgen zum Thema hält sich in sehr engen Grenzen. Vom Aufenthalt etwa in Münster wissen die Veranstalter zu berichten, „eine ganze Handvoll interessierter Fahrgäste und Journalisten“ hätten das Angebot wahrgenommen. Da Neoatheisten nicht nur auf die Macht und den Unterleib, sondern auch auf Zahlen fixiert sind, dürfte es sich um keine Metapher handeln. Ergo ließen sich in Münster exakt fünf Menschen, darunter mindestens zwei Journalisten, bei einer Busfahrt in den Nachteilen des Glaubens unterweisen. In Hamburg war eine neoatheistische Lesung immerhin „gut besucht“, während in Berlin der Doppeldecker es „schwerer“ hatte, „sich gegen die vielen andern Reize zu behaupten“.

Hinter der „Buskampagne“ stehen neben der Bruno-Stiftung unter anderem der „Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten“, der „Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften“ und der „Deutsche Freidenkerverband“. Sie sind allesamt auch im Mitte November 2008 gegründeten „Koordinierungsrat säkularer Organisationen“ (Korso) vertreten. Dessen Grundsatzerklärung ist im selben weinerlichen Tonfall verfasst, den nun die „Buskampagne“ fortführt. „Wir sind es leid“, heißt es bei „Korso“, „wegen unserer Weltanschauung diskriminiert zu werden.“ Der Staat verstoße „eklatant“ gegen das Verfassungsgebot der weltanschaulichen Neutralität. Die Deutschlandtouristen beklagen jetzt, „auch hierzulande haben säkulare Menschen genug davon, absichtsvoll ,übersehen‘ oder moralisch diskreditiert zu werden“.

Einerseits belegt die Entschlossenheit zur Larmoyanz, dass die Bewegung selbst ihre Trotzphase nicht überwunden hat. Ein infantiles Gemüt muss haben, wer die immergleichen derben Späße über machtgierige Pfaffen, triebgesteuerte Kleriker, tumbe Gläubige dauerhaft zu goutieren weiß. Dennoch markieren die Gründung von „Korso“ und die „Buskampagne“ einen wichtigen Schritt auf dem Weg des Neoatheismus zur religionsförmigen politischen Bewegung. Die „Grundsatzerklärung“ von November 2008 lässt keinen Zweifel daran, dass das vordringliche Ziel politische Partizipation, also der Einfluss auf eine künftige Gesetzgebung ist.

Der „Korso“-Forderungskatalog reicht von einem bundesweiten „integrativen Pflichtfach zur Wertevermittlung“ über die „Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften als freie Träger von Sozial-, Kultur- und Bildungseinrichtungen“ bis hin zur „eigenen und angemessenen Vertretung in Ethikräten, Rundfunkräten, Bundesprüfstellen“ und der „Gleichbehandlung in den öffentlich-rechtlichen Medien, besonders bei Sendezeiten“. Hauptadressat ist demnach der Staat, dem eine gezielte Diskriminierung vorgeworfen wird. Die Vokabel ist mit Bedacht gewählt. Nicht nur die besseren Argumente und die praktischere Moral beanspruchen die Neoatheisten für sich, auch das Recht wähnen sie auf ihrer Seite.

Deshalb ist es über die symbolische Bedeutung hinaus ein machtvolles Signal, dass mit der bayerischen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ein Mitglied des Beirats der „Humanistischen Union“ über die Gesetzeslage zwischen Isar und Inn wacht. Die HU gehört zwar im Gegensatz zum „Humanistischen Verband Deutschlands“ nicht dem „Korso“ an, aber die Programmatik deckt sich in weiten Teilen. Auf der Agenda der HU findet sich der Kampf gegen die Kirchen prominent wieder. Die „Abschaffung staatlicher Kirchenprivilegien wie glaubensgebundenen Religionsunterricht als ordentliches Schulfach, Einzug der Kirchensteuer sowie weiterer Finanzierungshilfen“ will man erreichen.

Der Geschäftsführer der HU erklärte vor der Berliner Volksabstimmung der Initiative „Pro Reli“: „Wir sind der Meinung, dass ein Religionsunterricht in staatlicher Verantwortung gegen unsere Verfassung verstößt und die negative Religionsfreiheit einschränkt.“ Das Wir der HU schließt gewiss das Ich der Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ein. Ergeben sich daraus Konsequenzen für den politischen Alltag? Arbeitet die Justizministerin an der Abschaffung des Religionsunterrichts in Bayern? Sie müsste es, nähme sie die Anliegen und die Argumentationsweise jener „Union“ ernst, deren Vorstand sie in den Beirat berief, weil sie sich durch ihr „politisches Wirken um die Ziele und Zwecke des Vereins besondere Verdienste erworben“ habe.

Gewiss knallten auch die Sektkorken Mitte April, als die „Giordano-Bruno-Stiftung“ ein neues Beiratsmitglied begrüßen konnte. Mit der ehemaligen FDP-, ehemaligen SPD-Politikerin und Finanzexpertin Ingrid Matthäus-Maier wuchs auch dort der juristische Sachverstand. Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon erklärte stolz, nun habe man „auch eine gestandene Politikerin in unseren Reihen“, die Zusammenarbeit werde gewiss „sehr fruchtbar“. In der Tat gibt es im 50-köpfigen Beirat außer Matthäus-Maier keine Politikerin. Nachgerühmt wird ihr seitens der Bruno-Stiftung, die „rote Ingrid“ habe 1974 das „erstaunlich fortschrittliche FDP-Kirchenpapier ,Freie Kirche im Freien Staat‘“ mitformuliert, in dem „die Abschaffung der Kirchensteuer und die Ablösung sämtlicher exklusiver Staatsleistungen an die Kirchen“ gefordert wurde. Auch das publizistische Wirken der Neoatheisten dies- wie jenseits dieses Etikettes bleibt konstant. Mittlerweile abgeschlossen wurde das bei Reclam erschienene vierbändige „Kolleg Praktische Philosophie“, das unter wesentlicher Mitwirkung von Autoren der Bruno-Stiftung entstanden ist. Im letzten Band, „Recht auf Rechte“ betitelt, fragte das Beiratsmitglied Norbert Hoerster unter der harmlosen Überschrift „Rechtsethik“: „Muss man wirklich noch darauf hinweisen, wie verheerend sich bestimmte religiöse Einstellungen bis auf den heutigen Tag jedenfalls auch in der politischen Realität immer wieder auswirken?“

Im selben Band erläutert Beiratsmitglied Franz Josef Wetz, weshalb „die säkulare Gesellschaft Religion nur als Privatsache zulassen kann“ und warum der unbedingte Gehorsam gegenüber Gott den „Menschenrechten auf Freiheit, Gleichheit und Toleranz unterzuordnen“ sei. Von einem Menschenrecht auf Toleranz, das wohl eher eine Menschenpflicht wäre, ist jedoch im Grundgesetz nichts zu finden, und dass eine Gesellschaft Religion gesondert „zulassen“ muss, sie ergo auch verbieten könnte, sobald sie keine „Privatsache“ bleibe, ist ebenfalls eine Wetzsche Privatspekulation. Als solche aber kommt sie im geborgten Gewand des Objektiven daher. Weder Wetz noch Hoerster sind im „Kolleg Praktische Philosophie“ als Beiratsmitglieder der Bruno-Stiftung ausgewiesen. Das weltanschauliche Bekenntnis hätte vermutlich Zweifel geweckt an der Solidität des Behaupteten.

Gleichwohl ist damit das zentrale Stichwort ausgesprochen: Der Erfolg der neoatheistischen Kampagnen wird sich nicht daran entscheiden, wieviele Menschen in den roten Doppeldecker steigen oder zum „Kolleg“ greifen oder bei der nächsten Wahl für Sabine Leutheusser-Schnarrenberger stimmen.

„Es soll sich auch jeder Gottgläubige zu Hause seinen Altar aufbauen oder seinen Gebetsteppich ausrollen, aber

in der Öffentlichkeit, in der Gesetzgebung und in der Politik hat

Religion konsequent außen vor zu bleiben“

Entscheidend wird sein, inwieweit das bereits weit fortgeschrittene zivilreligiöse Projekt durch den neoatheistischen Rückenwind zugespitzt werden kann. Hierbei kommt dem Satz von der höchstens als Privatsache geduldeten Religion Scharnierfunktion zu. Ein neoatheistischer Aktivist wie der Comiczeichner Ralf König spricht offen aus, was in einer zivilreligiösen Gesellschaft Allgemeingut werden kann: „Es soll sich auch jeder Gottgläubige zu Hause seinen Altar aufbauen oder seinen Gebetsteppich ausrollen, aber in der Öffentlichkeit, in der Gesetzgebung und in der Politik hat Religion konsequent außen vor zu bleiben.“

Exakt diese Beschneidung des öffentlichen Raums für Religion und damit auch für Gläubige ist Kern der Zivilreligion, wie sie heute zunehmend als alternativlos ausgegeben wird. Ihr Ahnherr, Jean-Jacques Rousseau, forderte bekanntlich ein „rein bürgerliches Glaubensbekenntnis“ als „Gesinnung des Miteinander, ohne die es unmöglich ist, ein guter Bürger und ein treuer Untertan zu sein“. Der Staat dürfe jeden verbannen, der sich dieser Gesinnung verweigere, „als einen, der sich dem Miteinander widersetzt und unfähig ist, die Gesetze und die Gerechtigkeit ernstlich zu lieben“. Die Ansicht etwa, außerhalb der Kirche kein Heil zu finden, genügte schon, um der Bürgerrechte verlustig zu gehen.

Auf dem Weg von der zumindest glaubensindifferenten zivilreligiösen zur offen glaubensfeindlichen neoatheistischen Gesellschaft ist bereits ein beträchtliches Stück zurückgelegt – bei durchaus offenem Ausgang. Deshalb sind Neoatheisten in ihrem Denken nicht nur auf die Macht und den Unterleib und die Zahlenwelt fixiert, sondern auch und vor allem auf den Staat. Mit harter Hand soll er jene Toleranz schaffen, um die dann die Gläubigen vergebens anstehen werden.